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«Weihnachten packt mich ein wie in Watte»
Gemeinschaft & Engagement

«Weihnachten packt mich ein wie in Watte»

Was bedeutet das Fest der Liebe für Menschen, die täg­lich grosse Heraus­forde­rungen bewältigen müssen? Wir haben uns im Sune-Egge des Sozial­werks Pfarrer Sieber umge­hört – und das Fach­spital beein­druckt ver­lassen.
28.11.2025Erik Brühlmann, Marius LeuteneggerKirchgemeinde
Geschätzte Lesedauer: 4min
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Erik Brühlmann
Das Wichtigste auf einen Blick
Im Fachspital Sune-Egge des Sozialwerks Pfarrer Sieber (SWS) wird versucht, Menschen in der Weihnachtszeit mit Andachten und Veranstaltungen etwas Festlichkeit zu vermitteln. Einige Bewohner freuen sich auf die Feiertage mit ihren Familien, während andere, wie Woody, eine weniger sentimentale Einstellung haben. Alice schätzt die Weihnachtsstimmung und den Glauben besonders.

Im Fach­spital Sune-Egge des Sozial­werks Pfarrer Sieber (SWS) ist die Weih­nachts­zeit nicht auto­matisch geprägt von fröh­licher Besinn­lich­keit. «Weih­nachten ist für viele hier eine eher schwierige Zeit», sagt Andreas Käser, der seit 15 Jahren als Seel­sorger beim SWS tätig ist.

«Viele haben keinen Kontakt mehr zu ihren Familien und fühlen sich dann noch ein bisschen ein­samer und aus­geschlossener als sonst schon.» Man versuche im Sune-Egge, diesen Menschen mit Andachten und Ver­anstal­tungen ein bisschen Fest­lich­keit zu ver­mitteln.

Endlich wieder mit Familie

Für jene, die noch Kontakt zu ihren Familien pflegen und viel­leicht sogar die Fest­tage mit ihnen ver­bringen können, ist die Weih­nachts­zeit dafür umso freudiger. «Dieses Jahr freue ich mich richtig auf Weih­nachten», sagt Christine. Die 61-Jährige wohnt in der Arche Zürich, ist aber immer wieder im Sune-Egge anzu­treffen. Manchmal besuche sie andere Leute, die hier leben, manch­mal begebe sie sich für kurze Zeit in Behand­lung.

Weih­nachten ohne die Familie ver­bringen zu müssen, sei hart, wie sie aus eigener Er­fahrung weiss. Dieses Jahr wird es aber anders: «Ich habe mit meinen Kindern und meinen Eltern schon abge­macht, das erste Mal seit langer Zeit wieder», sagt Christine, und man sieht ihr die Freude an. Sie komme sogar fast schon in Weih­nachts­stress, fügt sie lachend an, denn auch in der Arche wird natür­lich Weih­nachten gefeiert.

«Dass ich so lang allein war an Weih­nachten, war auch meine Schuld», gibt sie unum­wunden zu. Die Scheidung habe sie aus der Bahn geworfen, sie habe sich zurück­gezogen, sich in Alkohol und Drogen geflüchtet. «Aber ich habe an mir gearbeitet», sagt sie nicht ohne berech­tigten Stolz.

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Woody fand Weih­nachten früher schön, Christine freut sich dieses Jahr darauf. Erik Brühlmann

Damals und heute

Woody wohnt schon länger im Sune-Egge. Ihn brachte der Alkohol hier­her. Je älter er werde, desto weniger bedeute ihm Weih­nachten, erzählt der sympathische 67-Jährige. «Früher hat es mich immer gefreut, in die strahlenden Augen meiner beiden Kinder zu schauen», erinnert er sich. «Klassische Familien­weih­nachten halt.» Als die Kinder älter wurden, habe der Trubel um Weih­nachten abge­nommen. Er vermisse diese Art Weih­nachten über­haupt nicht. «Das war einmal!», sagt er.

Ein wenig weih­nächt­liche Gefühle kämen natür­lich auch bei ihm auf, wenn es rund­herum glitzert und funkelt, aber abge­sehen vom feinen Essen seien die Fest­tage nicht wahn­sinnig speziell. Dieses Jahr ver­bringt Woody Weih­nachten das erste Mal im Sune-Egge. Vermut­lich, er wisse es noch nicht so genau, denn seine Mutter, mit der er in den letzten Jahren gefeiert hat, lebt mittler­weile im Heim, und seinem Bruder gehe es auch nicht besonders gut.

Traurige Weihnachten

Alice ist erst seit drei Monaten im Sune-Egge. Sie habe eigent­lich nur eine Aus­zeit nehmen wollen, aber es habe ihr hier so gut gefallen, dass sie jetzt wegen ihrer psychischen Probleme und Tabletten­abhängig­keit in der Lang­zeit­pflege bleiben könne. Die 50-Jährige ist das genaue Gegen­teil von Woody: «Von mir aus könnte das ganze Jahr über Weih­nachten sein», sagt sie.

Es gehe nicht um irgend­welche Geschenke, sondern darum, mit der Familie und mit Menschen, die man wirk­lich gern hat, Zeit zu ver­bringen. «Die Stimmung zu Weih­nachten ist so schön und beruhigend, sie packt mich ein wie in Watte», sagt Alice. Sie habe Weih­nachten immer bei ihren geschiedenen Eltern ver­bracht, am 24. und 25. bei der Mutter, am 26. beim Vater.

Dieses Jahr wird jedoch alles anders, weil die Mutter gestorben ist. «Mami und Papi sind die wich­tigsten Menschen im meinem Leben», sagt Alice nach­denk­lich. «Dass ich dieses Jahr an Weih­nachten ohne mein Mami sein muss, macht mich sehr traurig.» Alice berührt einen mit ihrer reflek­tierten, offenen und ruhigen Art. Sie äussert gehalt­volle Gedanken in gepflegter Sprache. Kein Wunder: Sie ist studierte Germa­nistin.

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Alice: «Der Glaube ist das Wichtigste an Weihnachten» Erik Brühlmann

Glaubensfragen

Für reli­giöse Menschen ist Weih­nachten einer der wich­tigsten Fix­punkte im Glaubens­all­tag. «Für mich ist es aber vor allem ein­fach ein Familien­fest», sagt Christine. Als Kind habe sie zwar Nonne werden wollen, lacht sie, und damals sei die ganze Familie zu Weih­nachten immer in den Gottes­dienst ge­gangen. Aber die Er­eig­nisse in ihrem Leben hätten ihren Glauben zum Ver­schwinden ge­bracht. Auch Woody sieht das Ganze nüch­tern. Er sei gar nicht reli­giös, sagt er.

Ganz anders Alice: «Der Glaube ist das Wich­tigste an Weih­nachten!», findet sie. Das habe sie von ihrer Mutter in die Wiege gelegt be­kommen. Auch die Schick­sals­schläge, die sie in ihrem Leben ver­kraften musste, haben ihren Glauben nicht ins Wanken bringen können. «Es war schliess­lich nicht Gott, der meiner Mutter Darm­krebs gegeben hat», sagt sie.

Geschenke sind nicht wichtig

Aber Geschenke spielen bei Alice an Weih­nachten schon auch eine Rolle, oder? «über­haupt nicht», sagt sie, «nur als ich noch ein Kind war, war das anders.» Ganz ähn­lich ist es bei Woody. «Ich mache keine Geschenke», sagt er grad heraus. Nur Christine lächelt. «Ich bastle kleine Geschenke», sagt sie, und wieder blitzt der Schalk in ihren Augen auf. «Ich filze, male, zeichne – kleiner Schnick­schnack, zum Zeichen, dass ich an die andere Person gedacht habe.» Und wieder lacht sie.

Die Stimmung im Sune-Egge ist gelöst. Und als es um die Frage geht, wofür die drei denn dankbar seien, wird die Atmo­sphäre sogar fast ein wenig weih­nachtlich: «Ich bin dank­bar für meine Familie», sagt Christine, «vor allem für meine Mutter. Ich bin froh, dass sie zu mir steht und dass ich sie habe.» Auch Woody sagt, er sei seinen Eltern dank­bar, dass sie ihn auf die Welt gebracht haben.

«Und ich bin dank­bar, dass ich meinen Alkohol­konsum ziem­lich gut im Griff habe», fügt er an. Alice lächelt: «Ich bin dank­bar, dass ich über­haupt auf dieser Welt sein darf.»

Sozialwerk Pfarrer Sieber

Die Stiftung Sozial­werk Pfarrer Sieber (SWS) wurde 1988 vom «Obdach­losen­pfarrer» Ernst Sieber (1927–2018) ins Leben gerufen. Schritt für Schritt wurde das unbüro­kratische Ange­bot für Not­leidende aus­gebaut: Neben vielem anderen ent­standen 1989 das Fach­spital Sune-Egge, 2002 die Not­schlaf­stelle Pfuusbus und 2012 die Not­wohn­siedlung Brot­huuse.

2024 bezog das Fach­spital Sune-Egge ein neues Zuhause direkt neben der Kirche Glaubten. Das Gebäude wurde von der refor­mierten Kirch­gemeinde Zürich für 27 Millionen Franken errichtet; das SWS inves­tierte weitere 13 Millionen Franken mittels zweck­gebun­dener Legate für den Innen­ausbau. Das Fach­spital für Sozial­medi­zin und Abhängig­keits­erkran­kungen Sune-Egge bietet sozial benach­teiligten Menschen mit kombi­nier­ten soma­tischen und psychia­trischen Erkran­kungen ambu­lante und statio­näre Behand­lung. Insge­samt stehen 42 Betten zur Ver­fügung.

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