Zwischen Hektik und Hoffnung

Was braucht der Mensch inmitten des grössten Verkehrsknotenpunkts der Schweiz? Einen Kaffee, ein Sandwich, den nächsten Zug? Seit über 20 Jahren beweist die Bahnhofkirche: Manchmal ist es ein Moment der Stille und jemand, der zuhört.
Hauptbahnhof Zürich: Menschen strömen aus den Zügen, eilen über die Bahnsteige, Schritte hallen, Lautsprecheransagen ertönen. Mitten in diesem Gewirr liegt ein Ort wie aus einer anderen Welt. Wer die Rolltreppe unter dem Engel von Niki de Saint Phalle nimmt und sich im ersten Untergeschoss nach rechts wendet, findet sie: die Bahnhofkirche. Zwanzig schlichte Sitzplätze, warmes Licht, eine brennende Kerze – und plötzlich verstummt die Welt draussen.
Ein Ruhepol im Strom der Zeit
Im Juni 2001 wurde im Hauptbahnhof die erste Bahnhofkirche der Schweiz eingeweiht. Sie ist ein ökumenisches Angebot der katholischen und der reformierten Kirche von Stadt und Kanton Zürich und offen für alle Menschen – unabhängig von Religion oder Konfession. Christian Walti beschreibt die Bahnhofkirche als «Ruhepol mitten im grössten Einkaufszentrum der Schweiz und am grössten Schweizer Verkehrsknotenpunkt». Der Grossmünster-Pfarrer arbeitet als Seelsorger in der Bahnhofkirche. Sie ist mit ihrem Raum der Stille ein Ort für Besinnung und Gebet, an dem Menschen Aufmerksamkeit und Unterstützung erhalten. Die Bahnhofkirche funktioniert nach dem Walk-in-Prinzip: Besucher:innen kommen vorbei, ohne vorher einen Termin zu vereinbaren. Die Gespräche sind auf eine halbe Stunde begrenzt, «dadurch kommt schnell Tiefe in den Austausch», sagt der Pfarrer. «Die Bahnhofkirche ist ein Ort ohne Urteile und Bedingungen. Man fragt nie nach dem Namen, und Gastfreundschaft wird bei uns grösser geschrieben als religiöse Zugehörigkeit.»
2800 Gespräche – und jedes zählt
Seelsorger Christian Walti unterscheidet drei Hauptgruppen von Personen, welche die Bahnhofkirche besuchen: Menschen auf Durchreise, die spontan den Kirchenraum aufsuchen, Menschen, die sich im öffentlichen Raum aufhalten und Hilfe suchen sowie Menschen in akuten Krisen, «die dringenden Seelsorgebedarf haben und bewusst für ein Gespräch vorbeikommen». 2024 führte das Seelsorgeteam über 2800 Beratungsgespräche. Neben Gesprächen bietet die Bahnhofkirche werktags Weg-Worte – das sind kurze Andachtstexte. Sie liegen vor Ort bereit und werden als Newsletter verschickt. Das Angebot werde rege genutzt, so Christian Walti: «Die rund 70 gedruckten Exemplare sind in der Regel schnell weg. Unsere Mailing-Liste umfasst über 1000 Adressen.» Die Weg-Worte werden werktags in einer kurzen Besinnung verlesen, täglich vor Schliessung der Bahnhofkirche findet ein kurzes Abendgebet statt.
Nah an Menschen, nahe am Alltag
Das Team der Bahnhofkirche besteht neben Christian Walti aus vier weiteren Seelsorgenden. Eine wichtige Rolle als Kommunikationsschnittstelle und in der Administration spielen auch die Freiwilligen: «Das Team ist multikulturell und multireligiös», sagt der Pfarrer. Das Seelsorgerteam besucht regelmässig die Läden und ist für die Angestellten da. Die Bahnhofkirche sei «die Dorfkirche des Hauptbahnhofs », so Christian Walti. Die Angestellten in den Läden dienten häufig als eine Art Laienseelsorger:innen für ihre Kund:innen, die nach menschlicher Begegnung suchten. Sie verkauften nicht nur Waren, sondern begegneten auch den Menschen.
Neugestaltung 2026
2026 steht eine Renovation der Bahnhofkirche an. «Ich wünsche mir, dass der Raum noch zugänglicher wird», so Christian Walti. Er sieht in der Bahnhofkirche einen Service public der Kirche. «Ich empfinde es für die Gesellschaft als sehr relevant, dass an einem Ort, an dem täglich fast eine Dreiviertelmillion Menschen durchkommen, ein spontanes Seelsorgegespräch möglich ist.» Christian Walti motiviert es, Leuten zu begegnen, die er noch nicht kennt: «Diese spontanen Begegnungen gehören in der Bahnhofkirche zum Programm.» Im Zürcher Hauptbahnhof pulsiert das Leben weiter. Doch wer weiss: Vielleicht entdeckt jemand beim nächsten Gang durch den Hauptbahnhof diesen Ort, an dem man für einen Moment ankommen kann – mitten im Strom der Zeit.
Bahnhofkirche Zürich
Raum der Stille für Besinnung und Gebet, Seelsorgegespräche
Montag–Freitag: 7–19 Uhr, Samstag und Sonntag: 10–16 Uhr, Zürcher Hauptbahnhof, B-Ebene
Flughafen-Seelsorge
Mitten im Trubel des Flughafens Zürich bietet die ökumenische Flughafenkirche seit 1980 einen Ort der Stille und Besinnung. Der lichtdurchflutete Raum lädt Reisende und Flughafen-Mitarbeitende unabhängig von ihren Glauben oder ihrer Religionszugehörigkeit zum Innehalten ein. Täglich finden Gottesdienste statt. Seelsorger:innen stehen werktags für Gespräche bereit.

