Neuer Kath. Seelsorger an der Predigerkirche

«... eine Haltung, die aus dem Gebet kommt und genauso zuhören wie mitgestalten will.»
Mit Franz-Xaver Hiestand übernimmt ein Jesuit die katholische Seelsorge an der Predigerkirche. In seinem Einstandsinterview spricht er gemeinsam mit Pfarrerin Kathrin Rehmat über die Chancen gelebter Ökumene, spirituelle Impulse, kirchliche Glaubwürdigkeit und darüber, was sie an diesem besonderen Lernort künftig gemeinsam bewegen möchten.
Die Predigerkirche ist seit vielen Jahren ein ökumenischer Lernort. Im Jahr 2019 wurde das ökumenische Projekt am Prediger sogar vertraglich festgehalten und geregelt. Was bedeutet es für dich, Kathrin, Pfarrerin an dieser Kirche zu sein?
Kathrin Rehmat: Die Predigerkirche ist in der Tat ein besonderer ökumenischer Ort mit einer besonderen ökumenischen und interreligiösen Geschichte. Und das fasziniert mich, damit ringe ich und lerne, mit anderen Perspektiven im Dialog zu stehen – was auch bedeutet, die eigene auf eine Weise einzubringen, die nicht polemisch ist. Um ein solches Miteinander haben und echten Dialog führen zu können, gilt es, im Andern das Schöne zu entdecken. Und dazu gehört gerade auch, sich des Unschönen und Abgründigen bewusst zu sein, anstatt es zu verdrängen oder auf Andere zu projizieren.
Und worin siehst du die Bedeutung und Aktualität der Ökumene insgesamt?
Ökumene verstehe ich als ein – Gott sei Dank – nicht abschliessbares, leuchtendes und intensives Ringen um existentielle Fragen der religiösen Existenz im Hier und Heute. Aktuell ist sie in diesem Sinne seit dem ersten Jahrhundert und wird es auch bleiben, solange es auf der Erde Menschen mit christlicher Prägung, mit der Frage nach Gott und dem Bedürfnis nach Frieden in der Welt gibt. Auch heute ist das strategische Miteinander von römisch-katholischen, evangelisch-reformierten und weiteren religiösen Kräften im Alltag deshalb ein zwar noch viel zu seltenes, aber doch so kostbares Geschenk an die Glaubwürdigkeit des Christentums. Gerade in der heutigen Weltlage ist Ökumene auch eine Notwendigkeit für den Frieden in einer pluralistischen Gesellschaft. Wenn Menschen mit ihren unhintergehbaren Prägungen und einer Sehnsucht nach Wahrheit in Austausch kommen, weitet sich unter ökumenischen Bedingungen der Horizont, anstatt sich unter gegenseitigen Feindseligkeiten zu verengen.
Wie wirkt sich ein solches Bewusstsein um Ökumene auf den Alltag an der Predigerkirche aus?
Es hat einerseits Konsequenzen für unser Handeln: Was wir tun, ist gemeinsam abgesprochen; wir entscheiden miteinander, nicht gegeneinander oder übereinander hinweg; wir entwerfen miteinander, was bei uns läuft und wer sich an welcher Stelle mit seinen oder ihren Begabungen und Prägungen eignet, den ökumenischen Lernort Predigerkirche erfahrbar zu machen. Und andererseits schlägt es sich auch thematisch nieder: Wer unser Konzept und die Jahresprogramme gut anschaut, sieht leicht, dass sich darin die Geschichte der Ökumene insbesondere seit der Gründung des Ökumenischen Rats der Kirchen (1948) und dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 bis 1965) bewusst und vielfältig spiegelt. Dabei erproben wir zum Beispiel neue Möglichkeiten des «aggiornamento», also der «Verheutigung» oder Anpassung an die heutigen Verhältnisse.
Worüber freust du dich im ökumenischen Miteinander der letzten Jahre an der Predigerkirche besonders?
Dass es gelungen ist, gemeinsam ein klares Konzept zu entwerfen, das sich weiterentwickeln kann. Auch über die theologischen Gespräche freue ich mich, das gemeinsame Lesen und Feiern, das Pflegen von Beziehungen. Ich freue mich, dass hier etwas für den Frieden und die Allgemeinheit getan werden kann, dass wir gemeinsam für die Schwächsten einstehen. Und ich freue mich sehr, dass mein ganzes Arbeiten, Studieren und Mitwirken in der Welt darauf ausgelegt ist, dass sich Ideale und Realität lebendig und aktiv annähern.
Wo ergänzen sich deiner Meinung nach die reformierte und die katholische Tradition besonders gut?
Zunächst einmal finde ich, dass sich beide Traditionen gegenseitig bedingen. Ergänzungen sind vielleicht am ehesten im Sakramentenverständnis auszumachen. Früher wurden Tradition und Bibel gegeneinander ausgespielt und standen in einer Art Konfessionskonkurrenz – das ist glücklicherweise vorbei. So kann man voneinander lernen. Das ist immer wünschenswert, unabhängig von Herkunft und Prägung, gelingt aber nur im Austausch über sie und mit der Bereitschaft, Verfehlungen einzugestehen, vergangene ebenso wie heutige.

Nun beginnt mit Franz-Xaver ein neues Kapitel. Welche Chancen entstehen dadurch für die Predigerkirche?
Die Freundschaft zu den Jesuiten hat ein grosses Versöhnungspotential. In der Schweiz war der Orden bis 1973 verboten. Es gibt da Möglichkeiten, Reue und Schuldfähigkeit zu reflektieren, zu differenzieren, einander zuzuhören und wahrzunehmen, was Not tut. Speziell mit Franz-Xaver Hiestand SJ freue ich mich auf die germanistischen Kompetenzen und die nachbarschaftlichen Vertiefungen mit den uns verbindenden Orten. Ausserdem freut es uns, wenn auch weitere ökumenisch relevante Orte, das Festival «Stilles Zürich» oder das Zentrum für christliche Spiritualität etwa, gestärkt werden. Persönlich hoffe ich auch auf eine meditative Vertiefung. Der Gründer des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola, hat uns Exerzitien, also Übungen hinterlassen, die helfen können, Stille und Meditation, eine Unterscheidung der Geister und somit auch einen achtsamen und liebevollen Umgang mit unserem Tun und Lassen, Denken und Fühlen einzuüben.
Gibt es ein bestimmtes Thema oder Projekt, das du besonders gerne mit Franz-Xaver weiterentwickeln oder initiieren möchtest?
Ich arbeite an einer alten Aufgabe mit. Wenn wir uns besser kennenlernen, werden wir herausfinden, wie der Schatz im irdenen Gefäss (2. Kor. 7,4) besonders funkeln und weitergegeben werden kann. Ich möchte den Bildungsanspruch in Bezug auf differenzierten Umgang mit Religion, besonders auch der «eigenen», gemeinsam mit Franz-Xaver hochhalten. Ich hoffe, dass sich viele Menschen für eine neue ökumenische Kreativität begeistern lassen.
Um zuletzt noch einmal auf die innerkirchliche Eigenperspektive zurückzukommen: Wo siehst du derzeit das grösste Entwicklungspotenzial für die Predigerkirche?
In der geduldigen Präsenz und im Ernstnehmen der Fragen, die an uns herangetragen werden. Ich würde das als Bemühung um Versöhnung und Umgang mit den zahlreichen historischen Wunden bezeichnen. Die Hoffnung, die uns trägt, möchte ich mit der Hilfe von Engagierten unterschiedlicher Konfessionen aus der Versenkung holen. Darin sehe ich ein Potential: Indem wir «leben und leben lassen» und kreativ, fröhlich und voller Zuversicht eine klärende Rolle an den Schnittstellen der möglichen Orientierungen und Frömmigkeitsstilen einnehmen. Fragen des Umgangs mit der Schöpfung, mit ihrem Seufzen und mit dem, was elend, arm und verletzt ist, können durch unsere Begegnungs- und Erinnerungsmöglichkeiten zu bewussterem Tun und Lassen führen.
Kathrin Rehmat (*1970) ist reformierte Pfarrerin und ökumenische Theologin. Zunächst arbeitete sie als Pflegefachfrau in der Psychiatrie. Sie studierte Theologie in Bern, Paris und Genf, besuchte das Ökumenische Institut Bossey und bildete sich in philosophischer Praxis in Wien weiter. 2008 wurde sie in Bern ordiniert. Danach wirkte sie zwölf Jahre als Pfarrerin in Biel/Bienne. Seit Februar 2021 ist sie Pfarrerin an der Predigerkirche Zürich.
Seit 2012 engagiert sie sich u.a. in der Gemeinschaft Christen und Muslime in der Schweiz, deren Vorstand sie angehört. Zudem vertritt sie die Evangelisch-reformierte Landeskirche im Zürcher Forum der Religionen.
Franz-Xaver Hiestand (*1962 in Wald ZH) studierte an der Universität Zürich Germanistik, Altphilologie und Neuere Geschichte, anschliessend Philosophie in München und Theologie am Centre Sèvres in Paris. 1988 trat er in den Jesuitenorden ein. Von 1998 bis 2006 leitete er das aki Bern, danach bis 2010 die katholische Hochschulseelsorge in Luzern. Seit 2010 steht er dem aki, der katholischen Hochschulgemeinde Zürich, vor.
Per 1. September 2026 übernimmt er als katholischer Theologe eine Teilzeitstelle an der ökumenisch ausgerichteten Predigerkirche Zürich. Daneben leitet er Exerzitien, darunter Exerzitien mit Filmen, und arbeitet gelegentlich als Filmkritiker.
Franz-Xaver, Du verlässt ein vertrautes Wirkungsfeld und wechselst an einen anderen besonderen kirchlichen Ort in Zürich. Was hat den Ausschlag gegeben, nach vielen Jahren am aki, der katholischen Hochschulgemeinde Zürich, noch einmal ein neues Kapitel aufzuschlagen?
Franz-Xaver Hiestand SJ: Zwischen der Predigerkirche und dem aki bestehen seit Längerem Beziehungen, die von gegenseitigem Interesse aneinander geprägt sind. Als die katholische Stelle an der Predigerkirche ausgeschrieben war, fragten mehrere Akteurinnen und Akteure das aki: «Wäre das nicht etwas für euch?» – Je mehr ich mich mit dem Profil der Stelle befasste, umso mehr schien es auf mich selbst zu passen. In Absprache mit allen relevanten Personen bewarb ich mich dann.
Die Predigerkirche gilt als ökumenisches Unikum in der Schweizer Kirchenlandschaft. Welches Potenzial siehst du in diesem Modell – für die Kirchen, aber auch für die Gesellschaft?
Der Zeitgeist betont heute Grenzen und Abgrenzungen aller Art. Ich kann das verstehen. – Gleichzeitig können wir auf diesem Planeten nur vorankommen, wenn wir im Anderen und in anderen Kollektiven und Institutionen das Verbindende und Bereichernde erkennen. Im Blick auf das Gespräch mit den anderen Religionen und das Gespräch mit Nicht-Glaubenden können sich die christlichen Konfessionen ihre Trennungen gar nicht mehr leisten. Es braucht Orte, wo das Konfessionsverbindende gelebt, eingeübt und neu bedacht werden kann. Ich sehe die Predigerkirche als solchen Ort. – Ob er dann auch auf die Grosskirchen und die Gesellschaft ausstrahlt, überlasse ich Gott, dem ganz Anderen.
Welche Impulse aus der Spiritualität des Jesuitenordens möchtest du in deine neue Aufgabe an der Predigerkirche einbringen?
Im deutschen Sprachraum haben viele Jesuiten seit Mitte des letzten Jahrhunderts ökumenische Anliegen in Theorie und Praxis vorangetrieben. Ihnen fühle ich mich verpflichtet. Richtschnur jesuitischer Spiritualität bleiben die Worte und Taten des Gekreuzigten und Auferstandenen. Diese Form eines gelebten Glaubens ist fundamental davon überzeugt, dass Jesus Christus die Welt bereits erlöst hat. Er sagt ja zur Welt in all ihren Gebrochenheiten. Er zieht sich nicht in einen inneren Bunker zurück, um solchen Eskapismus als Rettung der Welt zu feiern. Er verschliesst sich nicht in mentalem Preppertum, sondern ist weltzugewandt. Dieser Spiritualität möchte ich Raum geben.
In einem Interview hast du einmal gesagt, du möchtest Menschen bewegen «wie die philosophische Hebamme bei Platon». Was bedeutet dieses Bild für dein Verständnis von Seelsorge und geistlicher Begleitung?
Der Philosoph Platon skizziert philosophische Probleme häufig in Form von Dialogen zwischen Menschen. Diese begeben sich gleichsam auf einen Denkweg und entwickeln dabei Argumente, nehmen sie wieder zurück oder formulieren sie neu. Manchmal offenbaren sich in diesen Dialogen kaum überwindbare Hindernisse, manchmal zeigen sich überraschende Wendungen. Ich verstehe mich als dialogischen Menschen, der mit der je Anderen oder dem je Anderen durch solche Hindernisse und Überraschungen hindurch unterwegs ist. Manchmal bis sie, bis er erfahren darf, dass Gott sie, ihn durch und durch annimmt. Wie eine Hebamme fühle ich mich dabei, indem ich nachfrage, mitfühle und mich immer wieder neu herausfordern und behaften lasse.
Wo siehst du die grössten Chancen der Ökumene in den kommenden Jahren?
Ich beschränke mich auf die Region Zürich. Hier dürfte es Menschen geben, die aus welchen Gründen auch immer am Gespräch, am Gebet, am Teilen mit anderen Konfessionen interessiert sind und sich mit den Trennungen nicht abfinden wollen. Menschen, die «evangelisch bleiben und katholisch werden wollen» – und umgekehrt. Die Formulierung stammt von Felix Mühlemann, meinem sehr geschätzten früheren Kollegen in der Hochschulseelsorge Luzern. Mit solchen Menschen ist einiges möglich.

Viele Menschen begegnen Institutionen heute mit Skepsis – auch den Kirchen. Was braucht es, damit Kirche glaubwürdig bleibt?
Einen vergleichsweise einfachen Lebensstil bei den Menschen, die Verantwortung tragen. Und an der Basis das rechte Mass von Reden und Schweigen, Verlässlichkeit und eine Haltung, die aus dem Gebet kommt und genauso zuhören wie mitgestalten will.
Welche Themen oder Akzente möchtest du an der Predigerkirche besonders stärken oder neu einbringen?
Zunächst will ich sowohl die Menschen, die den Lernort Predigerkirche gegenwärtig prägen, als auch die soziale und kulturelle Umgebung der Kirche und ihre aktuelle Bedeutung für diese Umgebung besser kennenlernen. Was sich da bisher als tragfähig erwiesen hat, wird bleiben. Ob es auch gelingen wird, meine bisherigen Erfahrungen und Kontakte als Germanist, Filmkritiker und Mitarbeiter in zivilgesellschaftlichen Institutionen einzubringen? – Das wäre schön. Doch ich mache mein Engagement nicht davon abhängig, ob es möglich ist.
Wenn du an die kommenden Jahre denkst: Was möchtest du gemeinsam mit den Menschen vor Ort bewegen?
An einem Ort weiterbauen, an dem das Leben mitten im Tod und die Freude trotz des Schmerzes das letzte Wort haben. Im Blick auf eine «Ökumene der Bewahrung des bisher Errungenen», wie das Thomas Wipf, der frühere Ratspräsident des SEK einmal gesagt hat, und auf eine Ökumene des Wagnisses.