Die vielen Gesichter der Liebe

Überdurchschnittlich viele junge Erwachsene fühlen sich einsam – und auch ältere Generationen kämpfen damit. Pfarrerin Diana Trinkner glaubt an die Liebe als Grundmotor des Lebens. Mit Aktionen wie kirchlichem Speed-Dating schenkt sie Hoffnung auf Nähe und zeigt, warum Mut zur Verletzlichkeit heute wichtiger denn je ist.
Im Alten Testament steht der Begriff «Bund» für die Liebe: «Wenn Gott seinen ewigen Bund mit uns Menschen deklariert, sagt er damit nicht nur, dass er uns liebt, sondern dass er diese Beziehung auch pflegen wird und mit uns und allem verbunden ist», erklärt Diana Trinkner, Pfarrerin im Kirchenkreis zehn. Liebe – das ist für sie der Grundmotor des Lebens. Ein Leben ohne Beziehungen kann sie sich nicht vorstellen. Doch gerade junge Erwachsene klagen häufig über Einsamkeit.
Einsamkeit kennt kein Alter
Das zeigt der Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums von 2024: Überdurchschnittlich viele 15- bis 34-Jährige fühlen sich häufig bis sehr häufig einsam. «Wir werden immer mehr Menschen und die Gesellschaft wird vielfältiger. Das ist zwar wunderschön, aber gleichzeitig sehr herausfordernd. Ein Gegenüber zu finden, das in den Wertevorstellungen kompatibel ist, wird schwieriger», weiss Diana Trinkner. Und auch die älteren Generationen gehen heute oft unfreiwillig allein durchs Leben. Laut Schweizer Altersmonitor leidet jede vierte Person über 55 Jahre in der Schweiz an Einsamkeit.
Speed-Dating in der Kirchenbank
Aufgrund dieser Not kam Diana Trinkner auf die Idee, die Menschen mit verschiedenen Aktionen wie etwa einem kirchlichen Speed-Dating zusammenzubringen. Dafür schrieb sie im Jahr 2023 gemeinsam mit ihrer Kollegin, Pfarrerin Stefanie Porš, alle potenziellen Singles ihrer Kirchenkreise zwischen 20 und 65 Jahren an – fast die Hälfte der Mitglieder. Das spiegelt die Stadtzürcher Bevölkerung wider: 44 Prozent der Haushalte bestehen aus nur einer Person. Die Resonanz auf die Einladungen war enorm: Rund 200 Menschen meldeten sich für das «Dating in der Kirchenbank» vom 2. Juli 2023 an. Zudem gingen viele Anrufe und E-Mails bei den Pfarrerinnen ein. Unter anderem von Menschen, die zu diesem Zeitpunkt in einer Beziehung waren, sich aber gefreut haben, dass die Singles von der Kirche gesehen werden. Die beiden Organisatorinnen wissen von drei Paaren, die sich im Juli 2023 beim «Dating in der Kirchenbank» gefunden haben. Darunter Esther Nägeli aus Zürich und Johann Lüchinger aus dem Emmental (siehe Box). Es seien darüber hinaus viele schöne Freundschaften entstanden. Dieses Jahr plant Diana Trinkner keinen solchen Event, freut sich aber, dass das Schenkhaus in Zürich am 14. Februar ein freundschaftliches Speed-Dating organisiert. Diana Trinkner ist von der Liebe überzeugt: «Jede und jeder von uns braucht ein Gegenüber. Der Mensch ist nicht dazu gemacht, allein zu sein.» Die meisten Menschen würden im Verlauf des Lebens die eine oder andere Enttäuschung in der Liebe erleben. Wichtig sei, dass man sein Herz deshalb nicht verschliesse und sich nicht zurückziehe.
Mut zur Verletzlichkeit
«Man darf nie aufhören, rauszugehen, die Gemeinschaft zu suchen und sich im Herzen berühren zu lassen – auch wenn man sich dabei verletzbar macht. Das ist das Leben», sagt Diana Trinkner. Das treffe ebenso auf die Nächstenliebe zu. Die Generation, der Diana Trinkner angehört, sei vom Individualismus geprägt: Man kann alles allein schaffen und ist nicht auf die Hilfe anderer angewiesen. Aber: «Diese Einstellung ist sehr hochmütig. Nur wer demütig ist, sieht die Menschen um sich herum und kann um Hilfe bitten oder offen sagen, wenn es einem einmal nicht so gut geht. Das macht Nächstenliebe erst möglich», so die Pfarrerin. Sich gegenseitig zu sehen und wahrzunehmen, sei gerade in der heutigen Zeit besonders wichtig.
Verbundenheit als Fundament der Liebe
Romantische Liebe, Nächstenliebe, Freundschaft und Gemeinschaft – die Liebe hat viele Gesichter. Sie alle haben eins gemeinsam: «Verbundenheit. Und damit sind wir wieder beim Bund aus dem Alten Testament», sagt Diana Trinkner.
Lovestory: Esther & Johann

Es ist nie zu spät, die grosse Liebe zu finden: Das zeigt die Geschichte von Esther Nägeli und Johann Lüchinger. Die beiden haben sich 2023 beim «Dating in der Kirchenbank» kennen und lieben gelernt.
Wenn die Kirche zum Dating ruft, hält Gott schützend seine Hand darüber. Davon sind Esther Nägeli (64) und Johann Lüchinger (65) überzeugt. Beide haben am 2. Juli 2023 am «Dating in der Kirchenbank» teilgenommen – und staunen bis heute über das Wunder, dass sie sich dort treffen und verlieben durften. Esther Nägeli aus Zürich war nach traumatischen Erlebnissen in ihrer Ehe 18 Jahre lang Single und hat drei Kinder allein grossgezogen. Trotzdem wollte sie der Liebe nochmals eine Chance geben.
Das war auch bei Johann Lüchinger, der damals noch im Emmental wohnte, der Fall. Obschon seine Anmeldung gar nicht bei den organisierenden Pfarrerinnen ankam, durfte er spontan teilnehmen. Esther und Johann trafen sich am allerletzten Tisch und kreuzten anschliessend den Namen des jeweils anderen an. «Es ist einfach unglaublich, wie wir in allen kleinen und grossen Vorlieben, Gewohnheiten, Ansichten, Wertmassstäben und Weltanschauung übereinstimmen», schwärmt Esther Nägeli.
Und Gott habe zudem Weitsicht und Humor bewiesen: Er sendete Esther, die zwei Liegenschaften bewirtschaftet, Johann – ein mittlerweile pensionierter Hausmeister. Heute wohnen beide zusammen in Zürich. «So etwas schafft nur Gott», sagt Johann Lüchinger lächelnd.


