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Freiräume für Entfaltung

Das Schenkhaus hat eine neue Bleibe: Im Seefeld laden Kreativ­ateliers, Gesprächs­runden und ein Raum dazu ein, eine wert­schätzende Community zu erleben.
03.10.2024Kirchgemeinde
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Begegnungsort fernab von digitalen Welten: Im Schenkhaus findet sich eine junge Community. L. Hässig, F. Bugglin, M. Weyrich, B. Wiggers

Kirche ist nicht an einen Ort ge­bun­den. Mit dem Schenk­haus-Pop-Up in einer Auto­garage ver­folgt die refor­mierte Kirch­gemeinde Zürich diesen Leit­ge­danken weiter – und er­öffnet im See­feld ein Labor aus Werk­statt, Kreativ­atelier und ein­zelnen Events mit Kleider­tausch oder Live-Auftritten für junge Menschen.

Das Schenkhaus-Pop-Up hat sich soeben im Zürcher See­feld­quartier ein­ge­richtet. Für ein Jahr ist es nun in einem be­schau­lichen Innen­hof in einer ehe­maligen Auto­werk­statt unter­ge­bracht. «Beim Ein­zug hing der Geruch von Motor­öl noch in der Luft», er­zählt Kirchen­pfleger Simon Obrist, zu­ständig für das Ressort Lebens­welten. In­zwischen ver­flüchtigt sich die Duft­note des früheren Mieters und macht neuen Düften, Farben und Formen Platz.

Experimentierfeld für den Austausch

Seit Mitte September weht ein frischer Wind durch den schlichten Raum. Darin experi­men­tieren junge Menschen mit ver­schiedenen Formen von All­tags­kirche. «Das Schenk­haus ist ganz be­wusst als Experi­men­tier­feld ange­legt», sagt Simon Obrist. Als Spiel­wiese, wo ein junges Publi­kum zu­sammen­kommt, um sich aus­zu­tauschen und unter­schied­liche Arten der Zu­sammen­gehörig­keit zu er­proben. Im Alter zwischen 20 und 35 Jahren lösen sich viele Menschen vom Eltern­haus; sie werden un­ab­hängig und ziehen in ein anderes Quar­tier oder in eine neue Stadt. Ver­bin­dungen aus der Schul­zeit lösen sich auf und machen neuen Platz. Es ist das Alter, in dem junge Menschen der Kirche oft ab­handen­kommen – auch weil es wenig Ange­bote für sie gibt.

Begegnungsort fernab von digitalen Welten: Im Schenkhaus findet sich eine junge Community.
L. Hässig, F. Bugglin, M. Weyrich, B. Wiggers

Von Kreativ-Festivals bis Gesprächsrunden

Das Schenk­haus schliesst diese Lücke. «Gleich­zeitig wählen wir beim Schenk­haus be­wusst einen anderen Weg», so Simon Obrist. «Wir wollten nicht mit einem fix­fertigen Pro­gramm kommen, das am Ende gar niemanden inte­res­siert.» Statt­dessen be­findet sich die Schenk­haus-Community mitten in einem parti­zi­pa­tiven Pro­zess und ge­stal­tet die Werk­statt auch als Begeg­nungs­ort mit Kleider­tausch, Krea­tiv­ate­lier und Live-­Auftritten. Die Events werden von einer rund 100-köpfigen Com­munity ge­stal­tet.

Kleider­bügel reihen sich an­ein­ander, da­ran hängen Shirts, Hemden, Hosen, Röcke oder Klei­der zum Her­um­stöbern. Hat man etwas ge­fun­den, das einem ge­fällt, darf man es mit­nehmen – gratis. Kon­sum steht im Schenk­haus nicht im Vor­der­grund. Wem ­als Beschenkte:r danach ist, kann dem oder der Schenker:in via QR-Code am Klei­dungs­stück einen Gruss oder einen Dank über­mitteln. An zwei Kreativ-Festi­vals wurde diese Idee be­reits ge­tes­tet – und die Gäste waren be­geis­tert. Die 25-jährige Anna Pfister enga­gierte sich an einem der Events frei­willig. «Die Stim­mung war sehr offen und wert­schätzend», er­innert sie sich. Sie hatte selbst Klei­dung zum Weiter­schenken dabei. «Man gibt die Stücke ja gratis – des­halb ist es schön, die Dank­bar­keit des Be­schenkten zu spüren.» Sie fand es er­staun­lich, dass nie­mand ge­hams­tert hat. «Es kam mir so vor, als hätten alle sehr be­wusst ge­wählt», so die 25-Jährige.Im hin­teren Teil des Pop-Ups gibt es eine Sofa­ecke und die Werk­statt wird zur Bühne, wo ver­ein­zelt Kon­zerte, Slams oder Ge­sprächs­runden statt­finden. «Damit geben wir den Men­schen mit dem, was sie be­schäftigt, eine Stimme», so Michael Weyrich. Er ist Pro­jekt­leiter der Krea­tiv­agen­tur Soda Studios, die das Schenk­haus mit ihrem Know-how unter­stützt.

Das Schenk­haus-Team hat zu­sammen mit der Commu­nity in den Wochen des Openings eifrig ge­strichen, ge­sägt, ge­hobelt und ge­schraubt, so sind in der Werk­statt eigene Möbel ent­standen. Der etwas her­unter­ge­kommene, impro­vi­sierte Look des Inte­rieurs ist ge­wollt. Er steht sinn­bild­lich für das Pro­zess­hafte. Gleich­zeitig führt der Look den Gästen vor Augen, wie viel mit ein bisschen hand­werk­lichem Ge­schick mög­lich ist. An Näh- und Stick­maschinen können die Gäste zudem Klei­dungs­stücke ver­schönern oder ander­weitig krea­tiv tätig sein.

Digital Detox am Lagerfeuer

Dass im Schenk­haus-Pop-Up auch die Spiri­tua­lität ihren festen Platz hat, zeigt der Raum der Stille. Einen Raum nur für Pausen zu haben, um sich nach der Ar­beit aus­zu­ruhen, sei als grosses Bedürf­nis von den Betei­ligten ge­äussert worden. Der Ver­zicht auf digi­tale Medien in diesem Raum soll helfen, sich selbst zu er­fahren. Eine wei­tere spiri­tu­elle Inno­vation ist ein drei Meter hohes digi­tales Lager­feuer, das zu fest­ge­legten Zeiten brennt und in der Werk­statt ent­stand. So können die Gäste im flack­ernden Wider­schein gemein­sam Musik machen und mit­ein­ander ins Ge­spräch kommen. «Mit dem Lager­feuer drücken wir aus: Wir brauchen ein­ander. Ohne Kon­takte gehen wir ein. Ohne Um­armungen ver­kümmern wir. Sich vir­tuell zu ver­schanzen, ist keine echte Alter­native. Wir brauchen ver­traute Orte in der Öffent­lich­keit, die uns auf­nehmen, Tag und Nacht, wenn es sein muss», sagt Simon Obrist. Und er meint ab­schliessend, «das ist heil­sam, das ist Seel­sorge». Die frei­willig Enga­gierte Anna Pfister ist mal mehr und mal weniger reli­giös. Ur­sprüng­lich war sie katho­lisch, dann gehörte sie eine Weile einer Frei­kirche an. «Eigent­lich hatte ich die Kirche ab­ge­stempelt. Doch das Schenk­haus unter­stütze ich gerne – es ist für mich eine gute Mög­lich­keit, der Kirche eine Chance zu geben.»


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