Freiräume für Entfaltung

Kirche ist nicht an einen Ort gebunden. Mit dem Schenkhaus-Pop-Up in einer Autogarage verfolgt die reformierte Kirchgemeinde Zürich diesen Leitgedanken weiter – und eröffnet im Seefeld ein Labor aus Werkstatt, Kreativatelier und einzelnen Events mit Kleidertausch oder Live-Auftritten für junge Menschen.
Das Schenkhaus-Pop-Up hat sich soeben im Zürcher Seefeldquartier eingerichtet. Für ein Jahr ist es nun in einem beschaulichen Innenhof in einer ehemaligen Autowerkstatt untergebracht. «Beim Einzug hing der Geruch von Motoröl noch in der Luft», erzählt Kirchenpfleger Simon Obrist, zuständig für das Ressort Lebenswelten. Inzwischen verflüchtigt sich die Duftnote des früheren Mieters und macht neuen Düften, Farben und Formen Platz.
Experimentierfeld für den Austausch
Seit Mitte September weht ein frischer Wind durch den schlichten Raum. Darin experimentieren junge Menschen mit verschiedenen Formen von Alltagskirche. «Das Schenkhaus ist ganz bewusst als Experimentierfeld angelegt», sagt Simon Obrist. Als Spielwiese, wo ein junges Publikum zusammenkommt, um sich auszutauschen und unterschiedliche Arten der Zusammengehörigkeit zu erproben. Im Alter zwischen 20 und 35 Jahren lösen sich viele Menschen vom Elternhaus; sie werden unabhängig und ziehen in ein anderes Quartier oder in eine neue Stadt. Verbindungen aus der Schulzeit lösen sich auf und machen neuen Platz. Es ist das Alter, in dem junge Menschen der Kirche oft abhandenkommen – auch weil es wenig Angebote für sie gibt.

Von Kreativ-Festivals bis Gesprächsrunden
Das Schenkhaus schliesst diese Lücke. «Gleichzeitig wählen wir beim Schenkhaus bewusst einen anderen Weg», so Simon Obrist. «Wir wollten nicht mit einem fixfertigen Programm kommen, das am Ende gar niemanden interessiert.» Stattdessen befindet sich die Schenkhaus-Community mitten in einem partizipativen Prozess und gestaltet die Werkstatt auch als Begegnungsort mit Kleidertausch, Kreativatelier und Live-Auftritten. Die Events werden von einer rund 100-köpfigen Community gestaltet.
Kleiderbügel reihen sich aneinander, daran hängen Shirts, Hemden, Hosen, Röcke oder Kleider zum Herumstöbern. Hat man etwas gefunden, das einem gefällt, darf man es mitnehmen – gratis. Konsum steht im Schenkhaus nicht im Vordergrund. Wem als Beschenkte:r danach ist, kann dem oder der Schenker:in via QR-Code am Kleidungsstück einen Gruss oder einen Dank übermitteln. An zwei Kreativ-Festivals wurde diese Idee bereits getestet – und die Gäste waren begeistert. Die 25-jährige Anna Pfister engagierte sich an einem der Events freiwillig. «Die Stimmung war sehr offen und wertschätzend», erinnert sie sich. Sie hatte selbst Kleidung zum Weiterschenken dabei. «Man gibt die Stücke ja gratis – deshalb ist es schön, die Dankbarkeit des Beschenkten zu spüren.» Sie fand es erstaunlich, dass niemand gehamstert hat. «Es kam mir so vor, als hätten alle sehr bewusst gewählt», so die 25-Jährige.Im hinteren Teil des Pop-Ups gibt es eine Sofaecke und die Werkstatt wird zur Bühne, wo vereinzelt Konzerte, Slams oder Gesprächsrunden stattfinden. «Damit geben wir den Menschen mit dem, was sie beschäftigt, eine Stimme», so Michael Weyrich. Er ist Projektleiter der Kreativagentur Soda Studios, die das Schenkhaus mit ihrem Know-how unterstützt.
Das Schenkhaus-Team hat zusammen mit der Community in den Wochen des Openings eifrig gestrichen, gesägt, gehobelt und geschraubt, so sind in der Werkstatt eigene Möbel entstanden. Der etwas heruntergekommene, improvisierte Look des Interieurs ist gewollt. Er steht sinnbildlich für das Prozesshafte. Gleichzeitig führt der Look den Gästen vor Augen, wie viel mit ein bisschen handwerklichem Geschick möglich ist. An Näh- und Stickmaschinen können die Gäste zudem Kleidungsstücke verschönern oder anderweitig kreativ tätig sein.
Digital Detox am Lagerfeuer
Dass im Schenkhaus-Pop-Up auch die Spiritualität ihren festen Platz hat, zeigt der Raum der Stille. Einen Raum nur für Pausen zu haben, um sich nach der Arbeit auszuruhen, sei als grosses Bedürfnis von den Beteiligten geäussert worden. Der Verzicht auf digitale Medien in diesem Raum soll helfen, sich selbst zu erfahren. Eine weitere spirituelle Innovation ist ein drei Meter hohes digitales Lagerfeuer, das zu festgelegten Zeiten brennt und in der Werkstatt entstand. So können die Gäste im flackernden Widerschein gemeinsam Musik machen und miteinander ins Gespräch kommen. «Mit dem Lagerfeuer drücken wir aus: Wir brauchen einander. Ohne Kontakte gehen wir ein. Ohne Umarmungen verkümmern wir. Sich virtuell zu verschanzen, ist keine echte Alternative. Wir brauchen vertraute Orte in der Öffentlichkeit, die uns aufnehmen, Tag und Nacht, wenn es sein muss», sagt Simon Obrist. Und er meint abschliessend, «das ist heilsam, das ist Seelsorge». Die freiwillig Engagierte Anna Pfister ist mal mehr und mal weniger religiös. Ursprünglich war sie katholisch, dann gehörte sie eine Weile einer Freikirche an. «Eigentlich hatte ich die Kirche abgestempelt. Doch das Schenkhaus unterstütze ich gerne – es ist für mich eine gute Möglichkeit, der Kirche eine Chance zu geben.»