«Man lernt hier nie aus»

In den persönlichen, mehrsprachig angebotenen Führungen erzählen die Guides von der Reformation, von Kunst und Architektur und von ihren eigenen Entdeckungen im Grossmünster. Die Kurzführungen finden von Freitag bis Sonntag statt, dauern rund 10 Minuten und werden jeweils nur vor Ort angekündigt.
Im Interview erzählen Bentje Rebecca Böer und Dominique Candrian, was sie zu ihrem Engagement bewegt und wie sie dabei das Grossmünster selbst noch einmal neu entdeckt haben.
Bentje, Dominique, was hat euch dazu bewogen, euch als Local Church Guide im Grossmünster zu engagieren?
Bentje: Ich freue mich, immer wieder neue Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen. Bei den Local Church Guides kann ich das mit meiner Leidenschaft für Kunst- und Architekturgeschichte verbinden – und dann auch noch an einem so bedeutsamen Ort! Ich war sehr neugierig darauf, diese für die Zürcher Reformation so wichtige Kirche besser kennenzulernen. Man lernt hier nie aus.
Dominique: Mir geht es ähnlich wie Bentje. Es hat einfach alles gepasst: die Lust am Lernen und Teilen, das Interesse an unserer Geschichte, die Strahlkraft der Reformation und die Faszination für das Spannungsfeld von Spiritualität und Kunst. Dazu kommt das Entdecken meiner eigenen Zürcher Wurzeln, symbolisiert durch die beiden Türme des Grossmünsters. Und durch die Local Church Guides-Initiative hat sich eine wirklich nette Gruppe von Menschen gefunden, die unterschiedlicher kaum sein könnte. Ich empfinde auch diesen Aspekt als Bereicherung.
Ihr wurdet für eure Einsätze als Local Church Guides geschult. Was hat euch dabei besonders überrascht?
Dominique: Die Ausbildung war grossartig. Wir spürten viel Herzblut und Fachwissen beim Team der Altstadtkirchen. Die Schulungsführungen zum Kreuzgang, zur Reformation, zur Schriftensammlung und zu den Polke- und Giacometti-Fenstern haben immer wieder Überraschendes hervorgebracht. Die Vorstellung, wie Zwingli seinen «Think-Tank» zusammengesetzt hat und im Chorraum täglich arbeiten liess, ist faszinierend. Beeindruckend finde ich auch die grosse Zahl der Menschen, die das Grossmünster besucht: rund 700 000 jedes Jahr!
Was kann eine persönliche Kurzführung vermitteln, das bei einem Rundgang auf eigene Faust vielleicht verborgen bleibt?
Bentje: Das Grossmünster ist auf den ersten Blick recht schlicht und erschliesst sich vielen ohne Einordnung nicht so leicht. Bei einer Kurzführung bekommt man eine individuell zusammengestellte Mischung aus wichtigen Eckdaten, persönlichen Highlights und Lieblingsanekdoten des jeweiligen Guides. Das macht den Besuch noch eindrücklicher. Und uns bereitet es grosse Freude, aus den Fakten eine kurze, spannende und begeisternde Führung zusammenzustellen.
Welche Themen stossen bei Besucherinnen und Besuchern besonders häufig auf Interesse?
Dominique: Ich bin immer wieder überrascht, wie viel Interesse die Leute an den Kurzführungen zeigen. Es gibt kaum eine Führung, bei der keine Fragen gestellt werden und kein Dialog entsteht. Zur Hitliste gehören das Verhältnis zwischen Zwingli und Luther, die Herstellung der Polke-Fenster oder die Erklärung für den «fehlenden» dritten König im Weihnachtsfenster von Giacometti.
Ihr begegnet Menschen aus aller Welt. Welche Situation ist euch besonders in Erinnerung geblieben?
Bentje: Mit einer Familie habe ich ausführlich über die merkwürdigen Wesen und das Fressen und Gefressenwerden im Kreuzgang gesprochen. Als ich erklärte, dass viele Szenen und Tiere gar nicht eindeutig zu deuten sind und vermutlich die Fantasie und die Gespräche der Chorherren angeregt haben, verkündete der kleine Junge der Familie, er werde jetzt einen Dino suchen – am besten einen T-Rex – und zog los! Das hat wunderschön gezeigt, dass die Tiere und Szenen des Kreuzgangs auch heute noch zu fantasievollen Entdeckungstouren einladen.
Dominique: Die speziellste Begegnung war mit einer Besuchergruppe, die sich während der Kurzführung als ein A-Capella-Ensemble zu erkennen gab. Nach Rücksprache mit der Pfarrperson vor Ort sang die Gruppe spontan einige Stücke. Das Grossmünster war zu jener Zeit schon gut gefüllt und die Atmosphäre war wunderbar.
Wie fällt die erste Zwischenbilanz aus – was bewährt sich bereits, und wie könnte sich das Angebot weiterentwickeln?
Bentje: Die Kurzführungen machen uns allen viel Freude, und auch von den Besucherinnen und Besuchern erhalten wir gute Rückmeldungen. Gleichzeitig haben wir noch viele Ideen – etwa für weitere Herzensthemen oder zusätzliche Sprachen. Das Schöne ist, dass wir dafür die nötige Unterstützung und viel Freiheit bekommen. So kann das Angebot Schritt für Schritt noch vielfältiger werden.
Hat sich der eigene Blick auf das Grossmünster durch die Tätigkeit als Local Church Guide verändert?
Dominique: Mir war nicht bewusst, welche Tiefgründigkeit und Schönheit in der Ausstattung des Grossmünsters sichtbar ist. Ich denke dabei insbesondere an die Komposition der Kirchenfenster. Der Kreuzgang als einmalige Oase in der Altstadt ist ebenfalls eine Horizonterweiterung.
Bentje: Auf jeden Fall! Ich freue mich immer, das Grossmünster im Alltag im Stadtbild zu sehen. Es ist jetzt auch ein bedeutungsvoller Ort für mich persönlich, mit dem ich so viele spannende Nachmittage verbinde. Das Grossmünster gehört nun wirklich zu den heimatlichsten Orten für mich in Zürich.
Über die beiden Local Church Guides
Bentje Rebecca Böer promoviert an der ETH Zürich im Bereich internationale Klimafinanzierung. Zuvor lebte sie in den USA, Italien und Deutschland. Als Local Church Guide verbindet sie ihre Freude an internationalen Begegnungen mit ihrem Interesse an Kunst, Architektur und Zürcher Geschichte.
Dominique Candrian ist gebürtiger Stadtzürcher und studierte Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Er lebte viele Jahre im Ausland, unter anderem in den USA, Deutschland, Belgien, Taiwan, Marokko und Indien. Beruflich ist er als Unternehmer sowie in verschiedenen Verwaltungsratsmandaten in der Energiewirtschaft tätig.




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