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Stärker dank weniger
Bildung & Spiritualität

Stärker dank weniger

In der Passionszeit vor Ostern fasten Christinnen und Christen rund um den Globus. Sie tun das auf vielfältige Weise – wie ein angeregtes Gespräch zeigt.
27.02.2026Marius LeuteneggerKirchgemeinde
Geschätzte Lesedauer: 4min
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Im April 2025 fand in der Predigerkirche ein Aktions- und Suppentag zum Thema Hunger statt.
Das Wichtigste auf einen Blick
Etwa 2,3 bis 2,6 Milliarden Christen verteilen sich auf Hunderte Konfessionen mit unterschiedlichen Fastenpraktiken. Im Christentum gibt es verschiedene Fastenzeiten, wie die 40-tägige vor Ostern. Das Fasten dient der spirituellen Erneuerung und individuellen Verzichtsregeln. Reformierte wie Zwingli haben ein ambivalentes Verhältnis zum Fasten.

Das christliche Haus hat viele Zimmer! Weltweit gibt es etwa 2,3 bis 2,6 Milliarden Christen und Christinnen, die sich auf Hunderte Konfessionen verteilen. Diese unterscheiden sich in unzähligen Details – etwa bei der praktischen Ausübung von Traditionen. Blicken wir aus aktuellem Anlass auf eine davon: das Fasten.

Essen liturgisch umrahmt

Fasten ist Teil praktisch aller Religionen. Die Idee dahinter ist, dass die Gläubigen sich durch Enthaltsamkeit neu besinnen und Gott näher kommen. Im Christentum gibt es verschiedene Fastenzeiten; die wichtigste ist jene vor Ostern. Sie dauert 40 Tage, in Anlehnung an das 40-tägige Fasten von Jesus in der Wüste, nachdem er getauft worden war. Wie wird das Fasten heute in der Passionszeit ausgeübt?

Die Frage geht an Pater Chrysostomos, der sich für diesen Beitrag mit Verena Mühlethaler, reformierte Pfarrerin in der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich, zu einem angeregten Austausch trifft. Er ist Priestermönch der Melkitischen Griechisch-katholischen Kirche, die zwar mit Rom uniert ist, deren Liturgie aber dem byzantinischen Ritus folgt. «Essen ist bei uns als wesentlicher Bestandteil des Lebens auf vielfältige Weise liturgisch umrahmt», sagt der Pater.

Fasten in Stufen

Seine Kirche kennt vier Fastenzeiten – vor Ostern, in der Apostel-Zeit nach Pfingsten, vor Maria Entschlafung im August und im Advent, der im Osten bereits am 15. November beginnt. Die vier Fastenzeiten unterscheiden sich in Länge und Intensität. Längste Fastenzeit ist jene vor Ostern. «Es gibt eine Stufenordnung», sagt Pater Chrysostomos.

Beim strengen Fasten sind kein Öl und Alkohol sowie keinerlei tierische Produkte erlaubt, ausser Weichtiere und Honig. Bei Stufe zwei werden Wein und Öl vom Fastengebot ausgenommen, bei Stufe drei kommt auch noch Fisch hinzu. Ungewöhnlich ist die dreiwöchige Vorfastenzeit: Die Gläubigen gewöhnen sich behutsam ans Fasten.

«Im Osten hat man vielleicht etwas mehr Verständnis für die Schwäche der Menschen als im Westen, wir schätzen die abrupten Übergänge nicht so», meint Pater Chrysostomos lächelnd. Einen «Aschermittwoch», mit dem in den Westkirchen die Fasnachts- schlagartig in die Fastenzeit übergeht, gibt es in den Ostkirchen nicht.

Weniger Social Media und Kaffee

Überhaupt scheint in den Ostkirchen alles etwas fliessender zu sein, als man es zum Beispiel vom römischen Katholizismus kennt. «Jesus hat sich schliesslich gegen jede Regelfrömmigkeit gewehrt», sagt Pater Chrysostomos. Fasten sei ein geistiges Geschehen, das die Umkehr und damit eine lebendige Gottesbeziehung ermögliche – da gehe es «unter keinen Umständen um ein Abarbeiten formaler Regeln».

Es ist daher auch üblich, dass die Gläubigen ihre Fastenregeln individuell mit einem Priester oder einem geistigen Begleiter absprechen. «Dabei geht es um Verzicht auf alles, was über das rechte Mass hinausgeht», sagt Pater Chrysostomos.

Wer sich zu häufig auf Social Media bewegt oder glaubt, ohne Kaffee nicht richtig funktionieren zu können, reduziert diese Abhängigkeiten. Der Pater hofft zwar, dass alle Gläubigen in seinem Umfeld fasten, sagt aber auch: «Wir setzen sehr auf Eigenverantwortung!»

Zwingli brach das Fasten

Das tun die Reformierten bekanntlich auch. Zum Fasten haben sie ein historisch aufgeladenes Verhältnis: Am ersten Fastensonntag 1522 provozierten die Zürcher Reformierten um Huldrych Zwingli die Obrigkeit, indem sie demonstrativ scharfe Rauchwürste verspeisten. Das Zürcher Wurstessen war ein Meilenstein der Reformation.

Zwingli hielt die Pflicht zu Fasten für unbiblisch, sie schränke die christliche Freiheit ein. Er war nicht grundsätzlich gegen das Fasten, sondern gegen den Zwang dazu. «In unserer reformierten Kirche sind Traditionen nicht mehr sehr ausgeprägt», sagt Pfarrerin Verena Mühlethaler.

Wer fasten will, soll das aber unbedingt tun – und kann das sogar in einem organisierten Rahmen machen: In der Passionszeit bietet Verena Mühlethaler zusammen mit ihrem Kollegen Patrick Schwarzenbach eine Fastenwoche an, dieses Jahr vom 21. bis 27. März. Es machen immer 15 bis 20 Leute mit. Gefastet wird gemäss dem deutschen Arzt und Naturheiler Otto Buchinger; man nimmt nur Gemüsebrühe und verdünnte Säfte zu sich, auf feste Nahrung wird verzichtet.

Für Geist, Seele und Körper

Was gewinnt man dadurch? Verena Mühlethaler: «Fasten tut Geist, Seele und Körper gut. Die Wissenschaft zeigt, dass Fasten eine wahre Verjüngungskur ist: Die Zellen werden entgiftet und gereinigt, Entzündungen werden gehemmt.» Gut tue einem auch der Unterbruch vom Alltagstrott. «Abhängigkeiten werden uns bewusst, wenn wir fasten, wir besinnen uns auf das Wesentliche.»

Es gebe auch eine sozial-politische Dimension: «Fasten macht uns bewusst, in welchem Wahnsinnsüberfluss wir leben – und es macht uns durchlässiger für die Probleme von Menschen, die wenig haben.» Den Einwand, Gott habe uns all die wunderbaren Speisen gegeben und wir sollten sie deshalb dankbar geniessen, entkräftet Verena Mühlethaler umgehend: «Es ist ein Effekt des Fastens, dass wir danach wieder erkennen, wie herrlich die Speisen sind. Die Dankbarkeit für grossartiges Essen wird gestärkt – und die Dankbarkeit Gott gegenüber.»

«Ich habe es geschafft!»

In der Fastenzeit werden die biblischen Lesungen in den Gottesdiensten intensiviert, denn das Wort Gottes könne bis zu einem gewissen Grad den leiblichen Hunger stillen. Pater Chrysostomos kann dem nur zustimmen: «Jesus hat gesagt: ‹Ich bin das Brot›. Auch bei uns verlängern sich in der Fastenzeit die Gebetszeiten und die Schriftlesungen.»

Letztlich diene das Fasten der Hinführung des Menschen zu Gott. Und generell zu einem besseren Leben. Verena Mühlethaler: «Hat man es geschafft, kann man stolz auf sich sein. Und es ermutigt einen: Ich kann etwas ändern, ich halte durch.» Das gilt wohl für die Mitglieder aller Konfessionen!

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