Mehr als Deutschunterricht

Wenn Menschen neu in der Schweiz ankommen, benötigen sie verschiedene Dinge gleichzeitig: Orientierung, Struktur, Begegnung – und vor allem Sprache. Genau hier setzt die Arbeit von Alexandra von Weber, Leiterin Migrationsarbeit im Kirchenkreis neun, an.
Was nach Deutschunterricht klingt, ist in Wirklichkeit viel mehr: ein niedrigschwelliger Treffpunkt, ein Ort der Unterstützung und oft auch die erste verlässliche Anlaufstelle im neuen Alltag. In unserer Kirchgemeinde bieten wir montags in Altstetten, mittwochs in Fluntern und freitags in Aussersihl Deutschkurse an, um die grösseren Angebote zu nennen. Damit bieten wir auch Kontaktmöglichkeiten bei Fragen des Alltags.
Deutsch als Schlüssel – aber nicht für alle zugänglich
Nicht alle Geflüchteten haben Zugang zu staatlich finanzierten Deutschkursen. Einige leben ohne Aufenthaltsbewilligung in Nothilfezentren, andere haben ihre Kursgutscheine bereits aufgebraucht oder fallen aus dem System. Besonders betroffen sind ältere Menschen, etwa pensionierte Personen, für die keine weiteren Kurse vorgesehen sind. Auch Personen – die zwar einer geregelten Arbeit nachgehen, jedoch zur Gruppe der Working Poor gehören und sich somit kein bezahltes Deutschangebot leisten können – können vom Kursangebot profitieren.
An dieser Stelle schliesst unser kirchliches Angebot eine wichtige Lücke. Die Teilnehmenden können ohne Anmeldung kommen, so oft sie möchten. Die Klassen decken ein breites Spektrum ab – von Anfänger:innen bis hin zu fortgeschrittenen Niveaus (A1 bis B2). Einige besuchen mehrere Kurse pro Woche an unterschiedlichen Orten, um möglichst viel Deutsch zu hören, zu sprechen und zu üben.
«Ich besuche seit über zwei Jahren den Deutschunterricht», erzählt ein junger Afghane. «Für mich ist die Sprache wichtig für meine Integration. Als ich im Asylzentrum war, gab sie mir eine Tagesstruktur. Inzwischen ist mein Aufenthaltsstatus geklärt, ich bin in eine eigene Wohnung gezogen und engagiere mich für das Projekt ‹Essen für alle›. Mein Ziel ist es nun, eine Lehrstelle zu finden. Ohne den Deutschkurs der Kirche wäre das nicht möglich gewesen.»
Lernen, wo auch Begegnung stattfindet
Doch der Deutschunterricht ist nur ein Teil des Ganzen. Gerade für Menschen, die nicht arbeiten können oder dürfen, bietet der Kurs Struktur, soziale Kontakte und Austausch. Nach dem Unterricht gibt es oft ein gemeinsames Mittagessen, das für einige Teilnehmende die einzige warme Mahlzeit des Tages ist. «Ich mag den Deutschunterricht bei Hans sehr», erklärt eine pensionierte Ukrainerin. «Zudem ist auch das Essen immer sehr lecker.» In den Klassen treffen Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern, Altersgruppen und mit den unterschiedlichsten Bildungshintergründen aufeinander.
Das stellt hohe Anforderungen an die Lehrpersonen und die Organisation: Gruppengrössen schwanken, Niveaus verschieben sich. Flexibilität ist entscheidend – und genau das zeichnet das Angebot aus. Dieses kann auch nur durch das grosse Engagement von rund 20 Freiwilligen gestemmt werden, die Unterricht geben, in der Küche arbeiten oder auf die Kinder der Kursteilnehmenden aufpassen. Anna ist eine von ihnen. Seit elf Jahren hütet sie die Kinder während des Unterrichts. «Wir arbeiten hier in der Grünau super zusammen. Es macht mir viel Spass, mit den Kindern zusammen zu sein – sie geben mir viel Sonne!»
Judith ist an diesem Tag zum Schnuppern da. Auf die Frage, weshalb sie sich fürs Unterrichten interessiert, antwortet sie: «Ich bin pensioniert und möchte mich gerne für etwas Sinnvolles engagieren. Ich war Dozentin an der Pädagogischen Hochschule und habe somit Erfahrung mit Erwachsenenbildung. Was mich am Deutschunterricht interessiert, ist der Kontakt zu Personen anderer Kulturen und mit unterschiedlichem Erfahrungsschatz und die Möglichkeit, etwas weiterzugeben.»
Beratung gehört dazu
Die Teilnehmenden des Deutschkurses bringen oft auch andere Fragen mit: zu Aufenthaltsstatus, Arbeit, Ausbildung, Gesundheit oder Familie. Alexandra von Weber ist deshalb nicht nur Koordinatorin der Kurse, sondern auch Vertrauensperson. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Altorfer berät, vermittelt weiter, erklärt Abläufe, schreibt Referenzen und hilft manchmal auch bei der Stellensuche. Für die Seelsorge ist Pfarrerin Monika Hirt verantwortlich.
Die Lehrpersonen wissen: Wenn eine Frage den Unterrichtskontext übersteigt, verweisen sie die Teilnehmenden an Alexandra. «Manchmal beginnt es mit einer Frage zu einer Anlaufstelle und plötzlich eröffnen sich ganz viele andere Themenfelder, bei denen die geflüchtete Person Unterstützung benötigt. Da muss man auch aufgrund der beschränkten Ressourcen, über die wir im Team verfügen, priorisieren und mit dem Klienten oder der Klientin die dringendste Frage angehen.»
So entstehen Begleitungen über Jahre hinweg. Manche Teilnehmende haben hier ihre ersten Schritte gemacht, Deutsch gelernt, später eine Arbeit gefunden – und kommen noch immer vorbei, wenn sie Unterstützung brauchen. «Es gibt viele Erfolgsgeschichten», sagt Alexandra. «Und oft hören wir: Ohne diesen Ort hätte ich es nicht geschafft.»
Integration heisst Teilhabe
Neben den Deutschkursen gibt es weitere Angebote: Dazu gehören Schwimmkurse für Frauen mit Migrationshintergrund, Yoga- und Bewegungsangebote. Viele dieser Formate entstehen aus konkreten Bedürfnissen heraus, beispielsweise weil Frauen aus anderen Kulturkreisen das Schwimmen in ihrer Kindheit nicht gelernt haben. Sie möchten ihre Kinder, die aufgrund des Schulunterrichts schwimmen können, in der Freizeit in die Badi begleiten. Auch kennen viele geflüchtete Frauen aufgrund kultureller Einschränkungen den Sport nicht.
Dabei ist Bewegung auch für eine gute Gesundheit wichtig. Diese Angebote werden immer in einem ausschliesslich weiblichen Rahmen – ansonsten könnten viele aufgrund ihrer Kultur nicht teilnehmen – durchgeführt, um das Selbstvertrauen und die Körper- und Selbstwahrnehmung der Teilnehmerinnen zu stärken. Gleichzeitig ist die Vernetzung mit dem Quartier wichtig.
Einheimische und Zugewanderte begegnen sich beispielsweise beim Yoga, lernen voneinander, bauen Berührungsängste ab. «Sprache ist der Schlüssel», sagt Alexandra von Weber «Aber Teilhabe entsteht erst, wenn Menschen auch mitmachen, sich einbringen und gebraucht werden.»
Ein Wunsch an die Gesellschaft
Was wünscht sich Alexandra, die seit über 17 Jahren im Bereich Migrationsarbeit tätig ist? «Mehr Offenheit – besonders auf dem Arbeitsmarkt. Vorläufige Aufnahmen, fehlende Diplomanerkennung oder Unwissen über rechtliche Rahmenbedingungen erschweren die Integration.» Dabei zeigen ihre Erfahrungen: Wer eine Chance bekommt, bleibt, engagiert sich und trägt bei.
Die Arbeit mit Geflüchteten sei manchmal herausfordernd, oft berührend – und immer sinnstiftend. Oder wie Alexandra es zusammenfasst: «Deutsch lernen ist wichtig. Aber mindestens genauso wichtig ist es, gesehen zu werden.»
Deutschkurse für Geflüchtete


