Reformierte der ersten Stunde

«Wenn man das Zwinglihaus an der Aemtlerstrasse betritt, ist es ein bisschen so, als würde man einen Schritt nach Italien machen.» Das sagt Herbert Anders, Pfarrer der Waldensergemeinde Zürich. Waldenser ... was? Herbert Anders schmunzelt. Dass die Waldenser in der Schweiz kaum jemand kennt, ist ihm hinlänglich bekannt. «Manche denken, wir seien ein christlicher Orden.» Der evangelische Pfarrer wohnt erst seit einem halben Jahr in Zürich. Zuvor hat er dreissig Jahre in Italien gelebt, die letzten zehn Jahre davon in Rom – denn die Waldenser sind die italienischen Reformierten. Lange Zeit bevor Luther und Zwingli den Lauf der Geschichte prägten, sah die Waldenser-Bewegung bereits Reformbedarf in der katholischen Kirche – und wurde fortan über Jahrhunderte im Namen des Glaubens verfolgt. Zuflucht fand sie in den piemontesischen Bergen, Torre Pellice ist bis heute der Hauptort der Waldenser. Bereits 1532 schloss sich die Reformbewegung der reformierten Kirche an.
Gemeinsamer Gottesdienst als Tradition
In Zürich ist die Chiesa evangelica di lingua italiana seit 1880 ansässig, seit ungefähr zwanzig Jahren in den Räumen der reformierten Kirchgemeinde Zürich, im Zwinglihaus. Dieses wurde den Waldensern zugewiesen und trägt passenderweise den Namen des Urvaters der Zürcher Reformation. «Huldrych Zwingli ist für uns natürlich eine wichtige Figur. Daher ist es ein schöner Vertrauensbeweis, den uns die reformierte Kirchgemeinde Zürich da ausstellt. Auch mit dem Kirchenkreis drei fühlen wir uns herzlich verbunden», so Herbert Anders. Jedes Jahr um den Muttertag herum organisieren die beiden Gemeinden einen gemeinsamen Gottesdienst – abwechselnd in der Bühlkirche oder im Zwinglihaus. Auch das aus geschichtlichen Gründen lange Zeit angespannte Verhältnis zur katholischen Kirche ist passé. Die katholische Kirche Herz Jesu befindet sich in der unmittelbaren Nachbarschaft, «die Ökumene war hier immer schon sehr stark.»
Dass die Freundschaft zwischen den Waldensern und der reformierten Kirchgemeinde Zürich eng ist und bereits sehr lange andauert, kann auch Pfarrer Thomas Fischer bestätigen. «Man kennt sich untereinander, auch wenn die Waldenser im ganzen Kanton verteilt wohnen.» Ab Ende der 60er Jahre gab es die Gemeinschaft von der Kirchgemeinde Wiedikon und den Waldensern im Kirchgemeindehaus an der Üetlibergstrasse. Aber bereits seit den 30er Jahren existiert die Gemeinschaft ideell. Nach dem gemeinsamen Gottesdienst findet jeweils ein «italienisch angemessener» Apéro statt, der rege und lange genutzt werde. «Die Waldenser wurden lange verfolgt – das hat sie zu aufrichtigen, geradlinigen Menschen gemacht, die bei Widerstand nicht gleich den Kopf in den Sand stecken», so Thomas Fischer.

Ausdruck von Italianità
Eine andere Besonderheit der Waldenser Kirchgemeinde besteht in der Verbindung von italienischer Kultur und reformierter Tradition. «Der Kern unserer Gemeinde sind evangelische Italiener:innen, die mit der ersten Einwanderungswelle in den 60er Jahren in die Schweiz kamen und hier eine Familie gründeten», so der Pfarrer, der ursprünglich aus der Bodenseeregion stammt. Es gebe aber auch etliche Schweizer:innen, die wegen ihrer Affinität zur italienischen Sprache und Kultur den Weg ins Zwinglihaus finden würden. «Wir sind eine kantonale, italienischsprachige Gemeinde mit rund 400 Mitgliedern», sagt Herbert Anders und fährt fort: «Hinzu kommen Katholiken, die den Anschluss über die Sprachgemeinschaft suchen.» Die Gottesdienste sowie alle anderen Aktivitäten finden in italienischer Sprache statt. Besonders wichtig für die Gemeinde ist der gemäss Herbert Anders der anschliessende Kirchenkaffee. «Die Gemeindestruktur ist stark – die Menschen sind untereinander gut vernetzt».

Waldenser Identität im Wandel
Die Evangelische Waldenserkirche sieht in Zürich ihre Aufgabe auch darin, neu Eingewanderte aus Italien bei ihrer Integration in der Schweiz zu unterstützen. «Die Anzahl italienischer Einwanderer:innen steigt seit drei, vier Jahren wieder an, weil viele hier Arbeit finden», so der Pfarrer. Ein Grossteil von ihnen ist gut ausgebildet. Man möchte die Dienste der Gemeinde bei neu Eingewanderten noch aktiver anbieten – im Moment werde gerade evaluiert, wofür ein Bedürfnis bestehe. Im Fokus stehen Angebote im Bereich Kinder sowie Dienste der allgemeinen Orientierung. Obwohl keine Migrationskirche, werde die Identität durch die starke Interreligiosität immer wieder neu definiert. Herbert Anders: «Wir Waldenser fühlen uns als Teil der reformierten Kirche und tragen als kulturell stark durchmischte Gemeinschaft zur reformierten Identität bei – was ungemeine Chancen birgt.»

