Vom Wort in die Praxis

Am 1. Januar 2019 schlossen sich 32 vormals eigenständige Kirchgemeinden zur Reformierten Kirche Zürich zusammen. Das war nicht nur organisatorisch eine Mammutaufgabe, sondern auch inhaltlich und menschlich. Denn 32 Kirchgemeinden, das sind 32 verschiedene Kulturen, 32 verschiedene Profile, 32 Mal lieb gewonnene Eigenheiten, 32 verschiedene Pakete von Herausforderungen.
Diese bunte Vielfalt zu einer bunten Einheit zusammenzubringen, ist ein anspruchsvoller Prozess, der aus vielen kleinen und weniger kleinen Schritten besteht – und der noch lang nicht abgeschlossen ist.
Antwort auf Identitätsfragen
Einen dieser Schritte plante die Kirchenpflege im Rahmen ihrer Legislaturziele 2023–2027: Sie wollte eine Vision und Mission für die Reformierte Kirche Zürich formulieren. «Als Exekutive der Kirchgemeinde hat die Kirchenpflege auch inhaltliche Führungsaufgaben», sagt Michael Braunschweig, Vizepräsident des Gremiums.
«Einer jungen Organisation, wie wir eine sind, stellen sich viele Identitätsfragen: Wer sind wir? Welches ist unser Selbstverständnis? Welchen Platz in der Gesellschaft wollen wir einnehmen?» Die Antworten auf solche Fragen in Form von Vision und Mission würden sich nach innen und aussen auswirken. Nach innen, weil sich dann zum Beispiel Entscheide besser nachvollziehen liessen – nach aussen, um lesbar zu sein und klarer kommunizieren zu können.

Mehr als eine Formulierung
Entstanden sind Vision und Mission in einem längeren Prozess. Im vergangenen Frühling lagen die Formulierungen vor. «Es war für uns aber von Anfang an klar: Wir wollen nicht einfach eine Vision formulieren, sondern etwas dafür tun, dass sie bei den Mitarbeitenden und bei den Mitgliedern ankommt», sagt Michael Braunschweig.
Deshalb rief die Kirchenpflege die «Visionstage» vom 30. August bis 25. Oktober 2025 ins Leben. Und sie beauftragte Walter Lüssi, diese zu moderieren. Der ehemalige Gemeindepfarrer arbeitet seit vielen Jahren in verschiedener Funktion für Kirchen und führt heute eine Beratungsfirma.
Bunter Ideenstrauss
Und doch: Am Ende waren alle Kirchenkreise dabei, und die meisten auch mit viel Engagement. Sie waren aufgerufen, bis Februar 2025 ein Konzept einzureichen, für die Anlässe stand auch ein kleines Budget zur Verfügung. Walter Lüssi freut sich jetzt noch über die Vielfalt der Ideen, die zusammenkamen: «Einige integrierten die Visionstage in einen bereits bestehenden Anlass wie ein Quartierfest, andere verknüpften sie mit einem bestimmten Thema, das unter den Nägeln brennt», sagt er.
Wieder andere kreierten etwas Eigenständiges zur Vision. Wie gross die Vielfalt am Ende war, zeigte sich am Abend des 21. November 2025 in der Wasserkirche, an dem die Kirchenkreise ihre Erkenntnisse aus und ihre Erfahrungen mit dem Projekt präsentierten. Annelies Hegnauer, Präsidentin der Kirchenpflege, befand, es sei den Kirchenkreisen hoch anzurechnen, dass sie «in dieser dichten Zeit Aktivitäten rund um die Vision entwickelt haben. Ich war selber an fünf Veranstaltungen und fand toll, was alles geboten wurde – ganz im Sinn der Vision, dass wir eine vielfältige und vitale Kirche sind!»
Tavolata und Hoffnungsmaschine
Exemplarisch seien hier drei Ansätze herausgegriffen. Der Kirchenkreis eins veranstaltete am Bettag eine Tavolata neben dem Grossmünster und verknüpfte die Diskussion der Vision mit der Neuausrichtung der Freiwilligenarbeit der Altstadtkirchen. Auch dank des schönen Wetters ein riesiger Erfolg!
Der Kirchenkreis sieben acht liess eine «Hoffnungsmaschine» bauen. Man kann der imposanten Installation schriftlich eine Frage stellen, die auf einer Art Chügelibahn eine spannende Reise zu einer mehr oder weniger schrägen Antwort antritt – das lässt sich kaum beschreiben und muss gesehen werden. Vor der Wasserkirche wurde die Maschine von den rund 80 Anwesenden jedenfalls fleissig genutzt.
Es geht weiter
Der Kirchenkreis neun integrierte seinen Ansatz in zwei Quartierfeste, die Viehschau Albisrieden und das Lindenplatzfest in Altstetten. Auf Plakaten wurden den Besuchenden Fragen gestellt – etwa «Wie kann Kirche für dich zu einem lebendigen Ort werden, nicht nur sonntags?» –, die diese oft überraschend beantworteten.
Damit ist die Auseinandersetzung mit der Vision nicht abgeschlossen, diese wird weiterhin ein Thema bleiben, etwa an Workshops. Zudem soll sie auch in die Arbeit an den Zielen der nächsten Amtsperiode einfliessen. Denn eine Vision ist nichts, das man einfach einmal formuliert und dann in die Schublade legt: Sie muss mit Leben gefüllt werden.
So lauten Vision und Mission
Vision
Wir sind eine vielfältige und vitale Kirche, die sich spirituell, hoffnungsvoll und solidarisch in der Stadt engagiert.
Mission
Deshalb streben wir danach:
- eine vernehmbare Stimme des Evangeliums in Wort und sichtbar in der Tat zu sein.
- die aktuellen spirituellen und gesellschaftlichen Herausforderungen zu erkennen und konstruktiv an Lösungen mitzuarbeiten.
- das Verletzliche des Menschseins und der Gesellschaft wahrzunehmen, zu achten und als Teil unserer Vitalität zu begreifen.
- einen Ort der Wertschätzung und Unterstützung für Mitglieder, freiwillig Engagierte, Mitarbeitende und Behördenmitglieder zu schaffen, offen für alle Menschen.
- ein Rückzugsort zu sein, der Zugehörigkeit ermöglicht und die Menschen in ihrer Art akzeptiert, trägt, liebt, stärkt, fördert und ermutigt.
- eine Haltung der Offenheit und Gastfreundschaft zu leben und die Grenzen der persönlichen Integrität zu achten.
- den Dialog mit anderen Glaubens- und Religionsgemeinschaften zu führen.
- Spiritualität zu leben und Rituale zu gestalten, um die Menschen auf ihren Lebenswegen und im Wandel der Zeit zu begleiten und ernst zu nehmen.
- Gerechtigkeit, Frieden und Nachhaltigkeit zu fördern.
- transparent, vertrauensbildend und glaubwürdig zu arbeiten, zu kommunizieren und zu leben.


