KGZ Logo
News
Pionierfrauen als Wegweiserinnen
Gottesdienste & Feiern

Pionierfrauen als Wegweiserinnen

In den 1980er-Jahren brachen theo­logisch interes­sierte Frauen zu neuen Ufern auf: Sie hinter­fragten die Dar­stellung von bib­lischen Frauen­figuren und gestal­teten gemein­same Gottes­dienste. Wie hat sich diese Auf­bruch­stimmung ange­fühlt – und was ist heute noch von diesem Denken übrig?
07.05.2025Kirchgemeinde
Geschätzte Lesedauer: 3min
Text vorlesen lassen
Gott_ist_keine_Spiesserin_Mitten_am_Tag_stehen_wir_auf_(c)iStock_AlonzoDesign
iStock | Alonzo Design
Das Wichtigste auf einen Blick
Eine Dienstagsvesper in der Johanneskirche reflektierte die feministische Theo­logie der Öku­menischen Frauen­bewegung Zürich. Eine Generationengespräch beleuchtete den Aufbruch und den Widerstand dieser Bewegung, die den Kirchenraum freier gestalten wollte. Die Diskussion zeigt, dass feministisches Denken weiterhin relevant ist.

Eine Vesper mit anschlies­sendem Genera­tionen­gespräch gab Ant­worten. Die Dienstags­vesper in der Johannes­kirche beginnt ganz im Geiste der Öku­menischen Frauen­bewegung Zürich: Die Stühle sind im Kreis ange­ordnet, in einem mittigen Becken schwimmen Rosen­blüten. Für die Litur­gie haben die Pfarrerinnen Tania Oldenhage und Liv Zumstein erfahrene Mit­frauen an ihrer Seite: Irene Gysel, ehe­malige Kirchen­rätin und Autorin sowie Susanne Talbot und Judith Schläpfer – alles Ver­treterinnen der Öku­menischen Frauen­bewegung Zürich der 1990er-Jahren.

Nein, sie kniete nicht

Auch der Ort ist viel­sagend: Die Johannes­kirche im Kirchen­kreis vier fünf. Genau hier fanden 1995 jeden Monat Frauen­gottes­dienste der Öku­menischen Frauen­bewegung Zürich statt. Die Idee: Niemand sollte den Frauen von der Kanzel herab er­zählen, was ihnen un­sinnig er­schien – wie zum Bei­spiel das klischierte Bild der Maria Magdalena als Unter­tänige oder Hure. In un­zähligen Gemälden werde sie vor Jesus kniend dar­gestellt – «dabei muss man nur in der Bibel nach­lesen, um zu begreifen: Sie stand auf­recht», so Pfarrerin Liv Zumstein.

Im Rahmen der Vesper kommen alle fünf Frauen zu Wort: Sie geben preis, wie sie zu Maria Magdalena stehen. Fast alle Ge­schichten handeln davon, wie sehr sich das Bild auf Maria Magdalena im Ver­laufe des Lebens ver­ändert hat. Bis heute ist sich die Wissen­schaft über die Bedeu­tung von Maria aus Magdala in Galiläa uneinig. Für die feminis­tische Theo­logie ist jedoch klar: Unter Jesus Jüngern nahm sie eine zentrale Rolle ein.

gott-ist-keine-spiesserin-edita-truninger
Gestal­teten gemein­sam die Vesper: v. l. Liv Zumstein, Susanne Talbot, Judith Schläpfer, Tania Oldenhage und Irene Gysel. Edita Truninger

Aufbruchstimmung trotz grossem Widerstand

Das anschliessende Generationengespräch im Kirch­gemeinde­haus gaben dem Publi­kum einen tiefen Ein­blick in eine frauen­bewegte Zeit: Die Öku­menische Frauen­bewegung warf damals eine Viel­zahl patriar­chaler Klischees über Bord. Autorin Irene Gysel blickt zurück: «Das Besondere war, dass wir Frauen anfingen, Gottes­dienste selbst zu ge­stalten. Heute scheint es kaum mehr vor­stell­bar: Aber damals war das ein abso­lutes Novum.»

Die Frauen begannen, sich inten­siver mit den feministisch-theo­logischen Schriften aus­einander­zusetzen und trafen sich zum Bei­spiel zu gemein­samen Lese­kreisen. Auch Judith Schläpfer erinnert sich: «Es hat gebrodelt, eine unglaub­liche Auf­bruch­stimmung lag in der Luft.» In der Öffent­lich­keit wurden Themen disku­tiert wie Gesund­heit, Mutter­schaft, Spiri­tualität, weib­liche Frei­heit etc. Das Private war politisch.»

Grosses Misstrauen gegenüber den Frauen

Susanne Talbot, ehemaliges Mit­glied der Öku­menischen Frauen­bewegung Zürich, staunt über die Energie, die sie und ihre Mit­frauen damals für die Sache auf­brachten. «Niemand fühlte sich gezwungen, alle haben es mit so viel Liebe und Freude gemacht.» Irene Gysel muss häufig an die Vor­bereitungs­treffen für die Gestal­tung der Gottes­dienste zurück­denken. «Manches Mal nahmen wir uns Stellen aus der Bibel vor und sagten uns: ‹So etwas kann sich nur ein Mann aus­gedacht haben!›»

Die Autorin verweist auf den enormen theo­logischen Wissens­durst in der Bewegung – doch statt die Frauen einzu­binden, schlug ihnen von akade­mischer Seite sehr viel Miss­trauen ent­gegen. «Die Theolo­gische Fakul­tät der Univer­sität Zürich hat alles sofort abge­klemmt – dabei wäre das doch eine Chance für sie gewesen!» Deshalb zweifle sie heute ein wenig daran, dass etwas von den Errungen­schaften von damals hängen geblieben sei.

Feministisches Denken geriet in Vergessenheit

Liv Zumstein, die Jüngste der Runde, bestätigte diesen Eindruck: «Als ich anfing, Theologie zu studieren, hat es überhaupt nicht mehr gebrodelt.» Sie beschreibt es wie ein Puzzle mit Wissens­steinen, die sie erst im Ver­lauf der Jahre zu einem Bild zusammen­setzen konnte. Sie habe eine Frauen­synode besucht, prägende Frauen kennen­gelernt und so immer mehr über die Bewe­gung und ihre Denk­weise er­fahren. «Das war aber alles nicht insti­tutio­nalisiertes Wissen», so Liv Zumstein.

Kirchenräume freier gestalten

Judith Schläpfer hakt hier ein: «Die Kirche als Insti­tution hatte für uns über­haupt keine Bedeu­tung. Wir haben weit über diesen eng gesteckten Rahmen hinaus­gedacht.» Bis heute seien Kirchen­räume wichtig, «aber wie man sie besetzt und gestal­tet, sollte wieder viel freier sein». Die Frage der Modera­torin Tania Oldenhage, ob wir bereits in der post­patriar­chalen Kirche ange­kommen seien, erntet im vollen Saal viele Lacher des vor­wiegend weib­lichen Publi­kums.

Judith Schläpfer: «Ich glaube, wir müssen die Initi­ative für diese Denk­arbeit wieder mehr an uns nehmen. Schliess­lich können wir die anderen nicht verändern – aber wir können uns aus­drücken.» Eine junge Theo­logie­studentin aus dem Publi­kum beobachtet in der Gesell­schaft Ermüdungs­erscheinungen für feminis­tische Themen und bedankte sich bei den Frauen auf dem Podium für ihre Pionier­arbeit. «Das macht mir Mut und gibt mir Hoff­nung.»

Eine Zuhörerin, die sich als Atheistin be­zeichnet, hätte nie gedacht, dass ihr diese Art von Theo­logie so sehr zusagen würde. «Eine Kirche mit einem feminis­tischen Blick­winkel wird auch für Leute wie mich relevant.» Der letzte Frauen­gottes­dienst der Öku­menischen Frauen­bewegung Zürich fand übrigens 2009 im Frau­münster statt. Dass es sie weiter­hin benötigen würde, hat der Diskussions­abend gezeigt.

Gott ist keine Spiesserin

Frauen und alle Inte­ressierten feiern Gottes­dienst «ohne Herr und Herr­lich­keit». Erfahren Sie mehr zur feministischen Gottesdienstreihe.

Teile diesen Artikel: