KGZ Logo
...
Reflokal Plus News
Orange your City 2026: Digitale Gewalt gegen Frauen – Interview mit Judith Bühler
Kirchgemeinde

«Wir können unsere digitale Öffentlichkeit aktiv gestalten»

Am 25. November setzt Zürich mit «Orange your City» ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen. Eine Schuhinstallation bei der Wasserkirche, ein Mahnmarsch und orange beleuchtete Gebäude erinnern an die Opfer von Femiziden. Im Fokus steht auch digitale Gewalt und ihre Auswirkungen.
20.10.2026Patricia AndrighettoKirchenkreis eins
Geschätzte Lesedauer: 3min
Text vorlesen lassen
KI-generiertes Bild der Interviewpartnerin Judith Bühler
KI-generiertes Bild der Interviewpartnerin Judith Bühler KI
Das Wichtigste auf einen Blick
Mit «Orange your City» setzt Zürich ein Zeichen gegen Gewalt an Frauen. Neben Mahnwache und Gedenkinstallation steht auch digitale Gewalt im Fokus. Die ZHAW-Expertin Judith Bühler erklärt, wie eng Online-Hass und reale Diskriminierung verbunden sind – und wie wir ihnen begegnen können.

Wenn Zürich am 25. November mit «Orange your City» zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen ein Zeichen setzt, sind auch die ↗Zürcher Altstadtkirchen wieder sichtbar beteiligt: Bei der Wasserkirche erinnert eine Schuhinstallation an die Opfer von Femiziden, ein Mahnmarsch führt durch die Innenstadt zur Stadtkirche St. Peter, deren Turm – zusammen mit dem Stadthaus und dem Amtshaus 1 – orange leuchten wird. Am Abend richtet sich der Blick auch auf eine Form von Gewalt, die oft unsichtbar bleibt: jene im digitalen Raum. Judith Bühler von der ZHAW Soziale Arbeit beschäftigt sich wissenschaftlich mit Hassrede, Diskriminierung und Gegenrede im Netz. Im Gespräch erklärt sie, weshalb die Trennung zwischen digitaler und realer Welt längst zu kurz greift und warum wir digitaler Gewalt keineswegs machtlos gegenüberstehen.

Judith Bühler, wo beginnt digitale Gewalt – und lässt sich diese Grenze überhaupt eindeutig ziehen?

Diese Frage lässt sich zwar aus verschiedenen Perspektiven beantworten. Für jemanden, der selbst von Sexismus oder Frauenfeindlichkeit betroffen ist, beginnt sie möglicherweise früher als für jemanden, der solche Erfahrungen nicht macht. Aber wir sollten die Frage nicht auf das individuelle Empfinden reduzieren. Wir haben einen gemeinsamen Rahmen: Menschenwürde, Diskriminierungsschutz und einen respektvollen Umgang miteinander. Entscheidend ist für mich deshalb auch die Frage: Wie gehen wir miteinander um? Wenn Menschen öffentlich abgewertet werden, betrifft das zudem nicht nur die direkt angegriffene Person. Im Internet lesen sehr viele Menschen mit. Auch auf sie wirkt, was sie sehen und lesen.

Welche Formen kann digitale Gewalt annehmen?

Der Begriff ist nicht einheitlich definiert. Grundsätzlich können digitale Werkzeuge genutzt werden, um Gewalt auszuüben. Dazu gehören etwa Hassrede (Hate Speech), Cybermobbing, das Zum-Schweigen-Bringen (Silencing) von Menschen oder Doxing, also das Veröffentlichen persönlicher Daten. Auch ein Onlinepranger oder Erpressung können dazugehören. Die Formen sind vielfältig und überschneiden sich teilweise.

Bei der Aktion «16 Tagen gegen Gewalt an Frauen» steht 2026 digitale geschlechtsspezifische Gewalt im Fokus. Sind Frauen und Mädchen von bestimmten Formen digitaler Gewalt stärker betroffen?

Man sollte nicht den Eindruck erwecken, digitale Gewalt sei grundsätzlich ein weibliches Problem. Auch Männer erleben sie. Aber es gibt Unterschiede. Sexualisierte digitale Gewalt und Belästigung treffen Frauen und Mädchen häufiger. Frauen werden zudem wegen ihres Körpers oder ihres Aussehens abgewertet, erhalten sexualisierte Drohungen – und sie werden dadurch aus der digitalen Öffentlichkeit gedrängt.

Diese Verdrängung ist für mich ein wichtiger Punkt. Denn wenn sich Menschen nicht mehr äussern, weil sie Angst vor den Reaktionen haben müssen, verlieren wir Stimmen aus unserer Öffentlichkeit.

Wir sprechen gerne von der realen und der digitalen Welt. Ist diese Trennung überhaupt sinnvoll?

Eigentlich nicht. Wir leben in einer Kultur der Digitalität. Was wir online erleben und welche Informationen wir dort aufnehmen, beeinflusst unsere Gefühle, unsere Wahrnehmung und unser Verhalten. Das lässt sich nicht trennen. Wer digitale Gewalt ausübt, wird allerdings nicht automatisch auch im direkten Kontakt übergriffig. Dennoch gibt es einen Zusammenhang: Die Abwertung von Menschen kann den Weg dafür ebnen, sie zu entmenschlichen, ihnen Rechte abzusprechen und Gewalt gegen sie zu legitimieren.

Digitale Gewalt hinterlässt oft keine sichtbaren Verletzungen. Was richtet sie dennoch an?

Wir müssen zwei Ebenen betrachten. Bei direkt Betroffenen kann digitale Gewalt enorme Folgen haben: Unsicherheit, Stress, Schlafprobleme, sozialer Rückzug oder Verstummen. Sie kann auch zu Depressionen und sogar Suizidgedanken beitragen.

Auf gesellschaftlicher Ebene beobachte ich, dass sich die Grenzen dessen verschieben, was öffentlich sagbar erscheint. Dinge, die noch vor einigen Jahren kaum akzeptiert worden wären, werden zunehmend normalisiert. Das kann Polarisierung verstärken. Unser gemeinsamer gesellschaftlicher Boden – unser «Common Ground» – wird brüchiger.

Und es entsteht Misstrauen. Menschen ziehen sich zurück, sie vereinzeln sich. Gerade für eine Demokratie, die darauf angewiesen ist, dass Menschen miteinander sprechen und miteinander Lösungen finden, ist das problematisch.

Bei Hass im Netz hört man häufig den Rat: nicht reagieren, nicht füttern. Sie beschäftigen sich in Ihrer Forschung mit Counter Speech, also der Gegenrede. Sollten wir widersprechen?

Ich bin sehr für konstruktiven, deeskalierenden Widerspruch. Eine zentrale Frage unserer Forschung lautet gerade: Welche Form von Widerspruch wirkt wie und auf wen? Wir untersuchen also auch, wie unterschiedliche Formen von Gegenrede auf Betroffene, Zuschauende oder die Personen wirken, die Hass äussern.

Gleichzeitig finde ich problematisch, wenn Plattformen die Verantwortung einfach an Privatpersonen weitergeben. Es kann nicht die Aufgabe einzelner Menschen sein, freiwillig die digitale Öffentlichkeit zu «putzen», während Plattformen mit Aufmerksamkeit und damit auch mit Empörung und Hass Geld verdienen.

Hinzu kommt: Ein grosser Teil der Menschen schreibt im Internet überhaupt nie Kommentare. Weshalb sollten ausgerechnet sie plötzlich in besonders aggressive Kommentarspalten hineingehen? Das kann überfordern und Menschen auch selbst zur Zielscheibe machen.

Sie haben eingangs auch auf die Wirkung auf Mitlesende hingewiesen. Was geschieht, wenn Hass unwidersprochen stehen bleibt?

Genau. Wenn Tausende Menschen einen hasserfüllten Kommentar sehen und niemand widerspricht, kann der Eindruck entstehen, diese Aussage werde akzeptiert. Sowohl bei der Person, die den Hass verbreitet, als auch bei allen anderen, die mitlesen.

Das heisst aber nicht, dass jede und jeder öffentlich dagegenhalten muss. Es gibt andere Möglichkeiten: einen Kommentar melden, einer betroffenen Person privat Unterstützung anbieten oder ihr schreiben: «Ich habe gesehen, was passiert ist. Wenn du Unterstützung brauchst, bin ich da.» Auch das gestaltet digitale Öffentlichkeit.

Wer trägt Verantwortung für die Prävention?

Eine entscheidende Verantwortung tragen die Plattformen selbst. Unsere digitale Öffentlichkeit ist heute zu grossen Teilen privatwirtschaftlich organisiert. Die Geschäftsmodelle vieler grosser Plattformen beruhen darauf, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Negative Emotionen wie Angst, Wut oder Empörung lassen sich dabei sehr effizient erzeugen.

Aber Algorithmen können auch anders gebaut werden. Technisch ist eine digitale Öffentlichkeit möglich, die stärker auf Verbindung als auf Empörung ausgerichtet ist.

Daneben sind Politik und Verwaltung gefordert. Wir sollten uns grundsätzlich fragen, welche digitale Öffentlichkeit wir als demokratische Gesellschaft wollen. Ich würde mir durchaus die Diskussion darüber wünschen, ob eine demokratisch organisierte digitale Öffentlichkeit nicht auch eine Form von Service public sein könnte.

Verantwortung tragen aber ebenso Betreiberinnen und Betreiber von Websites und Social-Media-Kanälen. Wer einen digitalen Raum zur Verfügung stellt, kann nicht sagen: Was in meiner Kommentarspalte passiert, geht mich nichts an.

KI, Deepfakes, algorithmische Empfehlungssysteme, Bots: Die technologischen Möglichkeiten entwickeln sich rasant. Kann die Regulierung überhaupt Schritt halten?

Die technische und wirtschaftliche Entwicklung ist meist schneller als die gesellschaftliche und rechtliche Reaktion darauf. Neue Technologien schaffen Möglichkeiten, bevor wir gesellschaftlich und rechtlich geklärt haben, wie wir mit ihnen umgehen wollen.

Aber dass Prozesse in Demokratien langsamer sind als die Entscheide eines CEO, ist nicht nur ein Nachteil. Demokratische Regeln brauchen Zeit, weil unterschiedliche Interessen berücksichtigt und gemeinsam Lösungen gefunden werden müssen.

Und es geschieht durchaus etwas. Ich war Ende Mai dieses Jahres an einer Veranstaltung der OSZE zum Thema Radikalisierung, Algorithmen und technologische Entwicklung beteiligt. Dort war sehr deutlich: Das Problem ist erkannt. Auch in der Schweiz gibt es auf Bundes-, Kantons-, Gemeinde- und Stadtebene Bestrebungen, Lösungen zu entwickeln. Es tut sich also durchaus etwas.

Was müsste sich Ihrer Meinung nach in der Schweiz zusätzlich verändern?

Wir müssen die Plattformen weiterhin in die Pflicht nehmen und brauchen bessere gesetzliche Rahmenbedingungen, die wir selbstbewusst einfordern und durchsetzen. Ich wünsche mir auch eine einfach zugängliche spezialisierte Anlaufstelle für alle, die Menschen bei digitaler Gewalt unterstützt. Darüber hinaus sollten wir überlegen, wie eine demokratische digitale Öffentlichkeit als Service public aussehen könnte. Es gibt bereits viele Initiativen: Manche sensibilisieren, andere fördern Solidarität oder arbeiten an technischen Lösungen. Diese Ansätze sollten wir unterstützen. Politik, Verwaltung, Unternehmen, kirchliche und karitative Organisationen können gemeinsam daran arbeiten.

Am 25. November werden Sie im Rahmen der Aktion «Orange your City» in der Stadtkirche St. Peter über digitale Gewalt sprechen. Was sollte von einem solchen Aktionstag über den Abend hinaus bleiben?

Das Bewusstsein, dass digitale Gewalt sehr viele Menschen betrifft – Menschen mitten unter uns. Und gleichzeitig die Erkenntnis: Wir sind ihr nicht einfach ausgeliefert.

Wir haben sehr mächtige Werkzeuge. Solidarität ist eines davon. Verbindung schaffen. Betroffene unterstützen. Sich gemeinsam für Werte einsetzen, die uns wichtig sind, und diese verteidigen.

Ich wünsche mir eigentlich, dass es selbstverständlich wird zu sagen: Da erlebt jemand Gewalt – also kümmere ich mich.

Was hilft Menschen, die digital angegriffen werden?

Ganz wichtig ist: nicht versuchen, alles allein zu bewältigen. Wenn jemand Gewalt erlebt, kann sehr schnell eine emotionale Spirale entstehen. Dann braucht es Menschen, denen man vertraut – im privaten Umfeld, aber je nach Situation auch Lehrpersonen, Sozialarbeitende, Jugendarbeitende, Beratungsstellen oder Behörden.

Gewalt kann bei Betroffenen auch Scham auslösen. Aber diese Scham gehört nicht der Person, die Gewalt erlebt. Das finde ich eine sehr wichtige Botschaft.

Ich habe selbst erfahren, wie wertvoll Unterstützung und Solidarität sein können. Gerade daraus ist für mich etwas Entscheidendes entstanden: Solche Angriffe sind nicht einfach ein persönliches Problem. Wenn wir es mit einem gesellschaftlichen, strukturellen Problem zu tun haben, lösen wir es am besten gemeinsam.

Abschliessend noch eine Frage: Wenn Sie Jugendlichen für ihr Leben im digitalen Raum nur einen Rat mitgeben dürften – welcher wäre es?

Als Kind hätte ich auf diese Frage wahrscheinlich gesagt: Dann wünsche ich mir zuerst drei weitere Wünsche. (lacht)

Wenn es wirklich nur einer sein darf: Stay offline!

Aber natürlich nicht im Sinn von: Benutzt das Internet nicht. Sondern: Sorgt dafür, dass ihr auch ausserhalb des Digitalen ein erfülltes Leben habt. Sport, Freundschaften, Aktivitäten – was auch immer euch guttut.

Und wenn ich meine drei Wünsche doch noch bekomme: Kuratiert euren Newsfeed bewusst. Schützt eure Privatsphäre und eure Profile. Und stärkt eure digitalen Kompetenzen und eure Resilienz.

Denn wir können unsere digitale Öffentlichkeit aktiv gestalten. Dafür müssen wir keine eigene Plattform bauen. Manchmal beginnt es mit etwas ganz Kleinem.

Zur Person – Judith Bühler

Judith Bühler ist Sozialarbeiterin, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin am Institut für Delinquenz und Kriminalprävention der ZHAW Soziale Arbeit. In ihrer Arbeit beschäftigt sie sich unter anderem mit Diskriminierung, Hassrede, digitaler Gewalt und den Möglichkeiten von Gegenrede im Netz. Aktuell untersucht sie im Rahmen ihrer Forschung, wie unterschiedliche Formen von Widerspruch auf verschiedene Beteiligte digitaler Hasskommunikation wirken. Bereits während ihres Studiums engagierte sie sich gegen Diskriminierung und gründete den Verein JASS.

Teile diesen Artikel:

Newsletter abonnieren

Bleiben Sie über News und Veranstaltungen unserer Kirchgemeinde auf dem Laufenden.