Einfach mal abschalten

Im ersten Stock des Bullingerhauses in der Nähe des Albisriederplatzes herrscht an diesem Dienstagnachmittag rege Geschäftigkeit. Eva Torp und Petra Gibler legen Papier und Pinsel, Stoffe und Bastelmaterialien bereit. Denn es geht nicht mehr lang, bis das Interkulturelle Kreativ Studio für geflüchtete Menschen die Tür öffnet.
«Wie viele genau kommen, wissen wir nie», sagt Eva Torp. «Man muss sich ja nicht an- oder abmelden. Es können alle kommen, wann sie wollen.» Das Leben von geflüchteten Menschen sei schliesslich voll von Regeln und Terminen, da wolle man mit dem Kreativ Studio einen Konterpunkt setzen.
Österreichisch-norwegisches Teamangebot
Eva Torp und Petra Gibler kennen einander schon seit vielen Jahren. Die Wienerin Petra Gibler ist Restauratorin und hat 15 Jahre lang im Kunstmuseum Winterthur als Kunstrestauratorin gearbeitet. Seit 10 Jahren ist sie ehrenamtlich im Migrationsbereich tätig – unter anderem an der Welcome to School in Zürich. Dort lernte sie Eva Torp kennen. Die gebürtige Norwegerin arbeitete 40 Jahre lang mit Schülerinnen und Schülern im Migrationsbereich und nach ihrer Pensionierung an der Welcome to School.
Gemeinsam leiteten die beiden dort das Fach Kreatives Gestalten. Sie beschlossen schliesslich, ihr Kreativangebot losgelöst von einem Schulbetrieb anzubieten. Nach einigem Suchen stellten die beiden ihr Projekt bei Solinetz Zürich vor. Der gemeinnützige Verein möchte die Lebensbedingungen von geflüchteten Menschen verbessern. Solinetz liess die Kontakte spielen. «Es ging nicht lang, da sassen wir hier in der Küche und stellten uns Pfarrerin Liv Zumstein vor», sagt Eva.
Die Pfarrerin war begeistert und bot dem Projekt Räumlichkeiten im Bullingerhaus an. «Und so können wir seit August dieses Jahrs unser Interkulturelles Kreativ Studio hier betreiben», beschliesst Petra die Geschichte.
Kein schwarzer Stoff
Kurz nach 16 Uhr kommt Hanin die Treppe hoch. Sie kam vor über 20 Jahren aus der Türkei in die Schweiz. Eva nimmt sie in Empfang, man kennt einander. Es geht direkt ins Nähzimmer, wo schon zwei alte Nähmaschinen auf ihren Einsatz warten. Hanin möchte einen Rock für sich nähen und sucht sich einen Stoff aus. Zusammen mit Eva wird Mass genommen, diskutiert. Am Ende fragt die Türkin, ob es vielleicht einfacher sei, wenn sie nächstes Mal einen Rock von Zuhause als Vorlage mitbringen würde? Perfekt wäre das, antwortet Eva. Doch was will Hanin dann heute tun? Etwas Kleines nähen vielleicht? Eva verschwindet, um Stoff zu suchen.
Zeit für ein kurzes Gespräch. Hanin versteht Hochdeutsch, doch ihr Wortschatz ist begrenzt. Dennoch wird schnell klar: Ihr geht es nicht gut. Sie habe über die Jahre viele Familienmitglieder verloren, erzählt sie, unter anderem bei einem Erdbeben in der Türkei. Sie sitze viel zu Hause und brüte. «Mein Kopf ist nie frei», sagt sie. Sie sei oft depressiv. Ihre Tochter habe sie dazu gebracht, ins Kreativ Studio zu kommen. «Damit ich abschalten kann.» Als Eva mit einem schwarzen Stoff zurückkommt, winkt Hanin entschieden ab: «Kein Schwarz. In meinem Kopf ist es schon immer schwarz.» Lieber versucht sie sich mit Stricknadeln und bunter Wolle.

Grosszügige Kirche
Abschalten und einmal an etwas Schönes denken – genau darum geht es beim Interkulturellen Kreativ Studio in erster Linie. «Wir möchten, dass sich die Menschen bei uns wohl fühlen», sagt Eva, «und wenn sie dann noch etwas Handwerkliches lernen, Deutsch praktizieren und andere Menschen kennenlernen, umso besser.» Dass die geflüchteten Menschen, die jeweils am Dienstagnachmittag vorbei kommen, kaum Geld haben, versteht sich.
Deshalb ist das Interkulturelle Kreativ Studio auch gratis. Petra und Eva arbeiten ehrenamtlich. Das Material für die kreativen Projekte stammt von Privaten, aus Spenden und aus Beständen der Kirchenkreises. Die Kirche und das Team im Bullingerhaus seien von Anfang an sehr grosszügig und offen gewesen, sind sich Petra und Eva einig.
Farben zum Glück
Im anderen Zimmer, wo gemalt und gebastelt wird, ist Petra derweil noch beschäftigungslos. «Man weiss halt nie, wann die Menschen kommen», sagt sie. Eine gewisse Stammkundschaft habe sich gefunden, aber grundsätzlich herrscht ein Kommen und Gehen. «Damit wir einigermassen einen Überblick haben und die Namen der Regelmässigen lernen können, haben wir deshalb ein Gästebuch gebastelt», sagt Petra. «Dort dürfen sich alle eintragen.» Kaum hat sie den Satz beendet, sind auf der Treppe wieder Schritte zu hören.
Die 30-jährige Solin und ihr 5 Jahre alter Sohn Dilwand sind zum ersten Mal hier. Sie werden begleitet von Marion Caspar, einer Freiwilligen im Mentoringprogramm Copilot der Caritas. Sie begleitet die Irakerin Solin ein Jahr lang, sah das Angebot bei Solinetz und fand: Das ist genau das Richtige! «Solin erzählte mir, dass sie gern malt», sagt Marion Caspar. Und, wie sich herausstellt: nicht nur gern, sondern auch gut. Während Dilwand im Farbenhimmel ist und sich als enthusiastischer Nachfolger von Jackson Pollock versucht, sitzt seine Mutter still, konzentriert und lächelnd vor der weissen Minileinwand und setzt einen geübten Pinselstrich nach dem anderen.
Auch für Männer
Dass Kreativität nicht nur etwas für Frauen und Kinder ist, beweist Ali Reza aus Afghanistan, der als nächster den Weg ins Bullingerhaus findet. Sein Deutsch ist erstaunlich gut, dabei ist der 17-Jährige erst seit 10 Monaten in der Schweiz. Man wird das Gefühl nicht los, dass Ali Reza ein junger Mann mit vielen Talenten ist. Doch er ist viel zu höflich und zurückhaltend, um damit angeben zu wollen.
Er möchte gern eine Jeans einkürzen, sagt er, und Eva hilft ihm dabei. Allerdings scheint er mit Schere, Faden und auch der Nähmaschine schon ziemlich gut allein umgehen zu können. Hat er das schon mal gemacht? «Nur einmal», sagt er mit einem bescheidenen Lächeln. Am Ende des Kurses ist seine Jeans jedenfalls akkurat gekürzt und gebügelt!
Bis zum nächsten Mal
Kurz vor Schluss kommt auch noch Berfin, Hanins Tochter. Die 25-Jährige hat ihren Sohn im Schlepptau, das zweite Kind ist unterwegs. Auch sie, die im zarten Alter von einem Jahr in die Schweiz kam, interessiert sich für einen Rock. Oder doch eine Hose? Schwierige Entscheidung! Aber Eva steht auch hier mit Rat und Tat zur Seite. Derweil haben sich Berfins Sprössling und Dilwand gefunden. Die beiden Kinder mischen das Kreativ Studio mit ihrer Energie auf, müssen von den Erwachsenen ein ums andere Mal gezügelt werden und richten am Ende doch ein buntes Chaos an.
Eva und Petra nehmen es gelassen, es helfen sowieso alle beim Aufräumen. «Aber wenn noch mehr Kinder hier sind, wird es schon anstrengend», gibt Eva zu. «Schliesslich kann es bei der Nähmaschine und beim Bügeleisen auch gefährlich werden.» Heute geht aber alles gut aus, abgesehen von ein paar Farbtupfern auf den Kleidern. Die sind bis zum nächsten Mal bestimmt wieder rausgewaschen.
Interkulturelles Kreativ Studio
Jeden Dienstag, 16 bis 18 Uhr
Bullingerhaus, Balkonzimmer Bullinger, Bullingerstrasse 8, 8004 Zürich


