«Weihnachten packt mich ein wie in Watte»

Im Fachspital Sune-Egge des Sozialwerks Pfarrer Sieber (SWS) ist die Weihnachtszeit nicht automatisch geprägt von fröhlicher Besinnlichkeit. «Weihnachten ist für viele hier eine eher schwierige Zeit», sagt Andreas Käser, der seit 15 Jahren als Seelsorger beim SWS tätig ist.
«Viele haben keinen Kontakt mehr zu ihren Familien und fühlen sich dann noch ein bisschen einsamer und ausgeschlossener als sonst schon.» Man versuche im Sune-Egge, diesen Menschen mit Andachten und Veranstaltungen ein bisschen Festlichkeit zu vermitteln.
Endlich wieder mit Familie
Für jene, die noch Kontakt zu ihren Familien pflegen und vielleicht sogar die Festtage mit ihnen verbringen können, ist die Weihnachtszeit dafür umso freudiger. «Dieses Jahr freue ich mich richtig auf Weihnachten», sagt Christine. Die 61-Jährige wohnt in der Arche Zürich, ist aber immer wieder im Sune-Egge anzutreffen. Manchmal besuche sie andere Leute, die hier leben, manchmal begebe sie sich für kurze Zeit in Behandlung.
Weihnachten ohne die Familie verbringen zu müssen, sei hart, wie sie aus eigener Erfahrung weiss. Dieses Jahr wird es aber anders: «Ich habe mit meinen Kindern und meinen Eltern schon abgemacht, das erste Mal seit langer Zeit wieder», sagt Christine, und man sieht ihr die Freude an. Sie komme sogar fast schon in Weihnachtsstress, fügt sie lachend an, denn auch in der Arche wird natürlich Weihnachten gefeiert.
«Dass ich so lang allein war an Weihnachten, war auch meine Schuld», gibt sie unumwunden zu. Die Scheidung habe sie aus der Bahn geworfen, sie habe sich zurückgezogen, sich in Alkohol und Drogen geflüchtet. «Aber ich habe an mir gearbeitet», sagt sie nicht ohne berechtigten Stolz.

Damals und heute
Woody wohnt schon länger im Sune-Egge. Ihn brachte der Alkohol hierher. Je älter er werde, desto weniger bedeute ihm Weihnachten, erzählt der sympathische 67-Jährige. «Früher hat es mich immer gefreut, in die strahlenden Augen meiner beiden Kinder zu schauen», erinnert er sich. «Klassische Familienweihnachten halt.» Als die Kinder älter wurden, habe der Trubel um Weihnachten abgenommen. Er vermisse diese Art Weihnachten überhaupt nicht. «Das war einmal!», sagt er.
Ein wenig weihnächtliche Gefühle kämen natürlich auch bei ihm auf, wenn es rundherum glitzert und funkelt, aber abgesehen vom feinen Essen seien die Festtage nicht wahnsinnig speziell. Dieses Jahr verbringt Woody Weihnachten das erste Mal im Sune-Egge. Vermutlich, er wisse es noch nicht so genau, denn seine Mutter, mit der er in den letzten Jahren gefeiert hat, lebt mittlerweile im Heim, und seinem Bruder gehe es auch nicht besonders gut.
Traurige Weihnachten
Alice ist erst seit drei Monaten im Sune-Egge. Sie habe eigentlich nur eine Auszeit nehmen wollen, aber es habe ihr hier so gut gefallen, dass sie jetzt wegen ihrer psychischen Probleme und Tablettenabhängigkeit in der Langzeitpflege bleiben könne. Die 50-Jährige ist das genaue Gegenteil von Woody: «Von mir aus könnte das ganze Jahr über Weihnachten sein», sagt sie.
Es gehe nicht um irgendwelche Geschenke, sondern darum, mit der Familie und mit Menschen, die man wirklich gern hat, Zeit zu verbringen. «Die Stimmung zu Weihnachten ist so schön und beruhigend, sie packt mich ein wie in Watte», sagt Alice. Sie habe Weihnachten immer bei ihren geschiedenen Eltern verbracht, am 24. und 25. bei der Mutter, am 26. beim Vater.
Dieses Jahr wird jedoch alles anders, weil die Mutter gestorben ist. «Mami und Papi sind die wichtigsten Menschen im meinem Leben», sagt Alice nachdenklich. «Dass ich dieses Jahr an Weihnachten ohne mein Mami sein muss, macht mich sehr traurig.» Alice berührt einen mit ihrer reflektierten, offenen und ruhigen Art. Sie äussert gehaltvolle Gedanken in gepflegter Sprache. Kein Wunder: Sie ist studierte Germanistin.

Glaubensfragen
Für religiöse Menschen ist Weihnachten einer der wichtigsten Fixpunkte im Glaubensalltag. «Für mich ist es aber vor allem einfach ein Familienfest», sagt Christine. Als Kind habe sie zwar Nonne werden wollen, lacht sie, und damals sei die ganze Familie zu Weihnachten immer in den Gottesdienst gegangen. Aber die Ereignisse in ihrem Leben hätten ihren Glauben zum Verschwinden gebracht. Auch Woody sieht das Ganze nüchtern. Er sei gar nicht religiös, sagt er.
Ganz anders Alice: «Der Glaube ist das Wichtigste an Weihnachten!», findet sie. Das habe sie von ihrer Mutter in die Wiege gelegt bekommen. Auch die Schicksalsschläge, die sie in ihrem Leben verkraften musste, haben ihren Glauben nicht ins Wanken bringen können. «Es war schliesslich nicht Gott, der meiner Mutter Darmkrebs gegeben hat», sagt sie.
Geschenke sind nicht wichtig
Aber Geschenke spielen bei Alice an Weihnachten schon auch eine Rolle, oder? «überhaupt nicht», sagt sie, «nur als ich noch ein Kind war, war das anders.» Ganz ähnlich ist es bei Woody. «Ich mache keine Geschenke», sagt er grad heraus. Nur Christine lächelt. «Ich bastle kleine Geschenke», sagt sie, und wieder blitzt der Schalk in ihren Augen auf. «Ich filze, male, zeichne – kleiner Schnickschnack, zum Zeichen, dass ich an die andere Person gedacht habe.» Und wieder lacht sie.
Die Stimmung im Sune-Egge ist gelöst. Und als es um die Frage geht, wofür die drei denn dankbar seien, wird die Atmosphäre sogar fast ein wenig weihnachtlich: «Ich bin dankbar für meine Familie», sagt Christine, «vor allem für meine Mutter. Ich bin froh, dass sie zu mir steht und dass ich sie habe.» Auch Woody sagt, er sei seinen Eltern dankbar, dass sie ihn auf die Welt gebracht haben.
«Und ich bin dankbar, dass ich meinen Alkoholkonsum ziemlich gut im Griff habe», fügt er an. Alice lächelt: «Ich bin dankbar, dass ich überhaupt auf dieser Welt sein darf.»
Sozialwerk Pfarrer Sieber
Die Stiftung Sozialwerk Pfarrer Sieber (SWS) wurde 1988 vom «Obdachlosenpfarrer» Ernst Sieber (1927–2018) ins Leben gerufen. Schritt für Schritt wurde das unbürokratische Angebot für Notleidende ausgebaut: Neben vielem anderen entstanden 1989 das Fachspital Sune-Egge, 2002 die Notschlafstelle Pfuusbus und 2012 die Notwohnsiedlung Brothuuse.
2024 bezog das Fachspital Sune-Egge ein neues Zuhause direkt neben der Kirche Glaubten. Das Gebäude wurde von der reformierten Kirchgemeinde Zürich für 27 Millionen Franken errichtet; das SWS investierte weitere 13 Millionen Franken mittels zweckgebundener Legate für den Innenausbau. Das Fachspital für Sozialmedizin und Abhängigkeitserkrankungen Sune-Egge bietet sozial benachteiligten Menschen mit kombinierten somatischen und psychiatrischen Erkrankungen ambulante und stationäre Behandlung. Insgesamt stehen 42 Betten zur Verfügung.


