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Ein virtuelles Ohr für alle
Seelsorge & Beratung

Ein virtuelles Ohr für alle

Mit seelsorge.net rief Pfarrer Jakob Vetsch ein Internet-Seelsorgeangebot ins Leben, als es das Internet, wie wir es heute kennen, noch gar nicht gab. Wer über Probleme sprechen und dabei anonym bleiben möchte, ohne dabei etwas von sich preisgeben zu wollen, schätzt das kirchliche Angebot sehr.
03.02.2026Kirchgemeinde
Geschätzte Lesedauer: 4min
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Frau sitzt in einem Café am Fenster, trägt einen rosa Mantel und schaut auf ihr Smartphone, draußen spiegelt sich die Stadt.
iStock | Halfpoint
Das Wichtigste auf einen Blick
1995 startete die Internet-Seelsorge als Pionier im digitalen Zeitalter. Heute ist seelsorge.net eine etablierte Plattform für anonyme Beratung mit kirchlichem Hintergrund. Die Nutzung erfolgt über E-Mail ohne persönlichen Kontakt, basierend auf persönlichen Gesprächen durch menschliche Seelsorger.

1995 steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Das Web war erst seit wenigen Jahren World Wide, niemand war rund um die Uhr online; man musste sich, begleitet von einem deutlich hörbaren Knarren und Knirschen, einwählen – und blockierte damit gleichzeitig den Telefonanschluss.

In einem solchen digitalen Umfeld einen Internet-Seelsorgedienst ins Leben zu rufen, bedurfte entweder Mut oder einer enormen Weitsicht. «Wir haben damals voll realisiert, dass es ab geht ins Informations- und Kommunikationszeitalter», sagt Jakob Vetsch.

Der Theologe, damals Pfarrer in Wartau-Gretschins SG, gründete zusammen mit dem IT-Spezialisten Stefan Hegglin am 27. September 1995 die Internet-Seelsorge, das heutige Seelsorge.net – er ging online, wie man heute sagen würde. «Es galt, mit der Seelsorge für die Reisenden auf den Datenautobahnen erreichbar zu sein, wie es die Dargebotene Hand für das Medium Telefon ist», sagt der mittlerweile 71-Jährige.

Als eigentlichen «Techie» würde sich Jakob Vetsch jedoch nicht bezeichnen. «Ich bin lediglich ein qualifizierter Anwender, der sich zu fokussieren weiss», sagt er. «So habe ich mich denn strikt auf E-Mail und Website beschränkt und in den damaligen Newsgroups nicht mitgemacht.»

Auf- und Gegenwind

Von Anfang an war klar, dass die Konfession bei diesem Angebot keine entscheidende Rolle spielen würde und dass Niederschwelligkeit sowie Anonymität an oberster Stelle stehen sollten. Das Angebot, das im St. Galler Rheintal seinen Anfang nahm, fand schnell Beachtung und Anklang und wurde in die Websites von Medienhäusern in Vorarlberg, Liechtenstein und dem Süddeutschen Raum eingebunden.

Auch progressive Kirchenkreise äusserten Interesse. Vetsch: «Zuerst unterstützten die St. Galler Kirche die Internet-Seelsorge ideell, dann kamen die Zürcher Kirche und weitere Kirchen dazu. In konservativen Kreisen herrschte hingegen dieselbe Zurückhaltung wie seinerzeit beim Aufkommen der Telefonseelsorge. Ich war jedoch vom Weg der Internet-Seelsorge dermassen überzeugt, dass ich allfällige Gegnerschaft damals kaum wahrgenommen habe.»

Die Unterstützer sollten denn auch recht behalten: 2025 feierte seelsorge.net sein 30-jähriges Bestehen. Jakob Vetsch wünscht dem Angebot, dass es noch lang weitermachen kann «und auch in Zukunft den sehr verdienten Respekt und die unabdingbare Unterstützung erhält». Denn diese Freiwilligenleistungen durch Fachleute für Rat- und Begleitungsuchende sei, so der Pfarrer, alles andere als selbstverständlich.

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Pascal Gregor leitet die Geschäfte von seelsorge.net. zVg

Klar kirchlich

«Jakob Vetsch ist uns immer noch verbunden», sagt Pascal Gregor, der aktuell die Geschäfte von seelsorge.net leitet. In den vergangenen drei Jahrzehnten hat sich das Internet jedoch verändert. Längst ist seelsorge.net nicht mehr der einzige Anbieter in der digitalen Parallelwelt. «Aber wir sind meines Wissens die einzigen, die gleichzeitig kostenlos und klar kirchlich konnotiert sind und bei denen Anfragende von Anfang bis Ende immer mit ein und derselben Seelsorgeperson in Kontakt sind», sagt Gregor.

Finanziert wird seelsorge.net von Spenden und Beiträgen verschiedener Organisationen aus dem kirchlichen Umfeld, unter anderem der Reformierten Kirche Zürich. Die Internet-Seelsorge ist eine ideale Ergänzung zu deren niederschwelligen Beratungsangebot. «Wir machen aus unseren kirchlichen Wurzeln keinen Hehl und verstehen uns als kirchliches Angebot», sagt Pascal Gregor, «auch wenn wir natürlich niemanden missionieren.» Vielmehr stünden die kirchlichen Beziehungen für eine Wertebasis, die bei seelsorge.net hochgehalten wird.

Menschen, nicht KI

Seelsorge.net setzt immer noch auf Niederschwelligkeit und Anonymität. «Wer etwas von uns möchte, gibt auf der Website einfach seine E-Mail-Adresse und ein Passwort ein, schreibt sein Anliegen und schickt es ab», erklärt Pascal Gregor. Personalien werden keine abgefragt, sogar die angegebene Mail-Adresse bleibt für die Betreiber und die Seelsorgenden unsichtbar.

«Jeglicher Kontakt findet ausschliesslich über unsere Plattform statt», so Gregor. Drei Mailmaster sichten die Anfragen und leiten sie an eine der rund 30 Seelsorgepersonen, die alle Berührungspunkte mit den Landeskirchen haben, weiter. «Ich möchte betonen: Das sind alles Menschen», sagt der Geschäftsleiter, «wir nutzen keine KI.» Daraus ergeben sich schliesslich digitale schriftliche Beratungsdialoge, die manchmal nur wenige Tage, manchmal auch mehrere Monate dauern – natürlich ohne jegliche Kosten.

Auch die Seelsorgenden bleiben anonym, damit Dialoge auf Augenhöhe stattfinden können; persönlicher Kontakt zwischen der Seelsorgeperson und den Anfragenden ist somit ausgeschlossen.

130 Neuanfragen monatlich

Anonymität hat Vorteile. Sie senkt die Hemmschwelle, über die eigenen Probleme offen zu sprechen, erheblich – denn man muss dem Gegenüber dabei nicht in die Augen sehen. Gleichzeitig ist diese Anonymität aber auch eine Herausforderung für die Betreiber von seelsorge.net.

Zum einen ist es fast unmöglich, Nutzungsstatistiken zu erheben. «Wir wissen lediglich, dass uns jeden Monat etwa 130 Neuanfragen erreichen und dass Beziehungsthemen in jeglicher Ausprägung weitaus am häufigsten sind», sagt Pascal Gregor. Zum anderen stellt sich die Frage, was die Betreiber tun, wenn jemand mit juristisch heiklen Themen aufwartet. «Diese Frage stellen wir uns auch immer wieder», sagt Pascal Gregor.

Grundsätzlich unterlägen die Seelsorgenden jedenfalls der Schweigepflicht, sagt er. Man habe wegen der Anonymität der Beratung auch nicht die Möglichkeit, die fragliche Person im Eventualfall ausfindig zu machen. Es bliebe also nichts anderes übrig, als seelsorgerisch einzuwirken. Zum Glück sei so ein Fall bisher noch nie vorgekommen. So können sich die Seelsorgenden ganz auf die alltäglichen Sorgen konzentrieren, für die sie stets ein virtuelles Ohr haben.

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