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Von Agnostik bis Zweitjob
Seelsorge & Beratung

Von Agnostik bis Zweitjob

Der Wirtschaftsdiakon Duke Seidmann sucht im Kirchenkreis eins Selbstständigerwerbende und KMU auf – und fragt sie zuerst einmal nach ihrem Wohlbefinden. Das kommt an.
29.09.2026Marius LeuteneggerKirchenkreis eins
Geschätzte Lesedauer: 5min
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Illustration einer belebten Dorfszene mit Menschen, Häusern, Bäumen, einer Kirche im Hintergrund und einem Flugzeug am Himmel.
zVg
Das Wichtigste auf einen Blick
Duke Seidmann, Wirtschaftsdiakon, bietet Hilfe und Zuhören für Selbstständige und KMU. Durch direkte Gespräche und Wirtschaftsdiakonie stärkt er die Kommunikation und unterstützt Menschen in ihren Nöten. Sein Ansatz basiert auf Zeit, Netzwerk und Wertschätzung für jeden Einzelnen.

Zwar geht es in der Wirtschaft meist vor allem um Zahlen. Hinter diesen Zahlen stehen jedoch Menschen, die ihre Nöte und Sorgen oft für sich behalten, um funktionieren zu können. Der Wirtschaftsdiakon Duke Seldmann hat für Sie ein offenes Ohr.

Nein, ein ausgebildeter Kirchenmann ist der 63-jährige Duke Seidmann nicht – aber ein «Mitglied aus Überzeugung, weil ich die Kirche für einzigartig und notwendig halte», wie er sagt. Viele Jahre lang war er als Werbemarktleiter in der Welt der Medien unterwegs, ehe er sich 2003 selbstständig machte. Seither stärkt er die Kommunikationskompetenzen von Berufsleuten. Er selber ist ein veritables Kommunikationstalent, wie sich beim Kaffee mit ihm rasch herausstellt; er findet schnell den Zugang zu Menschen, kann gut zuhören und weiss immer eine Anekdote, die das Gespräch voranbringt. Kein Wunder, hat er einen grossen Freundes- und Bekanntenkreis. Dazu zählt auch Christoph Sigrist, bis 2024 Pfarrer am Zürcher Grossmünster. «Im Herbst 2020 sassen wir zusammen, und Christoph sagte mir: ‹Wir haben ein Problem.›» Es war die Zeit der Pandemie, und der Pfarrer hörte immer wieder von Schwierigkeiten von Selbstständigerwerbenden und KMU. «Dieser Kreis lag für die Kirche zunehmend in einem toten Winkel», sagt Duke Seidmann. Dabei ist er riesig: Im Kirchenkreis eins gibt es offiziell so viele Betriebe wie Einwohner, fast 6’000.

«S’Füdli lupfe!»

Der Pfarrer und der Kommunikationsfachmann diskutierten, wie die Wirtschaft zu ¬erreichen wäre. Bald erhielten sie Aufmerksamkeit und Unterstützung der Kirchen¬kreiskommission. Diese bat um eine Bedürfnisabklärung. Duke Seidmann schlug vor, das direkte Gespräch mit Handwerkern, Ladenbesitzerinnen, Beizern, Coiffeusen und so weiter zu suchen. «Das tun, was Jesus tat», umschreibt er sein Vorgehen: «S’Füdli lupfe und zu den Menschen gehen! Ihnen in die Seele schauen, mit ihnen in Verbindung treten!» Er engagiere sich für eine Geh-hin-Kirche – in Ergänzung zur Komm-her-Kirche. In nur zwei Jahren sprach er mit über 300 Menschen. Die meisten hätten sich über sein unangemeldetes Erscheinen gefreut. «Die sind es sich gar nicht gewohnt, dass jemand ernsthaft fragt: ‹Wie geht es dir?›. Sie waren glücklich, dass sie jemand wahrnimmt.»

Illustration eines belebten Dorfes mit Menschen, Häusern, einer Kirche, Bäumen und einem Flugzeug am Himmel.
Hört zu und unterstützt: der Wirtschaftsdiakon
zVg

Die Sprache der Wirtschaft

Die Besuche wurden schliesslich institutionalisiert – in Form der «Wirtschaftsdiakonie», die von der reformierten Kirchgemeinde Zürich getragen wird. Duke Seidmann ist in einem Teilzeitpensum mit Leistungsauftrag angestellt. Ein Büro hat er nicht; sein Wirkungsfeld ist die Welt jener, die er aufsucht. «Ich latsche einfach rein», meint er. Glaubwürdig und relevant bei den Menschen zu sein, sei ja ein Grundauftrag der Kirche. «Aber ich komme nicht, um zu missionieren, ich sammle keine Spenden, ich bin einfach da für die Menschen», sagt er. Ein ausgebildeter Sozialdiakon ist er nicht, das sei aber ein Vorteil: «Ich spreche die Sprache der Wirtschaft und kenne die meisten Probleme und Herausforderungen, die an mich herangetragen werden.»

Themen von A bis Z

Duke zupft eine Liste hervor, auf der er die Themen gesammelt hat, um die es im ersten Semester 2026 ging – von A wie Agnostik bis Z wie Zweitjob. Erstaunlich oft wurden Glaubens- und Religionsaspekte angesprochen; häufig auch Existenzsorgen in allen Erscheinungsformen; aber auch praktische Wirtschaftsfragen von Sozialversicherungen bis Arbeitsrecht. «Wir machen keine Wirtschaftsberatung», sagt Duke. «Ich kann Bilanzen lesen und weiss, wie man ein Führungsproblem löst – aber es geht uns um die Menschen.» Die Wirtschaftsdiakonie saniere keine Firmen. Letztlich biete er drei Dinge an, sagt Duke: «Erstens Zeit. Sie ist ein so wertvolles Gut! Gerade auch für Selbstständige, die sich oft selbster vernachlässigen.» Zweitens ein riesiges Netzwerk. «Wir haben immer jemanden für eine Zweitmeinung», sagt er. «Kürzlich organisierten wir zum Beispiel juristischen Rat in einem Konkursverfahren.» Der dritte Aspekt ist das Gottes-, Welt- und Menschenbild, das die reformierte Kirche auszeichnet: «Ich anerkenne die Einzigartigkeit und Würde jedes und jeder Einzelnen», sagt Duke Seidmann. Die Leute, mit denen er zu tun hat, seien im eigenen Selbstverständnis fast unverletzlich, «sie haben keinen Chef, keinen Fixlohn und glauben, sie bräuchten niemanden. Sie sehen sich nie als Opfer. Aber wenn du an sie he¬rankommst, merkst du: Sie sind genauso verletzlich wie alle anderen.»

Es spricht sich herum

Pro Woche führt er heute durchschnittlich rund ein Dutzend Gespräche. Inzwischen geht er nicht nur zu den Leuten, sie treten auch an ihn heran – oft auf Vermittlung von anderen, die bereits positive Erfahrungen mit der Wirtschaftsdiakonie gemacht haben, oder von Menschen aus der Kirche. Der Wirtschaftsdiakon untersteht der Schweigepflicht. «Dies und ein offenbar noch immer vorhandenes Grundvertrauen in die Kirche – auch bei Anders- oder Nichtgläubigen – lässt manche aussprechen, was sie sonst für sich behalten», sagt Duke Seidmann. Manche Menschen, denen er im Rahmen der Wirtschaftsdiakonie begegnete – er hat für sie keine Bezeichnung, es sind weder Klienten noch Kundinnen –, gehören heute seinem Netzwerk an. Etwa ein Flüchtling aus Afrika, der mittlerweile selbster ein Beratungsunternehmen führt. Es sind schöne Geschichten, die Duke Seidmann erzählt, und man könnte ihm lang zuhören. Dabei ist das Zuhören ja seine Kernkompetenz!

Wirtschaftsdiakonie der Altstadtkirchen

Hier finden Sie weitere Informationen, Dokumente und Kontaktmöglichkeiten zur Wirtschaftsdiakonie:

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