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Humor und Reformiertsein
Bildung & Spiritualität

Humor und Reformiertsein

Am 1. April sind Streiche und Lachen garantiert. Aber wie steht es um den Humor im Rahmen des refor­mierten Glaubens?
28.03.2024Kirchgemeinde
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In einem Kurs bei Gisela Matthiae (links) lernte die Pfarrerin Cornelia Camichel (rechts) neue Perspektiven auf Glaube und Humor.
In einem Kurs bei Gisela Matthiae lernte die Pfarrerin Cornelia Camichel neue Perspektiven auf Glaube und Humor. Gion Pfander

Am 1. April führen sich Freund:innen und Familienmitglieder gegenseitig an der Nase herum. Der Scherz­tag ermun­tert dazu, sich selbst nicht zu ernst zu nehmen – und herz­haft mit­ein­ander zu lachen. Humor und Refor­miert­sein: Geht das gut?

«Ich kenne katho­lische Kollegen, die halten uns Refor­mierte ja für ziem­lich humor­los», sagt Cornelia Camichel – und muss erst mal herz­lich lachen. Dass sich dieser Stereo­typ hart­näckig hält, ist der Pfarrerin während ihrer Fort­bildung in Kirchen­clownerie auf­ge­fallen: Viele der anderen Teil­nehmenden stammten aus einem katho­lischen Um­feld. «Persön­lich lebe ich mein Refor­miert­sein anders – das Vor­ur­teil kränkt mich daher nicht.» Die 53-jährige Bündnerin war Pfarrerin in Chur und Davos Platz, bevor sie 2021 die Pfarr­stelle an der Kirche St. Peter antrat. Rück­blickend spricht sie von wert­vollen Im­pulsen, die sie dank der Clownerie-Ausbildung bei der bekannten Clownin und Theo­login Gisela Matthiae erhalten hat.

Humor ist ja oft eine Reak­tion auf das Uner­wartete – deshalb lernte die Gruppe erst mal das Staunen wieder neu. «Der staunende Blick eines Clowns ist ja ähnlich wie der eines Kindes», sagt Cornelia Camichel. Mit­hilfe von Impro­visa­tionen schlüpften die Fort­bildungs­teil­nehmenden in Rollen von Figuren, die in einem Kirchen­raum zwar realis­tisch sind, aber dennoch ganz andere Zugänge ver­körpern. So staubte eine Teil­nehmerin in der Rolle einer Reini­gungs­kraft das Kruzi­fix ab, während eine andere Person als Sigristin die Nummern der Lieder fein säuber­lich auf die Holz­tafel stellte – nota­bene nicht ohne dabei ein Riesen­chaos zu veran­stalten.

Humor schafft Selbstdistanz

Doch wider­spricht es nicht einem stand­haften und ernst­haften Glauben, die Kirche und ihre Devotio­nalien so ins Lächer­liche zu ziehen? «In ganz frommen Kreisen ist Lachen über Gott oder einen Gesandten sicher ein Tabu», so Cornelia Camichel. «Doch Humor kehrt ja genau die bestehenden Herr­schafts­verhält­nisse um.» Über die Obrig­keit herzu­ziehen – das werde ja auch an der Fas­nacht genüsslich gelebt. «Wichtig dabei ist, dass immer nur von unten nach oben gelacht wird», sagt die Pfarrerin. Dass der Witz also von der Person mit dem nied­rigeren Status aus­geht. «Von der Kanzel herab darf sich eine Pfarrerin auf keinen Fall über die Gemeinde lustig machen.» In so genannten Status­übungen hat Cornelia Camichel in der Fort­bildung gelernt, mehr Leichtig­keit in ihr Berufs­verständ­nis zu bringen. Humor als Haltung zur Welt schafft Selbst­distanz, relati­viert die eigene Sicht­weise und ermög­licht einen Per­spek­tiven­wechsel. Ins­beson­dere in Letzterem sieht die Theo­login bedeu­tungs­volle Parallelen zum Glauben: «Der Glaube ist ja nichts anderes: Ein tiefes Ver­trauen, dass man nach bestimmten Ereig­nissen neue Per­spek­tiven findet und Hoff­nung schöpft – auch in Situa­tionen, die zuerst aus­weg­los scheinen.» Dies verdeut­licht sich im Oster­lachen am Oster­sonn­tag, wo die Pfarr­person tradi­tio­neller­weise Witze erzählt, um die Gemeinde zum Lachen zu bringen. Die Freude über Jesu Auf­er­stehung sei eben auch von grosser Er­leich­terung durch­wirkt. «Man lacht, weil sich gezeigt hat, dass das Leben stärker ist als der Tod.»

Eine Frage der Perspektive

Gelacht wird dann, wenn sich die An­spannung löst – und umge­kehrt. Lachen löst und erlöst aus beengenden, fest­gefahrenen Struk­turen. Cornelia Camichel: «Erst vor Kurzem habe ich wieder an mir beob­achtet: Lachen erfasst wirk­lich den ganzen Körper und baut Stress ab.» Dies sei auch für die Seel­sorge eine elemen­tare Erkennt­nis. «Bei der Verab­schiedung von geliebten Menschen achte ich immer darauf, dass auch ge­schmunzelt werden darf.» So werde Humor zur Ressource. Aber natür­lich ist es beim Humor viel­leicht noch wich­tiger als sonst im Leben, den rich­tigen Ton zu treffen. Sarkas­mus und Ironie gehe nicht – und Galgen­humor nur, wenn er wirk­lich von der betroffenen Per­son aus­gehe. Ein tod­kranker Mensch habe das Recht, über seine fehlenden Haare zu witzeln – für Nicht­betroffene sei dies ein Tabu. Auch hier ist der rich­tige Um­gang mit Humor vor allem eine Frage der Per­spek­tive. Ähn­lich wie bei diesem Witz: Eine Dia­beti­kerin bestellt eine Tasse Kaffee. «Mit Milch und Zucker?», fragt der Kellner. Sie antwortet: «Gern mit etwas Milch, aber ohne Zucker – den habe ich schon selber.»

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