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Mehr als Deutschunterricht
Gemeinschaft & Engagement

Mehr als Deutschunterricht

Wenn man am Montag das Chilehuus Grüenau besucht, wird man von Personen aus aller Welt sowie von einer Kleider-, Bücher- und Küchen­utensilien­auslage begrüsst. Was man antrifft, ist mehr als eine Anlauf­stelle für Sprache. Sie ist auch eine für Alltag und Hoffnung.
19.01.2026Michele PaparoneKirchenkreis neun
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Michele Paparone
Das Wichtigste auf einen Blick
Das kirchliche Angebot im Kirchenkreis neun bietet Deutschkurse für Geflüchtete ohne Zugang zu staatlichen Kursen an. Neben dem Sprachunterricht bietet es Struktur, soziale Kontakte und Unterstützung bei Fragen des Alltags. Die Teilnehmenden finden hier eine wichtige Anlaufstelle für ihre Integration in die Schweiz.

Wenn Menschen neu in der Schweiz ankommen, benötigen sie verschiedene Dinge gleichzeitig: Orien­tierung, Struktur, Begegnung – und vor allem Sprache. Genau hier setzt die Arbeit von Alexandra von Weber, Leiterin Migrations­arbeit im Kirchen­kreis neun, an.

Was nach Deutsch­unter­richt klingt, ist in Wirk­lich­keit viel mehr: ein niedrig­schwelliger Treff­punkt, ein Ort der Unter­stützung und oft auch die erste ver­läss­liche Anlauf­stelle im neuen Alltag. In unserer Kirch­gemeinde bieten wir montags in Altstetten, mitt­wochs in Fluntern und freitags in Ausser­sihl Deutsch­kurse an, um die grösseren Angebote zu nennen. Damit bieten wir auch Kontakt­möglich­keiten bei Fragen des Alltags.

Deutsch als Schlüssel – aber nicht für alle zugänglich

Nicht alle Geflüchteten haben Zugang zu staatlich finanzierten Deutsch­kursen. Einige leben ohne Aufent­halts­bewilligung in Not­hilfe­zentren, andere haben ihre Kurs­gutscheine bereits aufge­braucht oder fallen aus dem System. Besonders betroffen sind ältere Menschen, etwa pensio­nierte Personen, für die keine weiteren Kurse vor­gesehen sind. Auch Personen – die zwar einer geregelten Arbeit nach­gehen, jedoch zur Gruppe der Working Poor gehören und sich somit kein bezahltes Deutsch­angebot leisten können – können vom Kurs­angebot profi­tieren.

An dieser Stelle schliesst unser kirch­liches Angebot eine wichtige Lücke. Die Teil­nehmenden können ohne Anmeldung kommen, so oft sie möchten. Die Klassen decken ein breites Spektrum ab – von Anfänger:innen bis hin zu fort­geschrittenen Niveaus (A1 bis B2). Einige besuchen mehrere Kurse pro Woche an unter­schied­lichen Orten, um mög­lichst viel Deutsch zu hören, zu sprechen und zu üben.

«Ich besuche seit über zwei Jahren den Deutsch­unter­richt», erzählt ein junger Afghane. «Für mich ist die Sprache wichtig für meine Inte­gration. Als ich im Asyl­zentrum war, gab sie mir eine Tages­struktur. Inzwischen ist mein Auf­ent­halts­status geklärt, ich bin in eine eigene Wohnung gezogen und engagiere mich für das Projekt ‹Essen für alle›. Mein Ziel ist es nun, eine Lehr­stelle zu finden. Ohne den Deutsch­kurs der Kirche wäre das nicht möglich gewesen.»

Lernen, wo auch Begegnung stattfindet

Doch der Deutsch­unter­richt ist nur ein Teil des Ganzen. Gerade für Menschen, die nicht arbeiten können oder dürfen, bietet der Kurs Struktur, soziale Kontakte und Austausch. Nach dem Unter­richt gibt es oft ein gemein­sames Mittag­essen, das für einige Teil­nehmende die einzige warme Mahl­zeit des Tages ist. «Ich mag den Deutsch­unter­richt bei Hans sehr», erklärt eine pensio­nierte Ukrainerin. «Zudem ist auch das Essen immer sehr lecker.» In den Klassen treffen Menschen aus den unter­schied­lichsten Ländern, Alters­gruppen und mit den unter­schied­lichsten Bildungs­hinter­gründen aufein­ander.

Das stellt hohe Anforde­rungen an die Lehr­personen und die Organi­sation: Gruppen­grössen schwanken, Niveaus ver­schieben sich. Flexi­bili­tät ist ent­scheidend – und genau das zeichnet das Ange­bot aus. Dieses kann auch nur durch das grosse Engage­ment von rund 20 Frei­willigen gestemmt werden, die Unter­richt geben, in der Küche arbeiten oder auf die Kinder der Kurs­teil­nehmenden auf­passen. Anna ist eine von ihnen. Seit elf Jahren hütet sie die Kinder während des Unter­richts. «Wir arbeiten hier in der Grünau super zusammen. Es macht mir viel Spass, mit den Kindern zusammen zu sein – sie geben mir viel Sonne!»

Judith ist an diesem Tag zum Schnuppern da. Auf die Frage, weshalb sie sich fürs Unter­richten inte­ressiert, antwortet sie: «Ich bin pensio­niert und möchte mich gerne für etwas Sinn­volles enga­gieren. Ich war Dozentin an der Päda­gogischen Hoch­schule und habe somit Erfahrung mit Erwachsenen­bildung. Was mich am Deutsch­unter­richt inte­ressiert, ist der Kontakt zu Personen anderer Kulturen und mit unter­schied­lichem Erfah­rungs­schatz und die Mög­lich­keit, etwas weiter­zugeben.»

Beratung gehört dazu

Die Teil­nehmenden des Deutsch­kurses bringen oft auch andere Fragen mit: zu Aufent­halts­status, Arbeit, Aus­bildung, Gesund­heit oder Familie. Alexandra von Weber ist deshalb nicht nur Koordi­natorin der Kurse, sondern auch Ver­trauens­person. Gemein­sam mit ihrem Kollegen Andreas Altorfer berät, vermittelt weiter, erklärt Abläufe, schreibt Referenzen und hilft manch­mal auch bei der Stellen­suche. Für die Seel­sorge ist Pfarrerin Monika Hirt verant­wort­lich.

Die Lehr­personen wissen: Wenn eine Frage den Unter­richts­kontext über­steigt, verweisen sie die Teil­nehmenden an Alexandra. «Manch­mal beginnt es mit einer Frage zu einer Anlauf­stelle und plötz­lich eröffnen sich ganz viele andere Themen­felder, bei denen die geflüchtete Person Unter­stützung benötigt. Da muss man auch aufgrund der beschränkten Ressourcen, über die wir im Team verfügen, prio­ri­sieren und mit dem Klienten oder der Klientin die dringendste Frage angehen.»

So ent­stehen Beglei­tungen über Jahre hinweg. Manche Teil­nehmende haben hier ihre ersten Schritte gemacht, Deutsch gelernt, später eine Arbeit gefunden – und kommen noch immer vorbei, wenn sie Unter­stützung brauchen. «Es gibt viele Erfolgs­geschichten», sagt Alexandra. «Und oft hören wir: Ohne diesen Ort hätte ich es nicht geschafft.»

Integration heisst Teilhabe

Neben den Deutschkursen gibt es weitere Angebote: Dazu gehören Schwimm­kurse für Frauen mit Migrations­hinter­grund, Yoga- und Bewegungs­angebote. Viele dieser Formate ent­stehen aus konkreten Bedürf­nissen heraus, beispiels­weise weil Frauen aus anderen Kultur­kreisen das Schwimmen in ihrer Kind­heit nicht gelernt haben. Sie möchten ihre Kinder, die aufgrund des Schul­unter­richts schwimmen können, in der Freizeit in die Badi begleiten. Auch kennen viele geflüchtete Frauen aufgrund kultu­reller Ein­schränkungen den Sport nicht.

Dabei ist Bewegung auch für eine gute Gesund­heit wichtig. Diese Angebote werden immer in einem aus­schliess­lich weib­lichen Rahmen – ansonsten könnten viele auf­grund ihrer Kultur nicht teil­nehmen – durch­geführt, um das Selbst­vertrauen und die Körper- und Selbst­wahrnehmung der Teil­nehmerinnen zu stärken. Gleich­zeitig ist die Vernetzung mit dem Quartier wichtig.

Ein­heimische und Zuge­wanderte begegnen sich beispiels­weise beim Yoga, lernen voneinander, bauen Berührungs­ängste ab. «Sprache ist der Schlüssel», sagt Alexandra von Weber «Aber Teil­habe entsteht erst, wenn Menschen auch mitmachen, sich ein­bringen und gebraucht werden.»

Ein Wunsch an die Gesellschaft

Was wünscht sich Alexandra, die seit über 17 Jahren im Bereich Migra­tions­arbeit tätig ist? «Mehr Offen­heit – besonders auf dem Arbeits­markt. Vorläufige Auf­nahmen, fehlende Diplom­anerkennung oder Unwissen über recht­liche Rahmen­bedingungen erschweren die Inte­gration.» Dabei zeigen ihre Erfahrungen: Wer eine Chance bekommt, bleibt, engagiert sich und trägt bei.

Die Arbeit mit Geflüchteten sei manchmal heraus­fordernd, oft berührend – und immer sinn­stiftend. Oder wie Alexandra es zusammen­fasst: «Deutsch lernen ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist es, gesehen zu werden.»

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