Das Velo und der Geist

Die meiste Zeit des Tags rennen wir von A nach B, immer beschäftigt, nie so richtig aufmerksam. Dies ist mit ein Grund, dass Markus Dietz Velofahrende segnet und das entschleunigte Leben propagiert – und für Aufmerksamkeit und Umsicht plädiert.
Ein strahlend blauer Himmel, herrlicher Sonnenschein, warme, aber nicht brütend heisse Temperaturen, kurz gesagt: Am Sonntag, dem 7. Juni, herrscht Kaiserwetter für Velofahrende. Viele nutzen die Gelegenheit, um durch Affoltern an den Katzensee zu radeln. Einige biegen aber auch kurz vor dem Dorfausgang ab. Sie reihen ihre «Göppel» ein in den immer stärker gefüllten Ad-hoc-Veloparkplatz beim Hof von Landwirt Albert Schumacher, nehmen auf den Festbänken unter der mächtigen Linde Platz – und warten auf den angekündigten Gottesdienst für Velofahrende.
Edith und ihr Mann sind sogar extra aus Boppelsen im Furttal hergeradelt, sie wollen anschliessend noch zum Schwimmen an den Katzensee. «Mein Mann hat von der Veranstaltung gehört», sagt Edith, «und weil bei uns in der Kirche heute Konfirmation ist, sagten wir uns: ‹Velofahren und geistige Nahrung, das lassen wir uns nicht entgehen.›»
Drei Personen, ein Velo
Pünktlich um 11 Uhr läutet Sigrist Arbnor Kryeziu eine Handglocke. «Ich bin sozusagen der mobile Kirchturm», sagt er schmunzelnd. Es dauert nicht lang, da kommen die drei Hauptakteure des Gottesdiensts um die Ecke gefahren, stilecht auf einem Tridem.
Am Lenkrad gibt Markus Dietz, Pfarrer im Kirchenkreis elf, die Richtung vor; hinter ihm sorgt die Zürcher Stadträtin Simone Brander, Vorsteherin des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements, für Muskelkraft; den Abschluss macht Judith Bennet, Pfarrerin im Kirchenkreis sieben acht. Kaum abgesessen, stimmt sich die Velogemeinde, unterstützt vom Bläsertrio «Echo vom Zürihorn» mit «Mir sind mit em Velo da» musikalisch auf das Thema des Gottesdiensts ein.

Die Velowege des Lebens
Die drei Hauptakteure schaffen es während der Feier, wichtige Themen ohne Pathos oder Parolen anzusprechen. Pfarrerin Judith Bennett zeigt Gemeinsamkeiten zwischen Velofahren und dem Leben auf: «So wie die Wege beim Fahren vor uns liegen, liegt auch unser Leben vor uns. Mit Kurven und Geraden, mit Aufstiegen und Abfahrten, mit Bekanntem und Überraschendem.»
Simone Brander wirbt für mehr Velo und mehr Rücksicht: «Zürich funktioniert nur, wenn wir aufeinander achten.» Und Pfarrer Markus Dietz erinnert an die eigene Sicherheit auf dem Velo und plädiert für mehr Achtsamkeit und weniger Tempo: «Wir sollten nie schneller unterwegs sein, als unsere Schutzengel fliegen können!» Immer wieder wird gesungen, immer wieder spielt das «Echo vom Zürihorn», und bevor man es sich versieht, ist der Gottesdienst nach dem Segen für die Velofahrenden – nicht die Velos! – auch schon vorüber. Wer Lust hat, darf bei der anschliessenden Teilete einen kleinen Imbiss zu sich nehmen oder sich auf dem Einrad versuchen.
Eine spirituelle Erfahrung
Einige Tage später sitzt Markus Dietz im GZ Buchegg. Er ist wieder mit dem Tridem gekommen, diesmal aber allein. «Das ist etwas anstrengender, aber es geht schon», sagt er lächelnd. Es war bereits der vierte Gottesdienst für Velofahrende, den Markus Dietz geleitet hat. Zufrieden? «Ich habe mich gut gefühlt», sagt er. Natürlich wünsche man sich immer ein wenig mehr Resonanz, aber die 40 bis 50 Teilnehmenden seien mit Lust dabei gewesen und nach dem Gottesdienst ein wenig länger geblieben, um die Angebote wie das Einrad auszuprobieren.
«Es hat mich auch sehr gefreut, dass das mit der Teilete so gut geklappt hat», fügt der Theologe an. Markus Dietz ist als «Velopfarrer» bekannt. Ist Velofahren denn eine spirituelle Erfahrung? «Wenn man nicht wie wild durch das Leben rast, ist das Leben an sich eine spirituelle Erfahrung», sagt er. «Langsam und bewusst unterwegs zu sein, ist ein Geschenk. Schön, wenn dies möglichst vielen Menschen auch bewusst wird.»
Das Leben danach
Markus Dietz ist im Kirchenkreis elf eine velofahrende Institution und auch weit über dessen Grenzen hinaus bekannt. Seit 19 Jahren ist er hier tätig, und er wird nicht müde, sich für eine entschleunigte Lebensweise in unserer rasend hektischen Zeit stark zu machen. «Es lohnt sich, sich immer wieder Zeit zu lassen und so Raum für spirituelle und generell gute Erfahrungen zu schaffen», sagt er. Am Ende des Kirchenjahrs ist jedoch Schluss, der Pfarrer geht in Pension. «Und dann geht das Leben weiter», sagt er lapidar.
Er werde sich sicherlich weiter für das Velo und eine achtsame, nachhaltige Lebensweise einsetzen «und da auch die Kirche nicht ganz aus ihrer Verantwortung entlassen», wie er sagt. Wird er auch wieder Gottesdienste für Velofahrende durchführen? «Man soll nie nie sagen», antwortet er vielsagend. Auf jeden Fall sei er am 26. September beim Gottesdienst für Velobegeisterte dabei, den Judith Bennett leiten wird. Was der Veloweg des Lebens dann für den Velopfarrer bereithält, wird die Zeit zeigen.
Im September geht es weiter
Auch im Kirchenkreis sieben acht wird geradelt! Pfarrerin Judith Bennet lädt Zweiradbegeisterte, ganz besonders auch Familien mit Kindern, am 26. September um 11 Uhr zum Gottesdienst für Velobegeisterte in der Kirche Neumünster ein. Weitere Informationen erhalten Sie hier.


