Psychische Belastungen: Nicht allein sein

Über psychische Belastungen oder gar Krisen spricht man in der leistungsorientierten Gesellschaft von heute nicht. Dabei wäre es gerade wichtig, sich ein offenes Ohr zu suchen, das einem unbefangen zuhört. Mit Church with you möchte Pfarrer Jörg Wanzek ein solches Ohr sein.
Church with you gibt es seit April 2025. Welche Idee steckt dahinter?
Jörg Wanzek: Bevor ich in den Kirchenkreis sechs kam, war ich als Vertretung in der Psychiatrieseelsorge tätig. Anfangs war ich skeptisch, ob dies für mich das richtige Betätigungsfeld ist, doch ich merkte schnell: Es gibt kaum einen sinnvolleren Ort für Seelsorgende als die Psychiatrie. Dort sind Menschen in existenziellen Krisen, oft verbunden mit einer grossen Verlorenheit. Auch für mich stellten sich dort unglaublich viele Fragen, auch an Gott: Warum muss es diesen Menschen so ergehen? Lässt Gott sie allein? Bis ich gemerkt habe: Vielleicht bin ich als Seelsorger ja genau deshalb hier, um diese Menschen nicht allein zu lassen.
Diese Rolle wollten Sie dann auch ausserhalb der Psychiatrie übernehmen?
Meine Erfahrung war, dass Menschen in psychischen Krisen die seelsorgerlichen Gespräche sehr geschätzt haben – das interessierte, zwischenmenschliche Gespräche auf Augenhöhe, ausserhalb des sonstigen therapeutischen Settings. Meistens rückt aber nach einem Klinikaufenthalt die Seelsorge als Begleitung gar nicht ins Blickfeld. Als ich im November 2024 in der reformierten Kirchgemeinde Zürich begann, reichte ich deshalb Church with you als Innovationsprojekt ein, um ein ambulantes Seelsorgeangebot mit kirchlichem Hintergrund ausserhalb der Psychiatrie auszuprobieren.
Spüren Sie Vorbehalte gegenüber dem kirchlichen Hintergrund?
Im Gegenteil, die Betroffenen schätzen es, dass ein Pfarrer da ist, wo sie sind. Kirche und Glauben stehen aber nicht im Zentrum. Es ist für Church with you keine Voraussetzung, dass die Menschen glauben, auch nicht, dass sie Kirchenmitglied sind. Für manche Gesprächspartner und -partnerinnen kann der Glaube jedoch eine zusätzliche Ebene im Gespräch eröffnen.

Sie gehen mit Church with you hinaus zu den Menschen, statt sie irgendwo in einem Büro zu empfangen. Weshalb?
Weil ich gemerkt habe, dass Menschen in psychischen Krisensituationen nicht zuerst daran denken, dass die Kirche ein Seelsorgeort für sie sein könnte. Man erreicht mich auch in meinem Büro in der Kirche Oberstrass und kann dort etwas abmachen. Aber vielfach gehe ich an die Orte, wo die Leute sind – zum Beispiel jeden Mittwochnachmittag in den Treffpunkt Nordliecht von Pro Mente Sana an der Wehntalerstrasse. Ich bin mit den Leuten, es entstehen spontan Gespräche am Tisch. Man kann mit mir auch eine separate Gesprächszeit reservieren.
Die einjährige Pilotphase ist vorüber. Wie lautet Ihre Bilanz?
Church with you ist ein Volltreffer. Das Thema psychische Gesundheit betrifft viele Menschen und wird immer stärker beachtet. Betroffene nehmen mein Seelsorgeangebot an, nicht nur im Nordliecht. Eine ältere Dame begleite ich zum Beispiel nach ihrem Klinikaufenthalt, wie sie im Alltag wieder Fuss fasst. Regelmässige Gespräche und feste Bezugspersonen sind beim «Schritt zurück» sehr wichtig.
Sie betreiben mit Church with you auch Sensibilisierungsarbeit. Weil es in unserer hochgetakteten, hocheffizienten und selbstoptimierten Gesellschaft verpönt ist, vermeintlich schwach zu sein?
Wir müssen als Gesellschaft einen sensibleren Umgang mit psychischer Verletzlichkeit entwickeln. Gerade in einer Welt, die verlangt, alles im Griff haben zu müssen. Dieser Anspruch überfordert viele Menschen, das zeigen Statistiken deutlich. Fest steht jedenfalls, dass das Thema psychische Gesundheit immer wichtiger wird, auch bei uns in der Kirche. Unter den Pfarrleuten ist aus dem Projekt eine Supervisionsgruppe entstanden, ab November unter der Leitung einer Fachperson von Pro Mente Sana. Wir als Kirche verfügen in dieser Thematik über ein riesiges Potenzial, das ich mit Church with you zu nutzen versuche.
Wie gehen Sie selbst mit dem um, was Sie als Seelsorger zu hören bekommen? Zumal Sie ja auch noch in der Notfallseelsorge engagiert sind …
Gespräche danach, oft mit meiner Frau, sind essenziell wichtig, natürlich unter Wahrung des Seelsorgegeheimnisses. Es tönt vielleicht etwas seltsam, aber eine ausgedehnte Dusche hilft mir auch sehr. Oder das Joggen. Und natürlich das Gebet, am Morgen als Meditation – es hilft mir, meinen Tag sozusagen aus der Quelle heraus zu leben. Und im Moment zu merken, wo Gegensteuer und Ausgleich angesagt sind.
(br.)
Weitere Informationen
Christian Pfister, Co-Präsident der Angehörigenbewegung Stand by you, ist am 11. November zu Gast in der Kirche Unterstrass. Mit Pfarrer Jörg Wanzek spricht er über die Rolle von Angehörigen, über Hilfsangebote und darüber, was sich in Gesellschaft im Umgang mit psychischen Krankheiten ändern sollte. Mehr dazu erfahren Sie hier:
Mehr über das Seelsorgeangebot Church with you erfahren Sie über diesen Link:




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