«Fürsorge und Autorität schliessen einander nicht aus»

Auch wenn Eltern nur das Beste für ihr Kind wollen und «alles richtig» machen, kann es zu herausfordernden Situationen kommen. Warum ist das Kind bockig? Warum schreit es? Warum gehorcht es nicht? Die Gründe für solches Verhalten sind oft nicht auf den ersten Blick erkennbar, weiss Familiencoach Sabrina Ritz. Sie führt am 26. September im bistro uf em chilehügel einen Workshop durch.
Eltern wollen das eine, Kinder wollen etwas anderes, eine der beiden Parteien setzt sich durch: Ist Kindererziehung grundsätzlich ein Machtkampf?
Sabrina Maria Ritz: Zwischen Eltern und Kindern besteht grundsätzlich ein Machtgefälle – und die Eltern sitzen automatisch am längeren Hebel. Die Frage ist, wie Eltern mit ihrer Macht umgehen. Im Alltag kommt es tatsächlich häufig zu Machtkämpfen. Ich bin aber der Meinung, dass das nicht so sein muss. Machtkämpfe sind anstrengend, führen zu Distanz und Trennung. Ich versuche zu vermitteln, wie Eltern Grenzen setzen und Orientierung geben können, ohne dabei die Verbindung zu ihren Kindern zu verlieren. Dass Kinder Grenzen austesten, ist übrigens völlig in Ordnung. Es geht einfach darum, wie die Eltern und Bezugspersonen darauf reagieren.
Der dänische Familientherapeut Jesper Juul sagte sinngemäss: Das Verhalten von Kindern ist das Produkt ihrer Beziehung zu den Eltern – einverstanden?
Mehrheitlich. Die Beziehung ist in jedem Fall zentral, denn sie beeinflusst, wie sicher oder unsicher sich die Kinder fühlen. Fühlen sich Kinder nicht sicher oder stehen sie unter starkem Stress, entwickeln sie – wie auch Erwachsene – Schutzstrategien. Man darf auch nicht vergessen, dass Kinder verschieden sind und sich individuell entwickeln. Neurodivergenz kann dabei ebenfalls eine Rolle spielen. Hinzu kommen die Einflüsse von aussen, der Gesellschaft, die das Verhalten von Kindern beeinflussen, selbst wenn Eltern eine wunderbare Beziehung zu ihren Kindern haben.
Verhalten sich Kinder nicht so, wie man es sich als Eltern wünscht, stellt sich bald einmal die Schuldfrage …
Dabei geht es gar nicht darum, wer Schuld hat, sondern darum zu verstehen, was hinter dem Verhalten steckt und was das Kind braucht, damit es sich anders verhält. Ich bemühe gern das Bild eines Eisbergs: Das Verhalten des Kinds, das man auf den ersten Blick sieht, ist die Spitze. Und Eltern versuchen meist nur, diese Spitze direkt zu verändern. Dabei gilt es, den Blick unter Wasser zum Rest des Eisbergs zu richten und herauszufinden, welches Bild sich dort zeigt. Kinder wollen grundsätzlich kooperieren, und die Eltern wollen das Beste für ihre Kinder – vielleicht liegt es aber an Dingen, die unter der Oberfläche liegen, dass das nicht wie gewünscht funktioniert.
Also ist Kindererziehung so etwas wie Verhaltungsforschung?
Ich mag diesen Vergleich, denn es geht wirklich oft darum, Verhalten zu verstehen und zu erforschen, weshalb sich Kinder so verhalten, wie sie es tun.

Fürsorgliche Erziehung ist gut für die Entwicklung, sagt die Forschung. Eine aktuelle Langzeitstudie des Entwicklungspsychologen Laurence Steinberg zeigt aber auch, dass Kinder aus autoritativ erzogenen Familien langfristig am besten abschnitten – in schulischen Leistungen, im emotionalen Wohlbefinden und in ihrer sozialen Kompetenz. Was gilt denn jetzt?
Erst einmal ist es Irrtum, dass Fürsorge und Autorität einander ausschliessen. In der Erziehung muss beides Platz haben: Wohlwollen und Fürsorge, gleichzeitig aber auch Orientierung und Führung. Dieses Konzept ist als «Neue Autorität» bekannt. Heute vermeiden es viele Eltern, Autorität an den Tag zu legen, weil sie befürchten, sie könnten dann zu streng sein. Das Resultat davon ist, dass den Kindern die Orientierung fehlt. Die Neue Autorität propagiert eine wohlwollende Führung: klar sein, Halt geben, Grenzen setzen – aber auf eine fürsorgliche Art. Die Kunst ist es, die richtige Balance zu finden.
Es ist also nicht verkehrt, auch mal ein Machtwort zu sprechen?
Grundsätzlich nicht, aber es kommt darauf an, wie man das Machtwort spricht. Ein Beispiel: Das Kind will nicht mit Gamen aufhören. Dann kann man als Eltern entweder laut und deutlich werden – oder eben Verständnis für das Verhalten des Kinds zeigen, den Frust und die Enttäuschung des Kinds benennen, ihnen Raum geben, aber gleichzeitig darauf bestehen dass das Game jetzt weggelegt werden muss.
Die antiautoritäre Erziehung der 1960er- und 1970er-Jahre ist demnach nicht zielführend?
Ich würde sagen: ja. Kinder brauchen Orientierung und klare Grenzen. Fehlt dem Kind zu Hause die Orientierung, sucht es sie sich unter Umständen woanders – zum Beispiel im Internet und in den Sozialen Medien.
Apropos Medien: Man sieht immer öfter Mütter und Väter, die das Kind oder den Kinderwagen in der einen und das Handy in der anderen Hand haben. Was sendet das für ein Signal an das Kind?
Eltern nehmen eine wichtige Vorbildfunktion ein. Kinder beobachten uns sehr genau. Wenn wir möchten, dass Kinder einen bewussten Umgang mit dem Handy lernen, gehört für mich auch dazu, dass wir Erwachsenen unseren eigenen Medienkonsum reflektieren. Eltern sollten deshalb versuchen, die gemeinsame Zeit mit ihren Kindern bewusst zu gestalten und das Handy auch einmal wegzulegen.

Zur Person
Sabrina Maria Ritz stammt aus Grengiols VS und lebt seit 2019 in Zürich. Sie arbeitete zunächst als Primarlehrerin, anschliessend als Lernbegleiterin. Sie absolvierte eine Coachingausbildung und verschiedenen Weiterbildungen und gründete schliesslich 2021 Unique Learners. Heute begleitet sie Kinder und Eltern in ihrer Praxis in Zürich und bietet Workshops und Referate im Bereich Elternbildung an.
Wenn Kinder irgendwann sagen: «Aber du machst das ja auch!» …
… ist das durchaus berechtigt, wenn auch nicht uneingeschränkt in jedem Fall. Erwachsene haben nunmal gewisse Privilegien, die Kinder noch nicht haben. Hier zeigt sich das Machtgefälle.
In den Social-Media-Kanälen finden auch Eltern unzählige Tipps für alle möglichen Erziehungslagen. Sollte man diesen Influencern zuhören?
Social Media sind ein zweischneidiges Schwert. Einerseits sind die Informationsflut und die Anzahl unterschiedlicher Meinungen und Standpunkte so unendlich gross, dass sie verunsicherte Eltern noch weiter verunsichern. Andererseits findet man auch durchaus sinnvolle Tipps. Deshalb würde ich Eltern empfehlen, nicht jeden Tipp ungefiltert zu übernehmen, sich auf ein paar vertrauenswürdige Quellen zu fokussieren und kritisch zu hinterfragen, was davon zur eigenen Familie und zur eigenen Situation passt.
Wie sehen Sie die Rolle der Grosseltern, die ja oft Fünfe gerade sein lassen, weniger streng sind, die Kinder verwöhnen?
Grosseltern dürfen ihre Enkel verwöhnen, ganz klar! Sie sollten sich aber nicht in die alltägliche Erziehung einmischen und den Eltern sagen, was sie vermeintlich falsch machen oder anders machen sollten.
Am 26. September geben Sie im bistro uf em chilehügel einen Workshop zum Thema Machtkämpfe in der Kindererziehung. An wen richtet sich das Angebot, und worum geht es?
Vor allem möchten wir Eltern ansprechen, die Kinder im Kindergarten- bis Primarschulalter haben. Es dürfen aber auch gern Grosseltern kommen und Menschen, die im Alltag mit Kindern arbeiten und sie begleiten – alle, die das Verhalten von Kindern besser verstehen und Wege kennen lernen möchten, wie sie darauf angemessen reagieren können. Das Bild des Eisbergs wird natürlich ein Thema sein, zudem werden wir gemeinsam anhand von Beispielen aus dem Alltag erforschen, was unter diesem oder jenem Verhalten stecken könnte, und wie man damit umgeht, ohne dass es in einen Machtkampf ausartet.


