En Guete mitenand!

«Zmittag für Alle» im Kirchenkreis zwölf ist eins von vielen Mittagstisch-Angeboten in der reformierten Kirchgemeinde Zürich. So unterschiedlich diese Angebote sind, so ähnlich sind sie sich in einem Merkmal: Ums Essen geht es erst in zweiter Linie, viel wichtiger sind die Gemeinschaft und der Austausch untereinander.
Jeden zweiten Dienstag verwandelt sich der grosse Saal im reformierten Kirchgemeindehaus Schwamendingen im Kirchenkreis zwölf für einige Stunden in ein Restaurant. Den «Zmittag für Alle» gebe es schon seit über 50 Jahren, erzählt Sozialdiakonin Tanja Gabathuler, und er erfreue sich nach wie vor grosser Beliebtheit. «Im Normalfall bewirten wir zwischen 65 und 75 Menschen, Freiwillige inklusive», sagt sie.
Viele Wege führen zum Mittagstisch
Einer aus dem 12- bis 15-köpfigen Freiwilligenteam, ohne das ein solches Angebot nicht zu bewerkstelligen wäre, ist Ruedi Grob. Der 70-Jährige empfängt die Gäste, die ab 11.30 Uhr eintrudeln, begrüsst sie und zieht den Unkostenbeitrag von 12 Franken pro erwachsene Person ein. «Ich helfe sehr gern hier», sagt er, «so komme ich in Kontakt mit den Menschen, und wenn man pensioniert ist, ist es sowieso nicht verkehrt, sich zu engagieren.» Der «Zmittag für Alle» sei ein wertvolles Angebot, besonders für Menschen, die allein wohnen, findet er. Die Gäste kenne er mittlerweile. Schliesslich sind die allermeisten von ihnen Stammkundinnen und -kunden.
Und sie sind, wie sich schnell herausstellt, allesamt schon im Seniorenalter. Natürlich sind alle willkommen, unabhängig vom Alter, Konfessions- oder Religionszugehörigkeit. Die meisten Gäste kommen aber aus kirchennahen Kreisen. Da stellt sich die Frage, wie man so ein Angebot überhaupt im Quartier bekannt macht. «Zum einen natürlich mit Mund-zu-Mund-Propaganda unserer Gäste», sagt die Sozialdiakonin. Daneben gibt es Flyer, Artikel im reformiert.lokal und Präsenzen bei den vielen Veranstaltungen im Quartier. Geburtstagskinder bekommen zudem eine Karte und einen Gutschein, der für die drei Mittagstische im Kirchenkreis zwölf gültig ist. «Davon machen viele Gebrauch», sagt die Sozialdiakonin, «und manche bleiben dann auch, weil es ihnen bei uns gefällt.»
Man schaut zueinander
Auffällig ist, dass die hauseigene Küche kalt bleibt. «Seit einem Jahr beziehen wir die Mahlzeiten von der Stiftung Altried», erklärt Tanja Gabathuler. Die Schwamendinger Stiftung stellt Menschen mit Beeinträchtigungen Beschäftigungs-, Arbeits- und Wohnplätze zur Verfügung. «Die Köchinnen und Köche der Stiftung kochen mit regionalen Zutaten und ohne Fertigprodukte», so die Sozialdiakonin weiter. «Das hat etwas Nachhaltiges, und ich finde es schön, dass wir diese Menschen unterstützen können.» Zuvor war Ruedi Grobs Frau Brigitte fast 30 Jahre lang für die Küche verantwortlich. «Aber mir und dem Küchenteam aus Freiwilligen wurde das einfach zu anstrengend», begründet die bald 73-Jährige ihren Rücktritt. Jetzt hilft sie noch im Service und beim Kafimachen. Ihre Kochkünste werden von den Gästen vermisst. «Es war fein, aber bei Brigitte war es besser», hört man nach dem Essen immer wieder. Eine Sympathiebekundung der besonderen Art!
Da die meisten Gäste Stammgäste sind, fällt es dem «Zmittag»-Team natürlich auf, wenn jemand nicht erscheint. Nach einer Weile hakt Tanja Gabathuler nach, ob etwas passiert sei. Aber auch die Freiwilligen selbst werden tätig. «Grad gestern habe ich bei zwei Gästen, die ich sehr gut kenne und von denen ich schon länger nichts mehr gehört habe, angerufen», erzählt Brigitte Grob. «Eine von ihnen hatte einen Unfall; ich habe sie ermuntert wieder zu kommen, auch wenn sie nicht angemeldet war.» Denn «Zmittag für Alle» ist nicht einfach nur eine Speisung, das Angebot ist eine Gemeinschaft.

Viel Gesprächsstoff
Eine Sitzordnung gibt es im grossen Saal zwar nicht. Trotzdem setzen sich die immer gleichen Grüppchen an die immer gleichen Tische – Stammtische sozusagen, wie es sie früher in den immer weniger werdenden Dorfbeizen zuhauf gab. Während das Freiwilligenteam wie eine gut geölte Maschine das Essen auf Teller schöpft und serviert, entfalten sich unter den Gästen angeregte Gespräche. An einem Vierertisch wird über den akzeptablen modernen Sprachgebrauch diskutiert – mit durchaus dezidierten Meinungen. Einig ist man sich dann aber schnell wieder, als die Frage aufkommt, ob man Bücher und Geschichten von aus heutiger Sicht Unwörtern befreien solle. Die einhellige Meinung: Das geht zu weit! Das Quartett schmunzelt, als zum Dessert ausgerechnet ein Brownie serviert wird.
An einem anderen Tisch sitzen drei Damen. Eine von ihnen bekam zum Geburtstag einen der schon erwähnten Gutscheine. «Da dachte ich mir, ich kann ja mal hingehen», erzählt sie. Das war vor zwei Monaten. Normalerweise sei das Trio ein Quartett, erklärt eine der Damen, die schon seit sieben Jahren vorbeikommt. «Die vierte hat heute aber etwas anderes vor», sagt sie. Dass der «Zmittag für Alle» durchaus gemeinschaftsstiftend ist, zeigt sich im weiteren Verlauf des Gesprächs. «Ist doch gäbig», findet eine der Damen, «so muss ich nicht kochen und komme unter die Leute.» Man treffe sich auch sonst öfter, erzählen die Damen, zum Kafi im «Schwamendingerhuus», das offiziell eigentlich Restaurant Schwamedinge heisst. «Oder wir gehen ‹go Bänkle›» – heisst, auf den Sitzgelegenheiten am Schwamendingerplatz den Leuten zusehen.
Wichtig weil niederschwellig
Für Tanja Gabathuler ist klar: Angebote wie «Zmittag für Alle» sind extrem wichtig. «Es geht um die Gemeinschaft», sagt sie, «diese zu fördern, gehört zu den Kernaufgaben der Kirche, und dabei sind niederschwellige Angebote von besonderer Bedeutung.» Natürlich könnten die Gäste von «Zmittag für Alle» sich auch in einem Restaurant verabreden. «Aber das ist nicht dasselbe», ist die Sozialdiakonin überzeugt. «Bei uns geht es um sie, und wenn sie Gesprächsbedarf haben, finden sie hier jederzeit ein offenes Ohr.» Zudem sei es einfacher, neue Kontakte zu knüpfen, wenn man möchte. Auch das Preis-Leistungsverhältnis spielt natürlich eine Rolle; ein ganzes Menu für zwölf Franken, mit Kafi und Dessert, bekommt man wirklich nicht mehr überall.
Gegen 14 Uhr leert sich der Saal langsam. Die Freiwilligen räumen auf, in der Küche wird abgewaschen. Ein letztes kurzes Gespräch hier, eine herzliche Verabschiedung dort. Meistens gefolgt von einem vorfreudigen: «Bis zum nächsten Mal!»
Mittagstische der Kirchgemeinde
Möchten Sie einmal bei einem der vielen Mittagstische in der reformierten Kirchgemeinde Zürich vorbeischauen? In unserer Website-Agenda geben Sie im Feld Begriffe wie «Mittagstisch» oder «Zmittag» ein, und schon erhalten Sie eine Liste entsprechender Angebote. Alternativ klicken Sie die Schaltfläche «Gemeinschaft & Engagement» an. Hier ist die Angebotsliste zwar länger, dafür entdecken Sie vielleicht noch andere ähnliche und ebenso interessante Angebote wie den Zmorge-Träff im Kirchenkreis neun. Um nur Angebote in Ihrem Kirchenkreis zu erhalten, klicken Sie auf «Erweiterte Filter» und anschliessend auf den gewünschten Kirchenkreis.




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