Niklauskirche


Die Kirche im Dorf
Auch in Seebach stand die Kirche einst im Dorf. Als die Niklauskirche 1664 erbaut wurde, zählte Seebach knapp 400 Einwohnerinnen und Einwohner, um 1850 waren es 800. Später stieg die Einwohnerzahl kräftig an. 1934 wurde das Dorf in die Stadt Zürich eingemeindet und entwickelte sich zum bevölkerungsreichen Zürcher Vorort, der 1948 mit der Markuskirche eine der Grösse des Ortes angepasste neue Kirche erhielt.
Seither ist die Niklauskirche bloss noch das «alte Kirchlein», wie es in der Seebacher Ortsgeschichte heisst. Sie feierte 2014 ihr 350-Jahr-Jubiläum. Das gibt die Gelegenheit für einen Rückblick in die Zeit, als Seebach noch ein Dorf und die «alte» Kirche die einzige war.

Die alte Kirche
Die Einweihung der Niklauskirche in Seebach fand am 17. Juli 1664 statt. Da «vill Volck» aus der Stadt und den Nachbargemeinden erwartet wurde, ordnete die Zürcher Kirchenobrigkeit ein frühzeitiges Einläuten an. Das erste «Zeichen» habe morgens um acht Uhr zu erfolgen, das zweite um halb neun. Dann sei das «heilige Geschäft» zu beginnen mit Beten, dem Lesen von Gottes Wort und «christlichem Gesang». Das dritte Läuten um neun Uhr markiere den Beginn der ersten Hauptpredigt, und «da wurd man singen vor der Predig und nach der Predig». Eine zweite Predigt folgte um zwölf Uhr, eine dritte «um halbe drü». Auch für diese Predigten
gab es einen genauen Ablaufplan. Nach Beendigung der offiziellen Kirchweihe wünschte die Obrigkeit einen Ausklang des Tages im «stillen Wesen» und die Vermeidung des «faulen Kilbiwesens». Dabei hätte für eine Nachfeier durchaus Grund bestanden. Immerhin wurde an diesem 17. Juli 1664 die erste Kirche im Dorf eingeweiht. Wie aber kam es zu diesem Kirchenbau? Und wo gingen die Seebacherinnen und Seebacher zuvor zur Kirche? 1961 entdeckten Archäologen in der Niklauskirche die Fundamente eines Vorgängerbaus. Es handelte sich dabei um eine Kapelle, deren Kernbau gemäss den archäologischen Befunden im 12. Jahrhundert erbaut worden war. In Schriftquellen ist die dem heiligen Niklaus geweihte Kapelle erstmals in einem lateinischen Kirchenverzeichnis von 1356 erwähnt. Sie diente zu diesem Zeitpunkt als Filiale der Kirche Rümlang («Rümlang cum filia Sebach»). Entsprechend war auch der eine Teil von Seebach, nämlich das Oberdorf, nach Rümlang kirchgenössig, während der andere Teil, das Ausserdorf, zur Kirchgemeinde Kloten gehörte. Die Grenze der kirchlichen Zugehörigkeit bildete der Katzenbach.
Der Pfarrer von Rümlang hielt unter der Woche sogenannt kleine Gottesdienste in der Seebacher Kapelle ab und entlastete damit die Oberdörfler zumindest zeitweise vom weiten Kirchweg nach Rümlang. Dies allerdings nur im Mittelalter. Während der Reformation verlor die Kapelle ihre einstige Funktion und wurde zu einer Wohnung umgenutzt. Das geht aus einer Urkunde von 1534 hervor, in welcher der Zürcher Rat einem gewissen Rudolf Brogli erlaubt, in der Kapelle zu wohnen: Er solle von der Gemeinde Seebach erwirken, dass sie ihn «inn das Kilchli daselbs hußen lassint». Der seltsame Beschluss kam aufgrund einer
Klage von Seebacher Bauern zustande. Diese bewirtschafteten Güter der Fraumünsterabtei, der im Mittelalter grössten Grundherrin in Seebach. Seit der Säkularisierung der Abtei im Jahr 1524 wurden die Fraumünstergüter von einem städtischen Ammann verwaltet. Bei diesem Ammann, so klagten nun die Bauern, habe Rudolf Brogli "hinterrugks" das Recht erschlichen, auf ihren Höfen Wohnsitz zu nehmen, was für sie nachteilig sei. Der Zürcher Rat hatte Verständnis für die Klage, wollte aber den Entscheid des Ammann nicht völlig umstossen. So kam es zum Kompromiss, Brogli die Kapelle als Wohnsitz zuzuweisen. Dass die Kapelle keine kirchlichen Zwecke mehr erfüllte, geht wohl ebenfalls auf einen Ratsbeschluss zurück. Die Mutterkirche in Rümlang unterstand ursprünglich der Fraumünsterabtei. Mit der Säkularisierung der Abtei kam die Kirche Rümlang an den Zürcher Rat, der es offenbar nicht mehr für nötig befand, in Seebach eine Filialkapelle zu unterhalten. Mit der Aufgabe der Kapelle mussten nun also auch die Oberdörfler für jeden Gottesdienst in das Nachbardorf Rümlang marschieren, so wie die Aussendörfler weiterhin nach Kloten. Der beiderseits weite Kirchweg gab im folgenden Jahrhundert den Ausschlag, dass sich die Gemeinde Seebach um eine eigene Kirche bemühte.

Zeitgenössische Berichte schildern die Hintergründe des Kirchenbaus. Demnach hatte 1663 die «ehrsam Gmeind Seebach» die Zürcher Kirchenoberen «trungenlich» (dringlich) darum ersucht, «die Capellen St. Niclaus zu erneüeren». Als Begründung gab die Gemeinde das sich «mithin erzeigende grosse Wasser» an, das ihnen vorab im Winter, aber auch im Herbst und Frühling verunmögliche, den Gottesdienst in Kloten oder Rümlang zu besuchen. Gemeint war offenbar der zeitweilig hohe Pegelstand der Glatt und des Katzenbaches, die es beim Kirchgang zu überqueren galt. Nach einem Augenschein in Seebach erteilte die Obrigkeit die Bewilligung zum Kirchenbau, zumal die Gemeinde Seebach versicherte, das Gebäude «so vil müglich zu beförderen auß eignem Kosten und Arbeit». Speziell erwähnt wird das Versprechen des Seebacher Hauptmanns und Untervogts Heinrich Rümmeli, «sein sonderbares zu thun». Aufgrund dieser Bemerkung gilt Rümmeli als Initiant der Niklauskirche. Als er 1668 verstarb, wurde er im Chor der Kirche beigesetzt. Die Grabplatte des einzigen Grabes in der St. Niklauskirche ist bis heute erhalten geblieben. Die Grabinschrift indes ist verwittert und nicht mehr lesbar.

Die neu erbaute und am 17. Juli 1664 eingeweihte Kirche war wie die einstige Kapelle dem heiligen Niklaus geweiht und hatte den Status einer Zürcher Filialkirche. Genau genommen war sie eine Filiale des Grossmünsters, was aber im reformierten Zürcher Kirchenstaat auf das Gleiche hinauslief. Der Zürcher Rat unterstützte den Kirchenbau mit 150 Gulden. Davon waren 50 Gulden für die Erstellung eines Fensters mit "Waapen" zu verwenden. Mit diesem Wappen war das Zürcher Wappen gemeint, das die neue Kirche als Zürcher Filialkirche kennzeichnete. Neben dem angeordneten Fenster mit Wappen blieb vom Staatsbeitrag für den Kirchenbau nur noch der doppelte Gegenwert eines solchen Fensters übrig. Daraus ist zu erkennen, dass die Seebacher ihre Kirche vorwiegend selber finanzierten. Auch die Vermögenswerte der alten Kapelle wurden zu einem guten Teil liquidiert. In einem Einkünfteverzeichnis der Kapelle von 1639 sind verschiedene Titel durchgestrichen mit dem Vermerk, dass diese Einkünfte «anno 1664 by Erbauwung der Kilchen Seebach» verkauft worden waren. Für allfällige Geschenke an die Nachwelt blieb in dieser Situation nichts mehr übrig.
Schulmeister Hans Jakob Wettstein berichtet 1827, wie bei der damaligen Kirchturmrenovaation erwartungsvoll der Kirchturmknopf (Turmkugel) geöffnet wurde, «glaubend, unsere Voreltern hätten uns unfehlbar einen Schatz, in Goldmünzen oder Kapitalbriefen bestehend, darin aufbewahrt». Aber «o weh!», der Knopf war leer, «und jedermann, der zu schauen gekommen war, kratzte sich wie wohl vergebens hinter den Ohren».
Zum Kirchenbau von 1664 bleibt nachzutragen, dass zunächst die «in der Capelen sitzende Haußhaltung» umquartiert werden musste. Die Kapelle war also bis zuletzt bewohnt. Als Kantonsarchäologen 1961 die Fundamentmauern der ehemaligen Kapelle freilegten, stellten sie fest, dass die Kapellenbreite jener der heutigen Kirche entsprach und die Kapelle «für eine Filialkapelle ansehnliche Ausmasse» besass. Inzwischen wird die ehemalige Kapelle nicht mehr als gross, sondern die heutige Kirche als klein angesehen: Im aktuellen Zürcher Kircheninventar von 2006 wird die Seebacher Niklauskirche als «schlichte, kapellenartige Dorfkirche»
beschrieben.

Niklauskirche_ZeichnungDorf Seebach mit Niklauskirche. Federzeichnung von Jakob Kuhn um 1780. Quelle: ZB Zürich, Grafische Sammlung

Zeitgenössischer Grundrissplan der Niklauskirche, 1680. Quelle: Baugeschichtliches Archiv der Stadt ZürichNiklauskirche mit dem alten Friedhof, Foto 1898. Quelle: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Texte und Bilder über die Niklauskirche aus der Publikation:
"Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde Zürich-Seebach", Beat Frei, 2013

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