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Einfach mal abschalten
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Einfach mal abschalten

Jeden Dienstag­nachmittag sorgen Petra Gibler und Eva Torp mit ihrem Inter­kultu­rellen Kreativ Studio für Abwechs­lung im Alltag geflüchteter Menschen. Wer kommt, darf nach Herzens­lust seine Kreativi­tät ausleben und die Sorgen und Nöte des All­tags für zwei Stunden hinter sich lassen.
11.11.2025Erik BrühlmannKirchenkreis vier fünf
Geschätzte Lesedauer: 5min
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Erik Brühlmann
Das Wichtigste auf einen Blick
Das Interkulturelle Kreativ Studio im Bullingerhaus bietet geflüchteten Menschen kostenlos kreative Aktivitäten an, um eine entspannte Atmosphäre zu schaffen, Deutsch zu üben und neue Kontakte zu knüpfen. Ehrenamtlich geführt von Petra und Eva, unterstützt durch Spenden, fördert das Studio künstlerische Talente und bietet Raum für Austausch.

Im ersten Stock des Bullinger­hauses in der Nähe des Albis­rieder­platzes herrscht an diesem Dienstag­nach­mittag rege Geschäftig­keit. Eva Torp und Petra Gibler legen Papier und Pinsel, Stoffe und Bastel­materi­alien bereit. Denn es geht nicht mehr lang, bis das Inter­kultu­relle Kreativ Studio für geflüchtete Menschen die Tür öffnet.

«Wie viele genau kommen, wissen wir nie», sagt Eva Torp. «Man muss sich ja nicht an- oder abmelden. Es können alle kommen, wann sie wollen.» Das Leben von geflüchteten Menschen sei schliess­lich voll von Regeln und Terminen, da wolle man mit dem Kreativ Studio einen Konter­punkt setzen.

Österreichisch-norwegisches Teamangebot

Eva Torp und Petra Gibler kennen einander schon seit vielen Jahren. Die Wienerin Petra Gibler ist Restau­ratorin und hat 15 Jahre lang im Kunst­museum Winterthur als Kunst­restau­ratorin gearbeitet. Seit 10 Jahren ist sie ehren­amtlich im Migrations­bereich tätig – unter anderem an der Welcome to School in Zürich. Dort lernte sie Eva Torp kennen. Die gebürtige Norwegerin arbeitete 40 Jahre lang mit Schülerinnen und Schülern im Migrations­bereich und nach ihrer Pensio­nierung an der Welcome to School.

Gemeinsam leiteten die beiden dort das Fach Kreatives Gestalten. Sie beschlossen schliess­lich, ihr Kreativ­angebot los­gelöst von einem Schul­betrieb anzu­bieten. Nach einigem Suchen stellten die beiden ihr Projekt bei Soli­netz Zürich vor. Der gemein­nützige Verein möchte die Lebens­bedingungen von geflüchteten Menschen ver­bessern. Solinetz liess die Kontakte spielen. «Es ging nicht lang, da sassen wir hier in der Küche und stellten uns Pfarrerin Liv Zumstein vor», sagt Eva.

Die Pfarrerin war begeistert und bot dem Projekt Räumlich­keiten im Bullinger­haus an. «Und so können wir seit August dieses Jahrs unser Inter­kultu­relles Kreativ Studio hier betreiben», beschliesst Petra die Geschichte.

Kein schwarzer Stoff

Kurz nach 16 Uhr kommt Hanin die Treppe hoch. Sie kam vor über 20 Jahren aus der Türkei in die Schweiz. Eva nimmt sie in Empfang, man kennt einander. Es geht direkt ins Näh­zimmer, wo schon zwei alte Näh­maschinen auf ihren Einsatz warten. Hanin möchte einen Rock für sich nähen und sucht sich einen Stoff aus. Zusammen mit Eva wird Mass genommen, disku­tiert. Am Ende fragt die Türkin, ob es viel­leicht einfacher sei, wenn sie nächstes Mal einen Rock von Zuhause als Vorlage mitbringen würde? Perfekt wäre das, antwortet Eva. Doch was will Hanin dann heute tun? Etwas Kleines nähen viel­leicht? Eva ver­schwindet, um Stoff zu suchen.

Zeit für ein kurzes Gespräch. Hanin versteht Hoch­deutsch, doch ihr Wort­schatz ist begrenzt. Dennoch wird schnell klar: Ihr geht es nicht gut. Sie habe über die Jahre viele Familien­mitglieder verloren, erzählt sie, unter anderem bei einem Erdbeben in der Türkei. Sie sitze viel zu Hause und brüte. «Mein Kopf ist nie frei», sagt sie. Sie sei oft depressiv. Ihre Tochter habe sie dazu gebracht, ins Kreativ Studio zu kommen. «Damit ich abschalten kann.» Als Eva mit einem schwarzen Stoff zurückkommt, winkt Hanin entschieden ab: «Kein Schwarz. In meinem Kopf ist es schon immer schwarz.» Lieber versucht sie sich mit Strick­nadeln und bunter Wolle.

Petra Gibler und Eva Torp: kreativ begabt und mit einem Herz für geflüchtete Menschen
zVg

Grosszügige Kirche

Abschalten und einmal an etwas Schönes denken – genau darum geht es beim Inter­kultu­rellen Kreativ Studio in erster Linie. «Wir möchten, dass sich die Menschen bei uns wohl fühlen», sagt Eva, «und wenn sie dann noch etwas Hand­werk­liches lernen, Deutsch prakti­zieren und andere Menschen kennen­lernen, umso besser.» Dass die geflüchteten Menschen, die jeweils am Dienstag­nachmittag vorbei kommen, kaum Geld haben, versteht sich.

Deshalb ist das Inter­kulturelle Kreativ Studio auch gratis. Petra und Eva arbeiten ehren­amtlich. Das Material für die kreativen Projekte stammt von Privaten, aus Spenden und aus Beständen der Kirchen­kreises. Die Kirche und das Team im Bullinger­haus seien von Anfang an sehr gross­zügig und offen gewesen, sind sich Petra und Eva einig.

Farben zum Glück

Im anderen Zimmer, wo gemalt und gebastelt wird, ist Petra derweil noch beschäftigungs­los. «Man weiss halt nie, wann die Menschen kommen», sagt sie. Eine gewisse Stamm­kund­schaft habe sich gefunden, aber grund­sätzlich herrscht ein Kommen und Gehen. «Damit wir einiger­massen einen Über­blick haben und die Namen der Regel­mässigen lernen können, haben wir deshalb ein Gästebuch gebastelt», sagt Petra. «Dort dürfen sich alle eintragen.» Kaum hat sie den Satz beendet, sind auf der Treppe wieder Schritte zu hören.

Die 30-jährige Solin und ihr 5 Jahre alter Sohn Dilwand sind zum ersten Mal hier. Sie werden begleitet von Marion Caspar, einer Frei­willigen im Mentoring­programm Copilot der Caritas. Sie begleitet die Irakerin Solin ein Jahr lang, sah das Angebot bei Solinetz und fand: Das ist genau das Richtige! «Solin erzählte mir, dass sie gern malt», sagt Marion Caspar. Und, wie sich heraus­stellt: nicht nur gern, sondern auch gut. Während Dilwand im Farben­himmel ist und sich als enthusi­astischer Nach­folger von Jackson Pollock versucht, sitzt seine Mutter still, konzentriert und lächelnd vor der weissen Mini­leinwand und setzt einen geübten Pinsel­strich nach dem anderen.

Auch für Männer

Dass Kreativität nicht nur etwas für Frauen und Kinder ist, beweist Ali Reza aus Afghanistan, der als nächster den Weg ins Bullinger­haus findet. Sein Deutsch ist erstaun­lich gut, dabei ist der 17-Jährige erst seit 10 Monaten in der Schweiz. Man wird das Gefühl nicht los, dass Ali Reza ein junger Mann mit vielen Talenten ist. Doch er ist viel zu höflich und zurück­haltend, um damit angeben zu wollen.

Er möchte gern eine Jeans ein­kürzen, sagt er, und Eva hilft ihm dabei. Aller­dings scheint er mit Schere, Faden und auch der Näh­maschine schon ziemlich gut allein umgehen zu können. Hat er das schon mal gemacht? «Nur einmal», sagt er mit einem bescheidenen Lächeln. Am Ende des Kurses ist seine Jeans jeden­falls akkurat gekürzt und gebügelt!

Bis zum nächsten Mal

Kurz vor Schluss kommt auch noch Berfin, Hanins Tochter. Die 25-Jährige hat ihren Sohn im Schlepptau, das zweite Kind ist unterwegs. Auch sie, die im zarten Alter von einem Jahr in die Schweiz kam, inte­ressiert sich für einen Rock. Oder doch eine Hose? Schwierige Ent­scheidung! Aber Eva steht auch hier mit Rat und Tat zur Seite. Der­weil haben sich Berfins Sprössling und Dilwand gefunden. Die beiden Kinder mischen das Kreativ Studio mit ihrer Energie auf, müssen von den Erwachsenen ein ums andere Mal gezügelt werden und richten am Ende doch ein buntes Chaos an.

Eva und Petra nehmen es gelassen, es helfen sowieso alle beim Aufräumen. «Aber wenn noch mehr Kinder hier sind, wird es schon anstrengend», gibt Eva zu. «Schliess­lich kann es bei der Näh­maschine und beim Bügel­eisen auch gefährlich werden.» Heute geht aber alles gut aus, abgesehen von ein paar Farbtupfern auf den Kleidern. Die sind bis zum nächsten Mal bestimmt wieder raus­gewaschen.

Interkulturelles Kreativ Studio

Jeden Dienstag, 16 bis 18 Uhr

Bullingerhaus, Balkonzimmer Bullinger, Bullingerstrasse 8, 8004 Zürich

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