Schnelle Hilfe ohne Hürden

Solidara Zürich begleitet Menschen in Not – niederschwellig und unabhängig von Herkunft oder Religion. Mit den Angeboten Café Yucca und Isla Victoria schafft der Verein Räume der Nähe und Unterstützung. Doch Einsamkeit und psychische Belastungen wachsen, die Finanzierung bleibt fragil – die Gesellschaft ist gefordert, Solidarität zu zeigen.
Der Verein Solidara Zürich steht für ein klares Ziel: Menschen in schwierigen Lebenslagen sollen unkompliziert Hilfe erhalten – unabhängig von Herkunft, Geschlecht oder Religion. Seit 1862 engagiert sich der Verein, damals noch als Zürcher Stadtmission, für jene, die durch die Maschen der Gesellschaft fallen. Heute ist Solidara als eigenständiger Verein organisiert und getragen von einem ehrenamtlichen Vorstand mit kirchlicher Verankerung. Laut Geschäftsführerin Beatrice Bänninger könne es praktisch alle treffen, dass sie in eine Notlage gerieten: «Dafür gibt es fast so viele Gründe, wie es Menschen gibt: Unsere Aufgabe ist es, zuzuhören, Perspektiven aufzuzeigen und die Menschen in ihrer Eigenständigkeit zu fördern.»
Kleine Dinge können den Unterschied machen
Im Zentrum der Arbeit von Solidara steht die Niederschwelligkeit. Beatrice Bänninger, ursprünglich Juristin, leitet den Verein seit 2016. Nach vielen Jahren in der Wirtschaft entschied sie sich bewusst für diesen Schritt: «Es ist eine kleine Welt, in der man etwas bewirken kann – aber man kann tatsächlich etwas beitragen, und das ist wunderschön», sagt sie. Wer die Hilfe von Solidara braucht, soll keine Hürden überwinden müssen: keine komplizierten Anmeldungen, keine langen Wartezeiten. Ein Teller warmes Essen, ein Gespräch, ein ruhiger Platz – oft sind es die kleinen Dinge, die Vertrauen schaffen.
Engagiert, kompetent – trotz knapper Ressourcen
Das aus ressourcentechnischen Gründen kleine Team mit 23 Mitarbeitenden ist bewusst vielfältig: Sozialarbeitende, Jurist:innen und Menschen mit medizinischem oder naturwissenschaftlichem Hintergrund bringen ihre Erfahrung ein. Und trotz sehr knapper Ressourcen steht hohe Professionalität an erster Stelle – dank Supervision, regelmässigem Austausch sowie individuellem Coaching nach Bedarf. «Unsere Arbeit ist extrem anspruchsvoll. Höchster Respekt gebührt unseren Mitarbeitenden», so die Geschäftsführerin.
Café Yucca: Wohnzimmer für Menschen in Not
Die Projekte von Solidara schenken Menschen Nähe, Unterstützung und Würde: Das Café Yucca beispielsweise ist für viele ein erweitertes Wohnzimmer, ein Ort zum Essen, Ausruhen und Ankommen. Wer in einer psychischen Krise steckt, wohnungslos oder einsam ist, findet hier fachliche Beratung: Sozialarbeitende helfen bei administrativen Fragen und unterstützen in schwierigen Lebenslagen. So entsteht aus einem niederschwelligen Angebot oft eine tragfähige Begleitung. Auch die Passant*innenhilfe Yucca+, seit Jahren mit kirchlicher Unterstützung ins Yucca eingebunden, bietet unbürokratische Soforthilfe: Menschen in akuten Notlagen erhalten hier rasch Unterstützung – getragen von der Überzeugung, dass Hilfe schnell und unkompliziert sein muss.

Angebote sorgen für geschützten Rahmen
Mit Isla Victoria richtet sich Solidara an Menschen in der Prostitution. Sie finden hier einen geschützten Raum, Beratung und Begleitung. Gesundheitliche Fragen stehen im Vordergrund: kostenlose Tests und Prävention gehören ebenso dazu wie aufsuchende Arbeit in Clubs. Ein weiteres Angebot ist der Mittagstisch – vielfältig, gesund und für nur zwei Franken erhältlich. Vertrauen braucht viel Zeit, doch auch hier zeigt sich Solidaras Stärke: geduldig, beharrlich und respektvoll. Und schliesslich gibt es ein Projekt, das bewusst auf besonders verletzliche Gruppen eingeht: Fraueziit richtet sich an wohnungslose Frauen. Gemeinsam mit Partnerorganisationen wurde ein geschützter Rahmen geschaffen, der Sicherheit und Stärkung ermöglicht – ein stark frequentiertes Angebot, das heute unverzichtbar geworden ist.
Finanzierung bleibt fragil
Solidara wirkt vielfältig – und ist gleichzeitig mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert: Zwar ist die Stadt Zürich reich an sozialen Angeboten, doch viele Menschen fallen durch die Maschen, weil Sprache, Digitalisierung oder Bürokratie den Zugang erschweren. «Öffentliche Stellen leisten viel», sagt Beatrice Bänninger, «doch häufig scheitert es an Details. Wer keine digitale Kompetenz hat oder die Amtssprache nicht versteht – was übrigens auch bei vielen Schweizer:innen der Fall ist –, bleibt draussen.» Für Solidara bedeutet das, dort einzuspringen, wo andere an Grenzen stossen. Gleichzeitig sei die Finanzierung alles andere als gesichert. Nur ein Viertel des Budgets stammt aus Leistungsaufträgen der öffentlichen Hand, knapp 40 Prozent von kirchlichen Partnern, rund 35 Prozent aus Spenden und Kollekten. Einnahmen aus eigenen Angeboten sind marginal. Der Rückzug einzelner Partner verschärft die Lage: «Wir sind deshalb sehr dankbar für jede private Spende», so Beatrice Bänninger, «denn je mehr sich institutionelle Partner zurückziehen, desto wichtiger wird das Engagement von Einzelnen.» Die reformierte Kirchgemeinde Zürich unterstützt Solidara jährlich mit rund einer halben Million Franken.
Wohl der Schwachen ist entscheidend
Die Arbeit von Solidara spiegelt im Grunde ein gesellschaftliches Problem wider: Einsamkeit und psychische Belastungen nehmen zu, die Anforderungen an soziale Arbeit steigen stetig: «Probleme von Personen in schwierigen Lebenslagen sind immer Probleme und Verantwortung der gesamten Gesellschaft», so die Geschäftsleiterin von Solidara. So stehe es auch in der Bundesverfassung: «Die Stärke des Volkes misst sich am Wohl der Schwachen.» Solidara kann so als Spiegel dessen, wie wir Verantwortung füreinander übernehmen, gesehen werden: Und wer Solidara unterstützt, trägt dazu bei, dass die Türen für Menschen in Not offenbleiben – auch in Zukunft.


