Lieblingslied
Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein

Reformiertes Gesangbuch, Lied Nr. 603
Text: Stockholm 1925 / Theodor Werner 1952 nach «Abide with me» von Henry Francis Lyte 1847
Melodie und Satz: William Henry Monk 1861
Rechte: unbekannt (T)
- Bleib bei mir, Herr! Der Abend bricht herein.
Es kommt die Nacht, die Finsternis fällt ein.
Wo fänd ich Trost, wärst du, mein Gott, nicht hier?
Hilf dem, der hilflos ist: Herr, bleib bei mir! - Wie bald verebbt der Tag, das Leben weicht, die Lust verglimmt, der Erdenruhm verbleicht; umringt von Fall und Wandel leben wir.
Unwandelbar bist du: Herr, bleib bei mir! - Ich brauch zu jeder Stund dein Nahesein, denn des Versuchers Macht brichst du allein.
Wer hilft mir sonst, wenn ich den Halt verlier?
In Licht und Dunkelheit, Herr, bleib bei mir! - Von deiner Hand geführt, fürcht ich kein Leid, kein Unglück, keiner Trübsal Bitterkeit.
Was ist der Tod, bist du mir Schild und Zier?
Den Stachel nimmst du ihm: Herr, bleib bei mir! - Halt mir dein Kreuz vor, wenn mein Auge bricht; im Todesdunkel bleibe du mein Licht.
Es tagt, die Schatten fliehn, ich geh zu dir.
Im Leben und im Tod, Herr, bleib bei mir!
Lesen Sie hier, warum dieses Lied ein Lieblingslied ist:
Bleib bei mir, Herr
HARRY WHITE | In der Tradition biblischer Psalmen bitten Sänger:innen des Kirchenlieds «Bleib bei mir, Herr!» (engl. «Abide with Me») ganz persönlich um Gottes Beistand in allen Lebenslagen.
Neben der Kernaussage des Liedes «Herr, bleib bei uns» (Lk 24,29) aus der Emmaus-Geschichte verbindet und verwebt der Textdichter Lobpreis und Bittgebet psalmenartig ineinander. Er erinnert an Gottes tröstendes Handeln in schwierigen menschlichen Situationen wie jenen des Leids, Erfahrungen der Finsternis und Hilflosigkeit, der Entfremdung von Gott und der Angst vor dem Tod. Der Liedtext des britischen Pfarrers Henry Francis Lyte (1793–1847) ist ein persönliches Gebet. In Verbindung mit der schlichten Vertonung des Komponisten William Henry Monk (1823–1889) wird das Lied zu einem innigen Erlebnis.
Die Musik steht in der Tradition des vierstimmigen anglikanischen Gemeindegesangs. In Bezug auf Rhythmus und formelle Symmetrie ist die Komposition auf ein absolutes Minimum reduziert. Im Vergleich dazu wirken manche Choräle des Genfer Psalters geradezu extravagant. Monks schlichte, archaische Vertonung regt uns dazu an, uns auf unsere tiefste Sehnsucht nach Frieden, Gelassenheit und Erlösung einzulassen.
Wenn ich das ruhige Abendlied singe, lenkt es meine Aufmerksamkeit von mir selbst weg und zu Gott hin. Paradoxerweise ruft es gleichzeitig unterschiedliche Gefühle in mir hervor, sei es Freude oder Trauer, Hoffnung oder Gelassenheit. Doch das Wunderbare dieses Liedes liegt woanders: Nämlich in einer schwer zu beschreibenden heiteren Sehnsucht, die, verbunden mit einem ruhigen Staunen, zu einer Empfindung grosser Präsenz wird. Staunend kann ich die Erfahrung nur so in Worte fassen: «Wie ist solche Schönheit überhaupt möglich!»
Der Pianist Edwin Fischer hat diese Erfahrung, freilich in Bezug auf andere Kompositionen, treffend in etwa so beschrieben: Nicht wir singen – es singt. Das gehaltvolle Lied «Bleib bei mir, Herr!» ermöglicht ein solches Erlebnis.
Ich denke dabei an das Gleichnis vom Senfkorn, das zeigt, dass aus Kleinstem Grosses entstehen kann: Wenn wir als Singgemeinschaft ein aufrichtiges Gebet um Gnade und eine Reihe von einfachen, feinfühlig gesetzten Tönen zusammenbringen, dann können solche Wunder entstehen.
Rechte Audiodatei: ©KingsCollegeChoir