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Die Kraft des feinen Strichs
Kunst & Kultur

Die Kraft des feinen Strichs

Schöpferisch sein und sich auf diese Weise mit Gott verbinden: Beim Ikonen­malen lassen sich Inte­ressierte auf Unbe­kanntes ein.
14.01.2025Kirchgemeinde
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Lukas Bärlocher

Die Ikonenmalerei stammt aus dem orthodoxen Christentum und ähnelt einem langen Gebet mit Farben. In einem Kurs nähern sich Interessierte dieser spirituellen Praxis.

Priester Yordan Pashev legt das Blattgold auf das Holzbrett, dann verstreicht er die dünnen Plättchen sorgfältig mit den Fingern. Schon nach kurzer Zeit sieht es aus, als hätte die Muttergottes einen Heiligenschein ums Haupt – im Arm hält sie das Jesuskind. Die Kursteilnehmenden staunen über den Effekt: Der Goldglanz lässt das Bild erstrahlen und verstärkt den Eindruck des Göttlichen. «Die Technik ist nicht ganz einfach», sagt Galina Angelova. «Doch es geht nicht ums Können.» Die Pfarrerin im Kirchenkreis zwei ist gebürtige Bulgarin und hat den Kontakt zu Yordan Pashev hergestellt. Er ist Priester der bulgarisch-orthodoxen Kirchgemeinde «Sveti Georgi» in Zürich. In Zusammenarbeit mit Pfarrerin Verena Mühlethaler von der Citykirche Offener St. Jakob kam der Kurs zustande. Er beginnt jeweils mit einer Einführung in die Bedeutung und Symbolik der Ikonen in der orthodoxen Kirche, danach dürfen die Kursteilnehmenden ein Motiv auswählen. Bei der Arbeit sind alle konzentriert, Stille senkt sich über den Raum: Mit gebeugtem Oberkörper streichen die Teilnehmenden mit feinen Pinselstrichen über die Holzbrettchen. Um die Farben herzustellen, werden Pigmente und Ei gemischt.

Lukas Bärlocher

Ikone als Meditationsbild

«Eine Ikone ist ein Meditationsbild», sagt Galina Angelova. «Es hilft Gläubigen, sich mit der göttlichen Welt zu verbinden.» Ein weit verbreiteter Irrtum sei, dass der oder die Heilige auf dem Bild angebetet werde: So dürfe eine Ikone verehrt, aber nicht angebetet werden, sagt die Pfarrerin. Vielmehr gelte die Ikone in der orthodoxen Tradition als Fenster in eine göttliche Welt. «Durch das Malen, präziser müsste man sagen, durch das Schreiben einer Ikone, bekommt man eine besondere Beziehung zur Figur», fährt Galina Angelova fort. Und nicht jedes Bild ist eine Ikone: Die dargestellte Figur wird in einem bestimmten Stil beschriftet – so ist ersichtlich, welchem Heiligen die Ikone gewidmet ist. In einer kleinen Zeremonie werden die fertigen Ikonen am zweiten Kurstag von Priester Yordan Pashev eingesegnet. Erst dann darf man wirklich von einer Ikone sprechen.

«Es freut mich sehr, dass die Kursteilnehmenden sich auf diese unbekannte Tradition einlassen und sie für sich als Zugang zum Göttlichen entdecken.»
Galina Angelona

Kostbares Geschenk

Ihre Wurzeln hat die Ikonenmalerei in der spätantiken Kunst und entwickelte sich im Byzantinischen Reich. Von Beginn weg war sie stark mit dem christlichen Glauben verbunden. In der orthodoxen Tradition gelten Ikonen als beliebtes Geschenk. Sie werden zu besonderen Anlässen in Auftrag gegeben – zum Beispiel zur Geburt eines Kindes, zu einem runden Geburtstag oder zu wichtigen Jubiläen. Ein häufig anzutreffendes Motiv ist der segnende Jesus Christus mit der Bibel in der Hand. Auch der Engel Gabriel, der Erzengel Michael, die Muttergottes oder der heilige Nikolaus sind populär. Daneben gibt es in der Orthodoxie zahlreiche lokale Heilige, die in bestimmten Regionen wichtig sind. Galina Angelova: «Es freut mich sehr, dass die Kursteilnehmenden sich auf diese unbekannte Tradition einlassen und sie für sich als Zugang zum Göttlichen entdecken.» Vielleicht sei es die Verbindung zwischen Bild und Gebet, die beim Ikonenmalen fasziniere. «Zudem gibt man in einem schöpferischen Prozess etwas von sich – was dann Teil der eigenen Spiritualität wird.»

Das Ikonenmalen ist viel mehr als ein Malkurs: Es ist ein schöpferisches Gebet und am Ende nimmt man seine selbst gemalte Ikone mit nach Hause. Im Video erhalten Sie einen Einblick in eine spirituelle Praxis, die hierzulande wenig bekannt ist – und gerade deshalb fasziniert.

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