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Überraschend und überzeugend
Seelsorge & Beratung

Überraschend und überzeugend

Das noch junge monatliche Angebot «Tanz mit der Trauer» in der Alten Kirche Altstetten stösst auf grossen Zuspruch. Der Selbstversuch macht klar, warum das so ist.
04.08.2026Marius LeuteneggerKirchenkreis neun
Geschätzte Lesedauer: 4min
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Verschwommene Aufnahme einer tanzenden Person auf dunklem Hintergrund, Bewegung ist deutlich erkennbar.
«Tanz mit der Trauer» ermöglicht, der eigenen Trauer auf eine andere Weise als im Gespräch zu begegnen. Unsplash
Das Wichtigste auf einen Blick
«Tanz mit der Trauer» in Altstetten bietet eine einfühlsame und befreiende Erfahrung, die Trauernden hilft, sich durch Bewegung und Gemeinschaft zu öffnen. Das monatliche Angebot ermöglicht es, Trauer nonverbal zu verarbeiten und sich getragen zu fühlen.

Über die eigene Trauer zu reden, ist hilfreich. Aber manchmal reicht das nicht. Das monatliche Angebot «Tanz mit der Trauer» in Altstetten bietet eine Ergänzung, die einem nicht nur gut tut, sondern sogar Spass macht.

Manche – und noch eher: mancher – könnte wohl etwas misstrauisch reagieren, wenn ein Angebot «Tanz mit der Trauer» heisst. Erst recht, wenn der Untertitel dann noch verspricht, man werde «den eigenen Seelentanz» entwickeln. Aber um es nach einem Selbstversuch gleich vorwegzunehmen: «Tanz mit der Trauer» ist überhaupt nichts Abgehobenes oder gar Esoterisches. Sondern etwas, das einem einfach gut tut.

Die Teilnehmenden – an diesem Samstagmorgen im Juli ein Dutzend Frauen und zwei Männer – bewegen sich 50 Minuten lang in der stimmungsvollen Alten Kirche Altstetten zu leiser und unaufdringlicher Musik, ruhig und sorgsam angeleitet von Corinne Stillhard. Die Tanzpädagogin schafft zusammen mit Pfarrerin Monika Hirt eine Atmosphäre, in der man sich sofort wohl und aufgehoben fühlt. Die beiden Veranstalterinnen legen so die Basis dafür, dass man sich traut: den Boden zu spüren, die Beine zu bewegen, dann das Becken, jeder und jede auf individuelle Weise.

Es braucht keinen Mut, die Arme zu schwingen, schliesslich auch keine Überwindung, ein Tuch zu nehmen und es mittanzen zu lassen. Das alles befreit, beschwingt. Corinne Stillhard weist die Teilnehmenden an, die Trauer oder die unterschiedlichen Gefühle im Körper wahrzunehmen. Den Körper aus der Enge in die Weite zu führen, wirkt lösend. Irgendwann fliessen sogar Tränen – ein Zeichen dafür, wie getragen sich die Teilnehmenden fühlen, wie sehr sie sich in diesem so unprätentiösen wie geschützten Rahmen öffnen können.

Einfach sein

Die Begeisterung der Teilnehmenden ist gross, wie sich nicht nur an ihrem ungezwungenen Mitwirken zeigt, sondern auch im Anschluss an das Tanzen: Ausnahmslos alle finden sich im Bistro ufem Chilehügel neben der Kirche zu einem gemeinsamen Kaffee ein, plaudern, strahlen, geniessen die Gemeinschaft, die in kürzester Zeit irgendwie auch eine Schicksalsgemeinschaft geworden ist.

«Das ist ein ganz tolles Angebot», sagt die mit 81 Jahren älteste Teilnehmerin. «Ich bin ein Bewegungsmensch und liebe Tanz!» Ihr Bruder, mit dem sie vor einigen Jahren in ein Gesundheitszentrum für das Alter eingetreten war, ist vor kurzer Zeit verstorben. Ein schwerer Schlag, der viel Trauer ausgelöst hat. Auch einige der anderen Teilnehmenden haben einen geliebten Menschen verloren, «Tanz mit der Trauer» richtet sich aber nicht explizit an Hinterbliebene – man kann tanzend jeder Form der Trauer begegnen.

Eine Teilnehmende trauert, wie so viele Menschen, generell über Schicksalsschläge, die das Leben für einen bereithält. «Mir gefällt, in der Gruppe mit anderen zu tanzen – das hat eine sehr beruhigende Wirkung», sagt sie. «Und Bewegung tut einfach gut, ich spüre, wie Glückshormone ausgeschüttet werden.» Eine weitere Teilnehmende findet gerade das Nonverbale des Tanzens attraktiv. «Ich will nicht, dass jemand zu mir kommt und sagt, ich sei eine Arme. Hier lässt man mich einfach sein. Ich finde das Angebot wirklich sehr aussergewöhnlich.»

Zwei Frauen stehen in einem hellen Raum mit Stühlen und buntem Kirchenfenster im Hintergrund.
Sie führen «Tanz mit der Trauer» in der Alten Kirche Altstetten durch: Pfarrerin Monika Hirt und Tanzpädagogin Corinne Stillhard. Marius Leutenegger

«Kerngeschäft der kirchlichen Tätigkeit»

Es ist nicht nur sehr aussergewöhnlich, sondern auch noch sehr jung. Im Juni wurde der «Tanz mit der Trauer» erstmals durchgeführt. Initiiert hat das Angebot Corinne Stillhard, die als Tanzpädagogin überall im Quartier anzutreffen ist. «Zu diesem Projekt wurde ich von einer Jugendlichen in meiner Tanzschule inspiriert», erzählt sie. «Ihr Vater verstarb, und sie wollte ihre Trauer darüber in einem Tanz verarbeiten. Sie bat mich, sie dabei zu unterstützen, und so entwickelten wir zusammen einen Trauertanz, den sie vor ihrer Familie aufführte.»

Der «Seelentanz» sei seither fester Bestandteil ihrer Tanzstunden geworden, sagt Corinne Stillhard. «Und weil ich selber oft in Kirchen tanze, etwa im Rahmen von Performances im Grossmünster, kam mir die Idee, zur Pfarrerin Monika Hirt zu gehen und ‹Tanz mit der Trauer› vorzuschlagen.» Sie rannte offene Türen ein. «Der Umgang mit Trauer ist ein Kerngeschäft unserer kirchlichen Tätigkeit», sagt Monika Hirt. «Wir führen ja auch Trauercafés durch, und dort höre ich immer wieder, dass die Trauer einen als Ganzes betreffe, auch körperlich. Über die Trauer zu reden, tue gut, reiche aber oft nicht.» «Tanz mit der Trauer» ermöglicht nun, der eigenen Trauer auf eine andere Weise als im Gespräch zu begegnen.

Für sich, aber nicht allein

«Wichtig war uns, ein Angebot zu entwickeln, das jeder und jede in Anspruch nehmen kann», sagt die Pfarrerin. Man muss sich für eine Teilnahme nicht qualifizieren – niemand fragt einen nach dem Grund der Trauer, man muss keine tänzerischen Vorkenntnisse mitbringen, um mittanzen zu können. Die mit 26 Jahren jüngste Teilnehmende betont, sie habe mit der Kirche eigentlich wenig zu schaffen. «Aber dieser Zugang zur Trauer ist für mich stimmig.»

Eine andere Teilnehmerin findet, Trauer habe viel zu wenig Platz in unserer Gesellschaft. «Darum ist alles, was mit Trauer zu tun hat, besonders kostbar.» Dass bei beiden bisherigen Durchführungen jeweils 14 Menschen mitmachten, erachten die Veranstalterinnen als Riesenerfolg. Corinne Stillhard sieht im grossen Zuspruch nicht nur eine Bestätigung dafür, dass das Angebot einem Bedürfnis entspricht, sondern auch einen Gewinn für alle Teilnehmenden: «Man erkennt, dass man nicht allein ist, dass andere gleich empfinden – das tut gut.»

Ob sich das Angebot aber einfach so multiplizieren liesse? Bei «Tanz mit der Trauer» kommt viel zusammen: ein idealer Ort, eine so erfahrene wie umsichtige Leitung – und eine zufällig zusammengewürfelte Teilnehmerschaft, die es einem leicht macht, selber mitzutun. Während des Tanzens haben die meisten die Augen geschlossen. Jeder und jede ist für sich. Und doch entsteht so eine Gemeinschaft, die an diesem Samstagmorgen alle trägt.

«Tanz mit der Trauer»

«Tanz mit der Trauer» in der Alten Kirche Altstetten findet wieder am 22. August, 26. September und 24. Oktober um jeweils 10 Uhr statt. Eine Anmeldung ist nicht nötig. Weitere Informationen erhalten Sie hier:

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