VIEL MEHR ALS EINE SITZGELEGENHEIT


Mit wildfremden Menschen ins Gespräch kommen, ohne dass es komisch wirkt: Das bieten die neuen «Plauderbänkli» an verschiedenen Standorten im Kirchenkreis neun. Sie bauen Hemmschwellen ab und fördern die Begegnungskultur im Quartier.

Pfarrerin Muriel Koch (links) und Soziadiakonin Tamara Guyer haben die «Plauderbänkli» im Kirchenkreis neun gemeinsam initiiert. © Edita Truninger Pfarrerin Muriel Koch (links) und Soziadiakonin Tamara Guyer haben die «Plauderbänkli» im Kirchenkreis neun gemeinsam initiiert. © Edita Truninger Plauderbänkli auf dem Chilehügel in Altstetten. © Edita Truninger

Der Chilehügel in Altstetten ist ein beliebter Treffpunkt im Quartier: Der Rasen erstreckt sich den Hügel hinab und lädt zum Verweilen ein, das Bistro bietet erfrischende Getränke im hektischen Stadtalltag. Auch an diesem sommerlichen Mittwochnachmittag ist viel los: Die Katechetinnen haben den Religionsunterricht unter die schattigen Bäume verlegt, Kinder spielen auf dem Platz zwischen den beiden Kirchen. In unmittelbarer Nähe – direkt vor dem Eingang zur Alten Kirche – stehen drei Bänke. Unauffällig sehen sie aus, fast etwas verwittert. Auf der Bank in der Mitte ist ein goldenes Schild befestigt: «Plauderbänkli» steht darauf. Also eine Sitzbank, auf der Fremde zufällig zum selben Moment im Alltag innehalten und miteinander ins Gespräch kommen können. Einige Meter entfernt steht ein weiteres Plauderbänkli, weitere befinden sich vor der Neuen Kirche Albisrieden sowie im Gemeinschaftszentrum Loogarten. Nach und nach sollen mehr dazukommen und die Plauderkultur im Quartier fördern. Die Idee dazu stammt ursprünglich aus Grossbritannien.

Gemeinschaft fördern

«Während der Corona-Pandemie haben wir verschiedene Gesprächsgefässe ins Leben gerufen – mit dem Ziel, die Menschen aus ihrer Einsamkeit zu holen und gleichzeitig eine niederschwellige Form der Seelsorge anzubieten», erzählt Pfarrerin Muriel Koch. «Die Plauderbänkli sind jetzt praktisch die Sommervariante davon.» Die junge Pfarrerin und Mutter einer neun Monate alten Tochter ist der Meinung, dass es der Kirche gut tut, wenn sie mehr zu den Menschen geht und nicht alles in bestimmte Gefässe gedrückt wird. Mit den Leuten verweilen, ihnen ihre Zeit schenken – das sei auch eine wichtige Aufgabe der Kirche.

Den ersten Schritt wagen

Als Pfarrerin ist sie auf dem Areal ein bekanntes Gesicht und wird daher oft angesprochen – doch als Privatperson kennt sie das Gefühl, sich überwinden zu müssen, um auf jemanden zuzugehen. «Einen lockeren Spruch parat zu haben, ist aber gar nicht nötig», findet sie. «Es reicht, wenn man ausdrückt, was einem gerade durch den Kopf geht.» Ausserdem würden die meisten Leute sehr gern über sich sprechen – «da fühlen sie sich kompetent und sicher.» Dass man auf einer Bank nebeneinander und nicht vis-à-vis voneinander sitzt, empfindet sie als entlastend. «Man ist nicht gezwungen, stets Blickkontakt zu halten, kann die Aussicht geniessen, die Gedanken sammeln.» Dies biete Raum für schöne Begegnungen, die nicht per se einem Zweck dienen müssen, sondern eben genau das sind: Schöne Begegnungen. «Man muss ja nicht gleich Nummern austauschen und sich zum Kaffee verabreden.»

Die Anonymität Zürichs fördert ihrer Meinung nach dieses Unverbindliche, Zwanglose. «Ich denke, man ist offener für ein Gespräch, wenn man keine Angst haben muss, dass man die Person um zwei Ecken kennt», so die gebürtige Baslerin. Wie zäh es in der Schweiz manchmal ist, miteinander in Kontakt zu kommen, hat sie nach ihrer Studienzeit in Berlin erlebt: «Zurück in Basel, ist mir das zum ersten Mal so richtig aufgefallen. Ich habe alles so kontrolliert erlebt, in Codes gepresst, die man kennen muss. In Berlin gab es diese Grenzen viel weniger. Klar, die meisten meiner Bekanntschaften stammten ursprünglich auch von woanders. Trotzdem: Ich fand es befreiend.»

Ein kostenloser Treffpunkt für alle

Mittlerweile hat sich eine junge Mutter auf die Bank daneben gesetzt. Sie stillt ihr Kind. Am Sonntagvormittag sei das hier der Treffpunkt für die älteren, weniger mobilen Kirchgemeindemitglieder vor dem Gottesdienst. Muriel Koch zeigt auf den Lindenplatz hundert Meter entfernt, am Fusse des Hügels. Auch dort gibt es Sitzbänke. «Manchmal beobachte ich, wer da so sitzt. Randständige, Teenager, es ist ein bunter Mix.» Eine Sitzbank sei ein Ort, wo man kostenlos eine soziale Begegnung haben könne. Muriel Koch: «Einsame Menschen verbinden mit ihr auch die Hoffnung auf eine soziale Begegnung.» Grundsätzlich ist ja jedes Bänkchen ein Plauderbänkchen – alles, was es braucht, ist der Mut zum ersten Schritt.



Für mehr Informationen zum «Plauderbänkli» steht Muriel Koch unter muriel.koch@reformiert-zuerich.ch gern zur Verfügung.

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