Persönlich: Wein

Ich weile zurzeit auf dem Maiensäss meiner im September verstorbenen Schwiegermutter auf den Bergen Montenegros, wo sie aufwuchs. Sie hat ein Leben lang sehr karg und wahnsinnig asketisch gelebt. Ich staune jetzt nicht schlecht über das Arsenal an Schnäpsen und Weinen im Kästchen unter der Spüle. Diesbezüglich war sie wohl grosszügig.
Vorgestern war ich noch in Belgrad, wo sie seit Ende der 60er Jahre lebte und begraben ist. Am Morgen ging ich zum Bildhauer, der den Grabstein fertiggestellt hatte. Der Steinmetz ist ein wahrer Künstler, der mit altslawisch-orthodoxer Ornamentik der Romanik arbeitet. Ich wollte auf dem Grabstein das Lamm Gottes haben, Sinnbild für den Sieg über den Tod. Die Schwiegermutter hatte von klein auf die Schafe gehütet, ganz wie unser Guter Hirte. «Aber da muss ein Kreuz hin!», rief der Steinmetz. «Unser Symbol für das Lamm Gottes ist das eucharistische Brot, kein figürliches Lamm.» «Aber ich will das!», antwortete ich. «Du kannst das orthodoxe Kreuz in die Flagge des Lammes machen». «Gut, aber ich will dafür Weinranken haben, die zum Lamm Gottes hinführen, ganz nach: ‹Ich bin der wahre Weinstock, ihr die Reben.» Das fand ich super.
Gleichentags am Abend traf ich mich mit dem Popen des Kirchenkreises der Schwie-germutter in seinem Pfarrbüro und besuchte nachher die Vigil in der Kirche. Ich trug meinen Talar, da die orthodoxen Pfarrer ihr geistliches Gewand auch in der Freizeit tragen. Darum hat er auch acht davon. Ganz nach den Regeln der Gastfreundschaft schenkte er mir reichlich Slivovic ein und machte uns Kaffee. Von da an drehte sich das Gespräch nur noch um Schnaps und Wein. Er zeigte mir sein Arsenal an Schnäpsen, das stellte dasjenige der Schwiegermutter bei weitem in den Schatten. Schnäpse im Aktenschrank, unter der Klappe der Kirchenbank, überall.
Ich zeigte ihm auf meinem Handybildschirm das Lamm Gottes vom Grabstein und wollte das Gespräch zum eucharistischen Brot lenken. Da juckte er auf und holte zur Degustation den Messwein aus der Kirche. Süsser Wein sei das, da dieser in der Bibel für Le-bensfreude und die Begeisterung der Apo-stel an Pfingsten stehe. Die Begegnung war sehr freundschaftlich, verbindend und anerkennend, da war Spirit(us) drin. Ich ging ganz beschwipst und begeistert in den Gottesdienst, er sang die Liturgie zum Sterben schön.
Diana Trinkner
Pfarrerin

Dieser Beitrag wurde fürs reformiert.lokal im September 2026 verfasst. Sie finden die Ausgabe hier.

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