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Wärmender Rückzugsort
Gemeinschaft & Engagement

Wärmender Rückzugsort

Die Winter­stube bei der Matthäus­kirche öff­net wieder für Men­schen in Not. Im Inter­view gibt Pfarrer Karl Flückiger Ein­blick in einen lebendigen All­tag, der Hoff­nung schenkt.
16.10.2025Das Inter­view führte Melanie SchmittKirchenkreis sechs
Geschätzte Lesedauer: 3min
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Christian Merz
Das Wichtigste auf einen Blick
Die Winterstube im Stadt­kloster Zürich bietet Obdachlosen an den Wochenenden warme Räume und Ver­pflegung. Freiwillige unterstützen bei Essen, Duschen und Alltags­bedürfnissen. Pfarrer Karl Flückiger leitet das Projekt. Gäste schätzen Wärme, Essen und Zuflucht.

Die Winter­stube des Stadt­klosters Zürich öffnet auch diesen Winter ihre Türen im Kirchen­gebäude Matthäus für Menschen in Not. Rund vierzig Frei­willige sorgen an den Wochen­enden dafür, dass Bedürftige – meist Obdach­lose – warme Räume und Ver­pflegung er­halten. Von Mitte November bis Ende März, jeweils samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr, finden sie hier einen geschützten Ort. Pfarrer Karl Flückiger enga­giert sich ehren­amtlich – und gibt Ein­blick wie mensch­lich, heraus­fordernd und lebendig der Alltag der Winter­stube ist.

Karl Flückiger
Pfarrer Karl Flückiger Stadtkloster

Karl Flückiger

Präsident Verein Forum Predigerkirche

Kirchenkreis eins

Pfarrhausstrasse 10 8048 Zürich

Karl Flückiger

Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Inter­view nehmen. Bitte beschreiben Sie, wie ein typischer Tag in der Winter­stube aussieht?

Schon bevor die Frei­willigen um 10.30 Uhr ein­treffen, warten Menschen vor der Tür. Manchmal 3 bis 4, manchmal ein Dutzend. Nach dem Ein­lass – meist 30 bis 40 Personen im Laufe des Tages – werden die Namen erfasst. Viele möchten duschen oder Wäsche waschen. Da nur 13 Dusch­plätze zur Ver­fügung stehen, gilt: Wer zuerst kommt, hat Vor­rang. Einige Gäste helfen beim Kochen mit, wodurch eine schöne Atmo­sphäre ent­steht – es wird geschält, geschnippelt, geplau­dert. Oft kaum gekocht, ist das Essen schon wieder aufge­gessen. Zur Not haben wir immer Teig­waren im Haus und manch­mal muss dann auch Ketchup als Sosse genügen.

Im Laufe des Tages kommen viele spontane Anfragen: Ein Glas fehlt, ein Pflaster wird gebraucht, jemand sucht Zahn­pasta oder einen Haar­föhn. Jemand benötigt Hilfe bei der Wasch­maschine oder mit dem WLAN. Einige ruhen sich auch einfach im Jugend­raum aus oder schlafen, andere nutzen ihr Handy oder den Computer. Alko­hol ist ver­boten, geraucht wird nur draussen.

Was schätzen die Gäste besonders?

Vor allem die Wärme, das Ausruhen, ein warmes Essen – und dass jemand da ist. Die Möglichkeit zu duschen, sich zu waschen oder einfach Mensch unter Menschen zu sein, ist für viele existen­ziell. Die Winter­stube ist Zuflucht und Begegnungs­ort. Deshalb sind wir auch sehr froh um die Unter­stützung durch den Kirchen­kreis sechs.

Welche Heraus­forde­rungen begegnen Ihnen in der Arbeit?

Nicht jede Not können wir lindern, auch wenn wir möchten. Etwa wenn jemand keinen Schlaf­platz findet oder Arbeit sucht. Auch ein­fache Dinge, wie Schuhe in der rich­tigen Grösse, fehlen manch­mal in unserem Depot. Wir sehen, dass die Schuhe durch­nässt und nicht taug­lich für die kalten Tempera­turen sind, aber wir können in diesem Moment nicht helfen – dann ver­weisen wir auf andere Hilfs­stellen wie Sune­boge, Pfuus­bus, Heils­armee, Pace, Yucca oder Iglu. Direkte finan­zielle Unter­stützung wird nicht ge­leistet. Selten sind die Leute fordernd, meist ein­fach nur dank­bar. Mit einigen Menschen können wir uns kaum ver­ständigen auf­grund Sprach­barrieren. Oft gibt es aber dann Gäste, die über­setzen können. Es gibt auch Gäste, die in sich gekehrt sind und nicht reden wollen, andere wiederum reden die ganze Zeit. Manch­mal treten auch Konflikte unter den Gästen auf, dann braucht es Finger­spitzen­gefühl, um Ruhe in die Gemein­schaft zu bringen.

An Spitzen­tagen stösst unsere Infra­struktur an ihre Grenzen. Der Tumbler trocknet zu langsam – ein Industrie­trockner wäre hier eine grosse Hilfe. Auch der Bedarf an Kleidung, Essen und Hygiene­artikeln steigt stetig. Zum Glück helfen Partner wie Hero, die Bäckerei Hausamman, die Schweizer Tafel, Rotary und viele Private. Doch die Nach­frage bleibt hoch.

Ein weiteres Thema ist die Koordi­nation der Frei­willigen. Gegen Saison­ende braucht es immer wieder jene, die spontan ein­springen. Jede:r Frei­willige über­nimmt eine halbe Tages­schicht pro Monat – wir sind dank­bar für jedes Engage­ment.

Wie reagieren die Anwohnenden?

Einige Nachbar:innen wollten sich aktiv ein­bringen und helfen inzwischen mit. Andere äusserten Sorgen – etwa über die Menschen­ansamm­lungen vor dem Haus. Deshalb laden wir Anfang November zu einer Info­ver­anstaltung ein. Wir wollen auf­klären, Fragen beant­worten und das Mit­einander stärken.

Welche Unter­stützung wird für den kommenden Winter benötigt?

Die Winter­stube ist weiter­hin auf Frei­willige, Helfende sowie auf Sach­spenden ange­wiesen – besonders Männer-Winter­kleider, warme Socken und Unter­wäsche. Wer helfen oder sich enga­gieren möchte, meldet sich bitte bei Frau Berivan Ilis.

Fakten zur Winterstube

Ein Projekt des Stadt­klosters Zürich für Menschen in Not: www.stadtkloster.ch/winterstube

In der 8. Saison – zu Beginn in der Bullinger­kirche, jetzt im Kirchen­gebäude Matthäus

Der Kirchen­kreis sechs unter­stützt das Pro­jekt: Luzius Zurbuchen, Team­leiter Infra­struktur, (luzius.zurbuchen@reformiert-zuerich.ch)

Geöffnet in der Zeit vom 15. November 2025 bis 29. März 2026, jeweils samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr

Rund 40 Gäste (international) pro Tag: viele jüngere Menschen, ¼ davon sind Frauen.

Wollen Sie sich frei­willig enga­gieren oder Kleider spenden? Bitte melden Sie sich bei der Leitung: Berivan Ilis: b.ilis@gmx.ch.

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