Wärmender Rückzugsort

Die Winterstube des Stadtklosters Zürich öffnet auch diesen Winter ihre Türen im Kirchengebäude Matthäus für Menschen in Not. Rund vierzig Freiwillige sorgen an den Wochenenden dafür, dass Bedürftige – meist Obdachlose – warme Räume und Verpflegung erhalten. Von Mitte November bis Ende März, jeweils samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr, finden sie hier einen geschützten Ort. Pfarrer Karl Flückiger engagiert sich ehrenamtlich – und gibt Einblick wie menschlich, herausfordernd und lebendig der Alltag der Winterstube ist.

Karl Flückiger
Präsident Verein Forum Predigerkirche
Kirchenkreis eins
Pfarrhausstrasse 10 8048 Zürich

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Interview nehmen. Bitte beschreiben Sie, wie ein typischer Tag in der Winterstube aussieht?
Schon bevor die Freiwilligen um 10.30 Uhr eintreffen, warten Menschen vor der Tür. Manchmal 3 bis 4, manchmal ein Dutzend. Nach dem Einlass – meist 30 bis 40 Personen im Laufe des Tages – werden die Namen erfasst. Viele möchten duschen oder Wäsche waschen. Da nur 13 Duschplätze zur Verfügung stehen, gilt: Wer zuerst kommt, hat Vorrang. Einige Gäste helfen beim Kochen mit, wodurch eine schöne Atmosphäre entsteht – es wird geschält, geschnippelt, geplaudert. Oft kaum gekocht, ist das Essen schon wieder aufgegessen. Zur Not haben wir immer Teigwaren im Haus und manchmal muss dann auch Ketchup als Sosse genügen.
Im Laufe des Tages kommen viele spontane Anfragen: Ein Glas fehlt, ein Pflaster wird gebraucht, jemand sucht Zahnpasta oder einen Haarföhn. Jemand benötigt Hilfe bei der Waschmaschine oder mit dem WLAN. Einige ruhen sich auch einfach im Jugendraum aus oder schlafen, andere nutzen ihr Handy oder den Computer. Alkohol ist verboten, geraucht wird nur draussen.
Was schätzen die Gäste besonders?
Vor allem die Wärme, das Ausruhen, ein warmes Essen – und dass jemand da ist. Die Möglichkeit zu duschen, sich zu waschen oder einfach Mensch unter Menschen zu sein, ist für viele existenziell. Die Winterstube ist Zuflucht und Begegnungsort. Deshalb sind wir auch sehr froh um die Unterstützung durch den Kirchenkreis sechs.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen in der Arbeit?
Nicht jede Not können wir lindern, auch wenn wir möchten. Etwa wenn jemand keinen Schlafplatz findet oder Arbeit sucht. Auch einfache Dinge, wie Schuhe in der richtigen Grösse, fehlen manchmal in unserem Depot. Wir sehen, dass die Schuhe durchnässt und nicht tauglich für die kalten Temperaturen sind, aber wir können in diesem Moment nicht helfen – dann verweisen wir auf andere Hilfsstellen wie Suneboge, Pfuusbus, Heilsarmee, Pace, Yucca oder Iglu. Direkte finanzielle Unterstützung wird nicht geleistet. Selten sind die Leute fordernd, meist einfach nur dankbar. Mit einigen Menschen können wir uns kaum verständigen aufgrund Sprachbarrieren. Oft gibt es aber dann Gäste, die übersetzen können. Es gibt auch Gäste, die in sich gekehrt sind und nicht reden wollen, andere wiederum reden die ganze Zeit. Manchmal treten auch Konflikte unter den Gästen auf, dann braucht es Fingerspitzengefühl, um Ruhe in die Gemeinschaft zu bringen.
An Spitzentagen stösst unsere Infrastruktur an ihre Grenzen. Der Tumbler trocknet zu langsam – ein Industrietrockner wäre hier eine grosse Hilfe. Auch der Bedarf an Kleidung, Essen und Hygieneartikeln steigt stetig. Zum Glück helfen Partner wie Hero, die Bäckerei Hausamman, die Schweizer Tafel, Rotary und viele Private. Doch die Nachfrage bleibt hoch.
Ein weiteres Thema ist die Koordination der Freiwilligen. Gegen Saisonende braucht es immer wieder jene, die spontan einspringen. Jede:r Freiwillige übernimmt eine halbe Tagesschicht pro Monat – wir sind dankbar für jedes Engagement.
Wie reagieren die Anwohnenden?
Einige Nachbar:innen wollten sich aktiv einbringen und helfen inzwischen mit. Andere äusserten Sorgen – etwa über die Menschenansammlungen vor dem Haus. Deshalb laden wir Anfang November zu einer Infoveranstaltung ein. Wir wollen aufklären, Fragen beantworten und das Miteinander stärken.
Welche Unterstützung wird für den kommenden Winter benötigt?
Die Winterstube ist weiterhin auf Freiwillige, Helfende sowie auf Sachspenden angewiesen – besonders Männer-Winterkleider, warme Socken und Unterwäsche. Wer helfen oder sich engagieren möchte, meldet sich bitte bei Frau Berivan Ilis.
Fakten zur Winterstube
Ein Projekt des Stadtklosters Zürich für Menschen in Not: www.stadtkloster.ch/winterstube
In der 8. Saison – zu Beginn in der Bullingerkirche, jetzt im Kirchengebäude Matthäus
Der Kirchenkreis sechs unterstützt das Projekt: Luzius Zurbuchen, Teamleiter Infrastruktur, (luzius.zurbuchen@reformiert-zuerich.ch)
Geöffnet in der Zeit vom 15. November 2025 bis 29. März 2026, jeweils samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr
Rund 40 Gäste (international) pro Tag: viele jüngere Menschen, ¼ davon sind Frauen.
Wollen Sie sich freiwillig engagieren oder Kleider spenden? Bitte melden Sie sich bei der Leitung: Berivan Ilis: b.ilis@gmx.ch.


