Lehre statt Leere

In den vergangenen 30 Jahren wurden in der Schweiz über 220 Sakralbauten einer neuen Nutzung zugeführt. In diesen Reigen fügt sich nun die reformierte Kirche Wipkingen ein: Im ehemaligen Gotteshaus werden ab Herbst dieses Jahr Schülerinnen und Schüler für Leben sorgen.
Vor kurzem hat die reformierte Kirchgemeinde Zürich ihre strategische Standortplanung abgeschlossen. Eine der Grundfragen dieser Planungsüberlegungen lautete: Wie können wenig ausgelastete Gebäude und Räume teilweise oder ganz vermietet werden? Eine mögliche Antwort wurde im Kirchenkreis zehn umgesetzt. Die Kirche Wipkingen wurde ein Jahr lang sanft umgebaut. Jetzt verschafft sie der Schule Waidhalde, ihren Lehrpersonen, Schülerinnen und Schülern ab dem neuen Schuljahr dringend benötigten zusätzlichen Platz.
Ein Pionierprojekt
Die reformierte Kirchgemeinde Zürich arbeitet seit 2019 mit der Stadt Zürich zusammen. Ein Resultat dieser Kooperation ist die Umnutzung der Bullingerkirche, die während der Sanierung der Zürcher Rathauses und der Rathausbrücke als Provisorium für den politischen Ratsbetrieb dient. Mit der Umnutzung der reformierten Kirche Wipkingen kommt nun ein weiteres Vorzeigeprojekt zum Abschluss. «Mit der Umnutzung der Kirche Wipkingen betreten wir in Zürich Neuland», sagt Balthasar Glättli, Vorsteher des Schul- und Sportdepartements. «Erstmals wird ein Kirchengebäude direkt für schulische Zwecke genutzt.» Dadurch bleibe der prägende Kirchenbau dem Quartier erhalten; gleichzeitig erhalte er eine neue, lebendige Nutzung.
Seit Jahren leer
Seit 2019 finden in der Kirche Wipkingen keine Gottesdienste mehr statt. «Der Standort am ehemaligen Rebhang über dem Quartier machte es vielen Gemeindegliedern schwer, die Kirche bequem zu erreichen», weiss Kirchenpfleger Michael Hauser, der das Projekt innerhalb seines Ressorts Immobilien betreute. Nach einer Zwischennutzung durch den Verein Klimastreikräume 2020 deponierte die Stadt Zürich bei der reformierten Kirchgemeinde die Anfrage für eine mögliche Umnutzung. Ein Wettbewerb wurde ausgeschrieben, den Vécsey*Schmidt Architekt*innen aus Basel für sich entschieden – mit einem bestechend einfachen Konzept.
Sanfte Eingriffe
Die Vorgaben waren durchaus anspruchsvoll. Die Umbauten mussten die historische Bausubstanz der 1909 vom Zürcher Architekten Jacques Kehrer erbauten Kirche respektieren; aufgrund des Denkmalschutzes mussten sie zudem reversibel sein. Die Verantwortlichen entschieden sich deshalb, nur einen Raum im Erdgeschoss neu zu bauen und durch diese eine Massnahme mehrere Räume zu generieren. Der statisch unabhängige neue Mehrzwecksaal aus Holz nimmt zentral unter die ehemaligen Galerien gesetzt den meisten Platz ein. Um ihn herum entstanden durch die Abtrennung weitere Räume: Verpflegungs- und Betreuungsräume für die Schülerinnen und Schüler, eine Bibliothek und im Obergeschoss ein Sommersaal. Der Mehrzwecksaal kann ausserhalb der Schulzeiten von der Öffentlichkeit genutzt werden.

Suffizienz – nur, was nötig ist
Bei der Planung und Umsetzung legten die Ausführenden viel Wert auf Suffizienz. Was erhalten werden konnte, wurde erhalten, vom einfachen, aber praktischen Schrank bis zur Beleuchtung, die natürlich auf LED-Technologie ertüchtigt wurde. Auch die Kirchenbänke sind noch vorhanden, wenn auch nur teilweise als Sitzgelegenheiten. Die restlichen Bänke wurden dazu verwendet, Wandtäfer, das bei einer Innenrenovation in den 1960er-Jahren entfernt worden war, wieder herzustellen. Auch beim Thema Heizen gilt Suffizienz: Beheizt sind nur die Räume im Erdgeschoss, die mit einer isolierenden Decke bestückt sind. Der Sommersaal bleibt unbeheizt.
Immer noch Kirche
Trotz Umbauten und Umnutzung bleibt die Kirche Wipkingen vom Charakter her ein Kirchenbau – nicht nur von aussen. Die Kanzel mit ihren beiden Aufgängen blieb erhalten und ist deutlich sichtbar; die Kirchenfenster sorgen für viel natürliches Licht; das Rosettenfenster und die Akustik im Obergeschoss verströmen eine geradezu sakrale Atmosphäre. Nur die 60 Jahre alte Orgel musste weichen. Sie wurde 2024 abgebaut und ging als Geschenk nach Kiew in den Kammermusiksaal.
Ein Gewinn für alle
Mit dem Ergebnis des 9,3 Millionen Franken kostenden Projekts sind alle Beteiligten hochzufrieden. «Die Kirche Wipkingen zeigt beispielhaft, wie wir bestehende Gebäude ressourcenschonend weiterentwickeln und für kommende Generationen nutzbar machen können», sagt Tobias Langenegger, Vorsteher des Hochbaudepartements. «Statt neu zu bauen, setzen wir auf kreative Lösungen im Bestand, sparen dabei graue Emissionen und bewahren die Kirche als prägendes Gebäude für die Stadt Zürich.»
Die neuen Räume in der Kirche gäben der Schule den Platz, den das gemeinsame Schulleben dringend braucht, unterstreicht Gabriela Rothenfluh, Präsidentin des Schulkreis Waidberg. Kirchenpfleger Michael Hauser spricht sogar von einer «Win-win-Situation für die Schule, das Quartier und die Kirchgemeinde». Und auch der Kirchenbauer Jacques Kehrer wäre mit der Umnutzung wohl einverstanden. Denn er war nicht nur auf reformierte Sakralbauten, sondern auch auf Schulhausbauten spezialisiert.




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