Lieblingslied
Gott ist gegenwärtig

Beitrag für den Monat Februar in unserer Rubrik «Lieblingslied»:
Original-Liedtext: Gott ist gegenwärtig
Reformiertes Gesangbuch, Lied Nr. 162
Text: Gerhard Tersteegen (1792)
Melodie: Joachim Neander (1680)
- Gott ist gegenwärtig.
Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte.
Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder;
gebt das Herz ihm wieder. - Gott ist gegenwärtig, dem die Kerubinen Tag und Nacht gebücket dienen.
Heilig, heilig, heilig!
singen ihm zur Ehre aller Engel hohe Chöre.
Herr, vernimm/ unsre Stimm, wenn auch wir Geringen unsre Opfer bringen. - Majestätisch Wesen, möcht ich recht dich preisen und im Geist dir Dienst erweisen.
Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen und dich gegenwärtig sehen.
Lass mich dir für und für trachten zu gefallen, liebster Gott, in allem. - Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben, aller Dinge Grund und Leben, Meer ohn Grund und Ende, Wunder aller Wunder:
Ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir, du in mir, lass mich ganz verschwinden, dich nur sehn und finden. - Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte, Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen/ willig sich entfalten und der Sonne stillehalten, lass mich so still und froh deine Strahlen fassen und dich wirken lassen. - Mache mich einfältig, innig, abgeschieden, sanft und still in deinem Frieden;
mach mich reinen Herzens, dass ich deine Klarheit schauen mag in Geist und Wahrheit;
lass mein Herz überwärts wie ein Adler schweben und in dir nur leben. - Herr, komm in mir wohnen, lass mein Geist auf Erden dir ein Heiligtum noch werden;
komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre, dass ich dich stets lieb und ehre.
Wo ich geh, sitz und steh, lass mich dich erblicken und vor dir mich bücken.
Lesen Sie hier, warum dieses Lied ein Lieblingslied ist:
Ein anderes Gottesbild
Roland Wuillemin | Das Lied «Gott ist gegenwärtig» von Gerhard Tersteegen erweitert unser Gottesbild. Es knüpft an Gedanken der Mystik an und überschreitet die personalen Gottesvorstellungen.
Das Lied beginnt mit recht traditionellen Gedanken: «Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und ihn Ehrfurcht vor ihn treten. » Gott ist ein «majestätisch Wesen» (3. Strophe), das angebetet werden soll. Damit nimmt Tersteegen die traditionelle Vorstellung auf, die Gott als Person sieht. Es ist diese Vorstellung, die in den meisten Religionen im Mittelpunkt steht: Gott als Person kann man anrufen, bitten, aber auch mit ihm streiten.
Dann aber überschreitet Tersteegen diese Vorstellung. Mit Bildern der Mystik zeigt er, dass Gott etwas Allumfassendes ist. Gott ist die «Luft, die alles füllet, drin wir immer schweben. Gott ist das «Meer ohn Grund und Ende». Diesen Gott kann man nicht nur anrufen, sondern in ihm versinken: «Ich senk mich in dich hinunter». (4. Strophe) Gott durchringt alles. (5. Strophe) Nach diesen Bildern ist es nicht so, dass Gott irgendwo im Jenseits ist und ich hier. Gott ist vielmehr die Essenz von allem, «das Sein aller Dinge», wie es Zwingli ausgedrückt hat.
Gegen Schluss des Liedes nimmt Tersteegen wieder das personale Bild von Gott auf: «Herr, komm in mir wohnen, lass mein Geist auf Erden, dir ein Heiligtum noch werden.» (7. Strophe) Das personale Gottesbild und die umfassende Gottesvorstellung kann man nicht gegeneinander ausspielen. Tersteegen stellt beides nebeneinander und zeigt, dass unser Reden und Singen über Gott vielseitig sein soll.
Hier finden Sie eine vertonte Version:
Urs Wittwer, reformierte Kirche Rafz