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Lieblingslied

Geh aus, mein Herz, und suche Freud

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Beitrag für den Monat Mai in unserer Rubrik «Lieblingslied»:

Original-Liedtext: Geh aus, mein Herz, und suche Freud

Reformiertes Gesangbuch, Lied Nr. 537
Text: Paul Gerhardt 1653
Melodie: Augustin Harder vor 1813
Satz: Emil Heer (1991) 1998 nach Paul Ernst Ruppel 1983

Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.

  1. Die Bäume stehen voller Laub,
    das Erdreich decket seinen Staub
    mit einem grünen Kleide;
    Narzissus und die Tulipan,
    die ziehen sich viel schöner an
    als Salomonis Seide,
    als Salomonis Seide.
  2. Die Lerche schwingt sich in die Luft,
    das Täublein fliegt aus seiner Kluft
    und macht sich in die Wälder;
    die hochbegabte Nachtigall
    ergötzt und füllt mit ihrem Schall
    Berg, Hügel, Tal und Felder,
    Berg, Hügel, Tal und Felder.
  3. Die Glucke führt ihr Völklein aus,
    der Storch baut und bewohnt sein Haus,
    das Schwälblein speist die Jungen;
    der schnelle Hirsch, das leichte Reh
    ist froh und kommt aus seiner Höh
    ins tiefe Gras gesprungen,
    ins tiefe Gras gesprungen.
  4. Die Bächlein rauschen in dem Sand
    und malen sich an ihrem Rand
    mit schattenreichen Myrten;
    die Wiesen liegen hart dabei
    und klingen ganz vom Lustgeschrei
    der Schaf’ und ihrer Hirten,
    der Schaf’ und ihrer Hirten.
  5. Die unverdrossne Bienenschar
    fliegt hin und her, sucht hier und da
    die edle Honigspeise;
    des süssen Weinstocks starker Saft
    wirkt täglich neue Stärk und Kraft
    in seinem schwachen Reise,
    in seinem schwachen Reise.
  6. Der Weizen wächset mit Gewalt,
    darüber jauchzet Jung und Alt
    und rühmt die grosse Güte
    des, der so überfliessend labt
    und mit so manchem Gut begabt
    das menschliche Gemüte,
    das menschliche Gemüte.
  7. Ich selber kann und mag nicht ruhn:
    Des grossen Gottes grosses Tun
    erweckt mir alle Sinnen;
    ich singe mit, wenn alles singt,
    und lasse, was dem Höchsten klingt,
    aus meinem Herzen rinnen,
    aus meinem Herzen rinnen.
  8. Ach, denk ich, bist du hier so schön
    und lässt du’s uns so lieblich gehen
    auf dieser armen Erden:
    Was will doch wohl nach dieser Welt
    dort in dem reichen Himmelszelt
    und güldnen Schlosse werden,
    und güldnen Schlosse werden?
  9. Welch hohe Lust, welch heller Schein
    wird wohl in Christi Garten sein;
    wie muss es da wohl klingen,
    da so viel tausend Serafim
    mit unverdrossnem Mund und Stimm
    ihr Halleluja singen,
    ihr Halleluja singen.
  10. O wär ich da, o stünd ich schon
    du reicher Gott, vor deinem Thron
    und trüge meine Palmen,
    so wollt ich nach der Engel Weis
    erhöhen deines Namens Preis
    mit tausend schönen Psalmen,
    mit tausend schönen Psalmen.
  11. Doch will ich jetzt schon, da ich noch
    hier trage dieses Leibes Joch,
    auch nicht gar stille schweigen;
    mein Herze soll sich fort und fort
    an diesem und an allem Ort
    zu deinem Lobe neigen,
    zu deinem Lobe neigen.
  12. Hilf mir und segne meinen Geist
    mit Segen, der vom Himmel fleusst,
    dass ich dir stetig blühe;
    gib, dass der Sommer deiner Gnad
    in meiner Seele früh und spat
    viel Glaubensfrüchte ziehe,
    viel Glaubensfrüchte ziehe.
  13. Mach in mir deinem Geiste Raum,
    dass ich dir werd ein guter Baum,
    und lass mich Wurzel treiben;
    verleihe, dass zu deinem Ruhm
    ich deines Gartens schöne Blum
    und Pflanze möge bleiben,
    und Pflanze möge bleiben.
  14. Erwähle mich zum Paradeis
    und lass mich bis zur letzten Reis
    an Leib und Seele grünen;
    so will ich dir und deiner Ehr
    allein und sonsten keinem mehr
    hier und dort ewig dienen,
    hier und dort ewig dienen.

Rechte: Verein zur Herausgabe des Gesangbuches der Evangelisch-reformierten Kirchen der
deutschsprachigen Schweiz, Zürich (S)

Lesen Sie hier, warum dieses Lied ein Lieblingslied ist:

Geh aus, mein Herz

Barbara Becker | Sobald ich in schöner Natur unterwegs bin, möchte es in mir singen. Als erstes kommt mir dann das Lied Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit in den Sinn. Vor fünf Jahren habe ich alle 15 Strophen auswendig gelernt.

Am 27. Mai jährt sich der Todestag von Paul Gerhardt zum 350. Mal – ein guter Grund, sich an eines seiner schönsten Lieder zu erinnern, das durch die fröhliche Melodie von August Harder so populär wurde.

Paul Gerhardt hat dieses Lied 1653 kurz nach dem Dreissigjährigen Krieg für seine Frau geschrieben, als sie eines ihrer Kinder verloren hatten. Vielleicht spricht er daher mit «mein Herz» seine Frau an; vielleicht hält er Zwiesprache mit seinem eigenen trauernden Herzen. In der Antriebslosigkeit der Trauer fordert Paul Gerhardt uns sieben Strophen lang auf, uns von Gottes schöner Schöpfung trösten und erfreuen zu lassen.

In der achten Strophe wechselt er in die Ich-Form: Ich selber kann und mag nicht ruhn, des grossen Gottes grosses Tun erweckt mir alle Sinnen. Die Strophen 9–12 beschreiben in den Worten seiner damaligen Zeit den Trost der himmlischen Welt angesichts des irdischen Elends (diese arme Erde, dieses Leibes Joch). Mich haben diese Bilder nach dem Tod meines Bruders getröstet.

Schliesslich mündet das Lied in den Strophen 13–15 im eigenen Handeln, jetzt in einer Zwiesprache mit Gott als Gegenüber (hilf mir, segne, erwähle mich). Inspiriert durch die Naturlyrik bittet er: … dass ich dir stetig blühe; dass ich dir werd ein guter Baum; lass mich … an Leib und Seele grünen.

Dieses Lied ermuntert uns, in unserem Leben Gottes Schöpferkraft und Liebe wahrzunehmen und unser ganzes Leben davon erfüllen und prägen zu lassen.

Wenn Sie sich auf das Experiment Auswendiglernen einlassen wollen, beginnen Sie doch mit der achten Strophe.

Hier finden Sie eine vertonte Version:

Audio und Tonrechte des Videos mit freundlicher Genehmigung von Tim Jungmann