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Glauben ohne Hören
Gottesdienste & Feiern

Glauben ohne Hören

Im reformierten Glauben hat das gesprochene Wort eine zentrale Bedeutung. Doch wie glauben Menschen, die dieses Wort nicht hören können?
22.06.2026Kirchenkreis zwölf
Geschätzte Lesedauer: 6min
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Drei Personen stehen in der Kirche, Hände in die Luft gestreckt und nach oben schauend
zVg

Gehörlose glauben nicht anders als Hörende. Aber sie bringen ihre Beziehung zu Gott anders zum Ausdruck. Dies zeigt sich am alljährlichen inklusiven Gottesdienst für Gehörlose und Hörende in der Kirche Oerlikon.

«Durchsage der Leitstelle: Kollision am Limmatplatz.» Für Hörende ist dies das Signal, ihr Handy zu zücken und nach Ausweichmöglichkeiten zu suchen. Wer diese Durchsage jedoch nicht hören kann, ist erst einmal aufgeschmissen. «Im Alltag ist die akustische Kommunikation für Gehörlose die grösste Herausforderung», weiss Matthias Müller Kuhn, Pfarrer der Gehörlosengemeinde der reformierten Zürcher Landeskirche.

120 Jahre Beständigkeit

Die Gehörlosengemeinde mit Sitz im Gehörlosenzentrum Zürich in Oerlikon bietet Menschen mit Hörbeeinträchtigungen eine Anlaufstelle und eine spirituelle Heimat. Sie existiert bereits seit 1909 und zeichnet sich durch eine ungewöhnlich hohe Kontinuität aus: In den bald 120 Jahren haben erst fünf Pfarrpersonen, vier Männer und eine Frau, die Gemeinde geleitet. Aktuell – und auch schon seit 15 Jahren – ist dies Matthias Müller Kuhn. «Das klingt nach einer langen Zeit», sagt der Theologe, «aber das ist es eigentlich gar nicht.» Es sei immer viel los und kein Tag wie der andere. Ausserdem brauche es lange, bis man sich als Hörender in die Welt der Gehörlosen eingearbeitet hat. «Es ist wie eine Reise in ein unbekanntes Land, das einem mit zunehmender Reisedauer immer vertrauter wird.» Trotzdem bleibe man immer ein bisschen ein Fremder, weil man als Hörender nie gänzlich dazu gehört. Nichtsdestotrotz entstehen intensive und verbindliche Beziehungen, die von einem gegenseitigen Geben und Nehmen geprägt sind. «Ich bin für die Gehörlosen und ihre Anliegen da», sagt Matthias Müller Kuhn, «aber sie tragen auch mich, wenn es mir mal nicht so gut geht. Das schätze ich sehr.»

Der Mimenchor ist fester Bestandteil des inklusiven Gottesdiensts für Gehörlose und Hörende.
zVg

Nicht unterschätzen!

Wie schwierig es für Hörende ist, sich in die Welt der Gehörlosen hinein zu versetzen, zeigt sich, als Rolf Ruf, Boris Grevé und Werner Gnos sich zum Gespräch gesellen. Besonders vom Gedanken, dass Gehörlosigkeit automatisch ein reduziertes Leben bedeutet, muss man sich schnell verabschieden. Rolf Ruf, 91, hat als erster gehörloser Bauzeichner der Schweiz Karriere gemacht, eine Familie gegründet und sich für hörbehindertengerechtes Bauen eingesetzt. Auch Boris Grevé, 64, arbeitete, bis er vor wenigen Tagen in Pension gegangen ist. «Wir sind genau wie alle Menschen, nur dass wir eben nicht hören können», sagt er. Das führe jedoch immer wieder zu Kommunikationsproblemen. «Frage ich Hörende, worüber sie gerade sprechen, kommen oft Antworten wie: Versicherungen. Fertig», sagt er. Dabei seien Gehörlose durchaus in der Lage, tiefer an einem Gespräch teilzunehmen. «Vollkasko, Teilkasko, Schuldfragen bei Unfällen – da können wir überall mitreden», sagt er. Man merkt, dass ihn die Tendenz Hörender, für ihn Dinge zu vereinfachen, etwas wurmt.

Nicht wütend auf Gott

Ein zweiter Trugschluss ist, dass Gehörlosigkeit Betroffene wütend auf Gott macht oder sie an Gott zweifeln lässt. «Warum denn?», gibt Boris Grevé die Frage zurück. «Ich bin gehörlos, weil meine Mutter während der Schwangerschaft die Röteln bekam. Das hat nichts mit einer Strafe Gottes zu tun. So ist das Leben.» Im Gegenteil habe ihm der Glaube sogar dabei geholfen, sein eigenes Leben aufzubauen und zu leben. «Ich bete immer noch regelmässig!» Ähnlich sieht es Rolf Ruf, bei dem als Kleinkind die Gehörlosigkeit festgestellt wurde. «Krankheit ist etwas Natürliches, und Gott hilft mir dabei, sie zu akzeptieren und damit umzugehen.» Er habe eine starke Beziehung zu Gott, weil er daraus viel positive Energie ziehe. «Ohne Gott wäre mein Leben leer.» Werner Gnos, 74, dessen Eltern bereits gehörlos waren, sieht ebenfalls keinen Grund zu Klage: «Ich bin nicht böse auf Gott!», sagt er. Er habe ein gutes Leben gehabt, habe einen Beruf ausgeübt, eine Familie gegründet. «Es ist gut, wie es ist.» Dann verabschiedet sich Rolf Ruf. Er habe einen Coiffeur-Termin, den er nicht verpassen dürfe. Eben: Gehörlose sind wie alle anderen Menschen.

Viele Angebote

Wie gross die Gehörlosengemeinde ist, lässt sich nur schwer genau bestimmen. Matthias Müller Kuhn schätzt, dass sie um die 200 Mitglieder zählen dürften. Für sie stellen der Theologe und sein Team in Zusammenarbeit mit der katholischen Behindertenseelsorge eine Vielzahl von Angeboten zur Verfügung: Ausflüge, Kulturnachmittage, Kurse und Kreativworkshops im Gehörlosenzentrum, dazu zweimal im Monat einen Gottesdienst an wechselnden Orten. Einmal im Jahr findet ein solcher auch in der reformierten Kirche Oerlikon, gleich gegenüber des Gehörlosenzentrums, statt. Das nächste Mal am 5. Juli, traditionell mit anschliessendem Grillfest.

Lebhaft und begeisternd

Pfarrerin Andrea Ruf vom Kirchenkreis zwölf gestaltet die Feier bereits zum vierten Mal gemeinsam mit ihrem Kollegen der Landeskirche – und räumt gleich mit einer weiteren falschen Annahme auf: «Der Gottesdienst für Gehörlose ist nicht still, sondern munter, herzlich und lebendig.» Die gehörlosen Mitglieder des Mimenchors stellen jeweils das Gottesdienst-Thema oder die Bibelstelle der anschliessenden Kurzpredigt pantomimisch dar. «Die Begeisterung, die zum Ausdruck kommt, beeindruckt mich», so Andrea Ruf. «Für uns Gehörlose ist es wichtig, dass wir an den Gottesdiensten aktiv sein können und nicht einfach nur dasitzen müssen», sagt Boris Grevé. «Bei uns ist viel Bewegung, das ist auch ein Ausdruck Gottes.» Gemeinsam feiert die Gemeinde ein Abendmahl. Matthias Müller Kuhn übersetzt seine Wortbeiträge laufend selbst in Gebärdensprache. Die Wortbeiträge von Andrea Ruf übersetzt simultan eine dolmetschende Person. Die Orgel- oder Klaviermusik wird von der Trommel begleitet.

Wer will, verständigt sich

Der jährliche Gottesdienst mit der Gehörlosengemeinde hat längst einen festen Platz im Kalender des Kirchenkreises – und bei vielen hörenden Gemeindegliedern. «Viele freuen sich auf diesen heiteren Gottesdienst», erzählt Andrea Ruf. «Und sie schätzen die besondere Herzlichkeit.» Spätestens beim anschliessenden Grillfest verschmelzen auch die Grenzen zwischen der gehörlosen und der hörenden Gemeinde. Andrea Ruf: «Da zeigt sich dann: Wenn man sich verständigen will, gelingt das. Auch ohne Worte.»

Inklusiver Gottesdienst für Gehörlose und Hörende

Der inklusive Gottesdienst für Gehörlose und Hörende in der reformierten Kirche Oerlikon mit anschliessendem Grillfest findet 2026 am 5. Juli um 10.30 Uhr statt.

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