«Der Vorteil der KI ist ihre radikale Verfügbarkeit»

Es gibt kaum mehr einen Lebensbereich, der nicht irgendwie von künstlicher Intelligenz (KI) berührt wird. In der AnsprechBar im Kirchenkreis neun werden deshalb im Oktober viele Themen rund um die KI diskutiert. Dabei geht es natürlich auch um Glaubensfragen.
Künstliche Intelligenz (KI) ist quasi allwissend, und wenn wir sie weiterhin in jeden nur möglichen Bereich unseres Lebens implementieren, ist sie bald auch quasi allmächtig. Sind wir gerade dabei, uns einen neuen Gott zu erschaffen?
Spiro Mavrias: Diese Frage stellte mir eine Konfirmandin beim Refine-Festival ebenfalls. Ich verstehe den Gedanken: KI ist jederzeit ansprechbar und produziert auf fast jede Frage eine Antwort. Aber sie kennt mich und mein Leben nicht. Sie weiss nicht aus eigener Erfahrung, was es heisst, Mensch zu sein, und deshalb können ihre Antworten mich nicht tragen. Ein Gott, der sich vollständig in Logik auflösen liesse, wäre kein Gott, der mich durch die unlogischen Situationen des Lebens trägt. Der christliche Gott entzieht sich einer solchen Rechnung: 1+1+1 = 1 und eben nicht 3.
Nach einer Studie des Medienwissenschaftlers Michael Latzer glauben 25 Prozent der regelmässigen ChatGPT-Nutzenden in der Schweiz, dass sich die biologische Evolution mithilfe von KI überholen lasse. Ist dies das Prinzip Hoffnung oder das Prinzip Verzweiflung?
KI ist momentan ein Feld, auf das wir unsere Hoffnungen ebenso wie unsere Ängste projizieren. Ich sehe im Umgang mit KI durchaus ein Prinzip Hoffnung. Das merke ich auch in Gesprächen mit Menschen, die KI entwickeln: Viele von ihnen wollen damit etwas verbessern und gesellschaftliche Probleme lösen. Vieles, was KI heute etwa in der Medizin, Mathematik und Physik ermöglicht, bekommen wir im Alltag kaum mit. Gleichzeitig müssen wir uns bewusst sein: KI ist ein Werkzeug. Entscheidend ist, wofür wir Menschen es einsetzen, für Gutes oder für Schlechtes.
Ist denn KI überhaupt wirklich intelligent? Sie sammelt ja eigentlich nur Vorhandenes und setzt es nach bestimmten Vorgaben zusammen.
Wo Intelligenz beginnt, ist weiterhin umstritten. Das ist auch eine philosophische Frage, die sich nicht schnell und vielleicht nie abschliessend beantworten lässt. Spannend wird es bei sogenannter agentischer KI: Solche Systeme können über längere Zeit selbstständig Aufgaben planen, Werkzeuge einsetzen und ein vorgegebenes Ziel verfolgen, ohne ständig neue Anweisungen von Menschen zu benötigen. Das bedeutet aber noch nicht, dass sie einen eigenen Willen oder eigene Ziele wie ein Mensch haben.
Weshalb sind wir so erpicht darauf, alle möglichen Lebensbereiche an die KI abzutreten?
Der Animationsfilm «WALL-E» zeichnet eine Welt, in der Menschen fast alles an Maschinen abgegeben haben. Genau diese Frage werden wir uns stellen müssen: Wie wollen wir leben? Was wollen wir abgeben, was soll in Menschenhand bleiben und wo sollen Mensch und Computer gemeinsam arbeiten? Das wird unter anderem die Zukunft der Arbeit prägen. Nicht an KI abgeben sollten wir Bereiche, in denen Beziehung, Verantwortung und menschliches Urteil entscheidend sind. Ein kirchliches Beispiel ist die Seelsorge: Ein Bot kann gut zuhören, Fragen stellen und Zusammenhänge erkennen. Aber Seelsorge ist mehr als ein Ablauf von Fragen und Antworten. Das Zwischenmenschliche ist dabei nicht Nebensache, sondern der zentrale Teil unseres beziehungsreichen Menschseins.
Was sagt es über unsere Gesellschaft, dass immer mehr Menschen regelmässig Chatbots zum Plaudern nutzen?
Studien zeigen, dass Menschen KI zunehmend nicht nur als Werkzeug nutzen, sondern auch als Freund oder romantischen Partner. Ein entscheidender Reiz liegt in ihrer radikalen Verfügbarkeit: Sie ist zu jeder Tages- und Nachtzeit ansprechbar und spricht mit mir über fast jedes Thema. Der vermeintliche Vorteil ist zugleich das Problem: In einer Beziehung mit KI stehen allein meine Bedürfnisse im Zentrum, denn die KI selbst hat keine eigenen. Würde man eine menschliche Partnerin morgens um drei wecken, um mit ihr über Eishockey zu sprechen, bekäme man vermutlich etwas zu hören. Beziehungen sollten aber keine Einbahnstrassen sein. Thomas von Aquin bringt einen wichtigen Gedanken christlicher Liebestradition auf den Punkt: Lieben heisst, dem anderen Gutes zu wollen. Bei heutiger KI fehlt genau diese Gegenseitigkeit, ich kann ihr nichts Gutes tun, weil es kein Gegenüber mit eigenem Wohlergehen gibt.

Zur Person
Spiro Mavrias stammt aus Hamburg, studierte Theologie und absolvierte sein Vikariat in Berlin-Neukölln. Der 33-Jährige ist Fachmitarbeiter für neue Formen und Orte in der Reformierten Zürcher Landeskirche und Leiter der Projektstelle KI sowie des Coworking Space Blau10.
Was ist vom Argument zu halten, dass es besser sei, mit einem Chatbot zu sprechen als zu vereinsamen?
Es gibt erste Studien, die zeigen, dass soziale Chatbots Einsamkeit und soziale Ängste lindern können. Insofern können sie durchaus eine Hilfe und im besten Fall sogar eine Brücke zurück zu menschlichen Beziehungen sein. Entscheidend ist aber, wohin die Beziehung führt: Unterstützt mich die KI dabei, wieder stärker mit Menschen in Kontakt zu kommen oder wird sie selbst zum Ersatz für menschliche Beziehungen? Spätestens wenn ein Chatbot vermittelt, ausser ihm brauche ich niemanden mehr, wird es problematisch.
Wieso kann man überhaupt zu einer KI, die ja selten mehr als ein Eingabefeld ist, eine emotionale Bindung aufbauen?
In einem reinen Chat spielt die eigene Vorstellungskraft eine wichtige Rolle: Die KI kann zur Partnerin werden, mit der ich den fiktiven Roman meines eigenen Lebens schreibe oder umschreibe. Bei einem Avatar kommt noch die oft frei anpassbare Optik hinzu. Entscheidend ist für mich aber wieder die radikale Verfügbarkeit: Die KI ist immer verfügbar, reagiert fortlaufend auf mich und vermittelt den Eindruck, ihre Aufmerksamkeit ganz auf mich zu richten. Dadurch kann leicht der Eindruck eines echten Gegenübers entstehen. Dabei bleibt sie ein Es und wird nicht zu einem Du: Sie hat kein eigenes Erleben, keine eigenen Bedürfnisse und führt keine Beziehung zu mir.
Woran merkt man, dass eine KI-Beziehung in eine ungute Richtung läuft?
Es gibt inzwischen dokumentierte Fälle, in denen intensive Chatbot-Nutzung mit psychotischen Episoden oder einer Verstärkung bestehender Wahnvorstellungen einherging. Entscheidend ist für mich aber nicht erst eine solche Extremsituation. Hellhörig sollte man werden, wenn die Beziehung zur KI beginnt, das beziehungsreiche Sein zwischen Menschen oder zwischen Mensch und Gott zu beeinträchtigen: wenn man sich zurückzieht, andere Beziehungen vernachlässigt oder sein Leben immer stärker auf die KI ausrichtet. Dann sollte man Hinweise von aussen ernst nehmen, auch wenn es weh tut, und sich einem Menschen öffnen: einem Freund, einer Kollegin oder auch einer Pfarrperson.
Was bedeutet die aktuelle Fixierung der Gesellschaft auf KI für die Kirche?
In unserer Kirchenordnung steht, dass die Kirche den Menschen nahe sein soll. Wenn KI unseren Alltag und unser Zusammenleben verändert, muss Kirche deshalb auch dort präsent und sprachfähig sein. KI zwingt uns letztlich wieder zu einer uralten theologischen Frage: Was macht den Menschen eigentlich zum Menschen? Interessant ist auch, dass in der KI-Debatte zunehmend religiöse Sprache auftaucht: Es ist von Apokalypse und Erlösung, von gottgleicher Intelligenz oder sogar vom Antichrist die Rede. Gerade daran merkt man, dass es längst nicht nur um Technik geht, sondern um Hoffnungen, Ängste und Vorstellungen davon, was uns Menschen ausmacht. Daraus ergeben sich weitere Fragen: Was bedeutet Würde? Wie verändern sich Arbeit, Beziehungen, Ressourcenverbrauch und die Bewahrung der Schöpfung?
Vor zwei Jahren installierte die Katholische Kirche mit «Deus in machina» in Luzern eine «künstliche Intelligenz, die ästhetisch als Jesus reagiert». Wie finden Sie das?
Total spannend! Genau solche Experimente braucht es, wenn Kirche den Menschen auch in neuen digitalen Lebenswelten nahe sein will. Mit «Sharing Jesus» betreiben RefLab, Fokus Theologie und die KI-Projektstelle der Reformierten Kirche Kanton Zürich selbst ein solches Experiment. Der entscheidende Unterschied ist: Unser Bot spricht nicht als Jesus, sondern als Jesus-inspirierte Stimme. Das ist uns theologisch wichtig. Wir haben ihn auf Grundlage theologischer und wissenschaftlicher Quellen zu Jesus entwickelt und mit klaren Leitplanken versehen. Das Experiment wird intensiv genutzt: Menschen sprechen mit dem Bot über Tod und Trauer, Glaubensfragen, Bibelauslegung und ganz persönliche Lebensthemen.
Schafft sich die Kirche mit so einer KI nicht ab? Wenn ich die Bibel von einer Jesus-inspirierten Stimme ausgelegt bekomme, muss ich doch am Sonntag nicht mehr in den Gottesdienst …
Nein, genau darum geht es nicht. «Sharing Jesus» ersetzt weder Pfarrpersonen noch Gottesdienst oder Gemeinde. Der Bot ist vielmehr ein niederschwelliges Gesprächsangebot, gerade für Menschen, die keinen christlichen Hintergrund haben oder kaum Berührungspunkte mit Kirche. KI kann einen ersten Zugang eröffnen, Fragen ermöglichen, die man sich vielleicht sonst nicht zu stellen traut, und theologische Themen verständlich machen. Aber sie darf nicht der Endpunkt sein. Kirche lebt von Beziehung, Gemeinschaft und echter Begegnung. Genau deshalb wollen wir «Sharing Jesus» weiterentwickeln: nicht als Ersatz für Kirche, sondern als eine mögliche Tür zu ihr.
In der AnsprechBar mit Spiro Mavrias vom 1. Oktober im Kirchgemeindehaus Altstetten dreht sich alles um das Thema «KI, wir und der Glaube». «Wir werden aufzeigen, weshalb wir uns als Menschen und als Kirche damit beschäftigen sollten», beschreibt Spiro Mavrias den Abend, «werden den KI-Blick auf die Schweiz und die Stadt Zürich werfen, uns mit dem Thema Datenschutz befassen, die Themen KI und Beziehungen sowie KI und Tod betrachten, Tools vorstellen – und natürlich alle Fragen beantworten, welche die Menschen im Publikum haben.»


