«GEWALT HAT VIELE FACETTEN»


Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Veranstaltung in der Wasserkirche am 25. November 2023

Interview mit Barbara Bühlmann (Leiterin Zonta Club Zürich)
Maria Mondaca (Geschäftsführerin des Mädchenhauses Zürich)
Cornelia Camichel Bromeis (Pfarrerin am St. Peter)

Jeden Tag sind Frauen weltweit den unterschiedlichsten Formen von Gewalt ausgesetzt, auch in der Schweiz. Das Spektrum reicht von Frauenhandel, Zwangsprostitution, Zwangsheirat und Genitalverstümmelung über Vergewaltigung und andere Formen sexualisierter Gewalt bis zu häuslicher Gewalt in Paarbeziehungen, Trennungssituationen und psychischer Gewalt in allen Ausprägungen. Seit 1981 wird alljährlich am 25. November der internationale Tag gegen Gewalt an Frauen begangen.

In der Wasserkirche der Zürcher Altstadtkirchen wird mit einem speziellen Programm auf den Gedenk- und Aktionstag zur Bekämpfung von Diskriminierung und Gewalt jeder Form gegenüber Frauen und aufmerksam gemacht. Barbara Bühlmann, Leiterin des Zonta Clubs Zürich (Organisatorin der Veranstaltung), Maria Mondaca, Geschäftsführerin des Mädchenhauses Zürich und Cornelia Camichel Bromeis, Pfarrerin an der Kirche St. Peter beantworten im Gespräch konkrete Fragen: Zur Veranstaltung, zum Aktionstag und zu einem schwerwiegenden Thema, das in unserer Gesellschaft noch allzu oft nur am Rande erscheint.
 

Barbara Bühlmann, welchem historischen Ursprung liegt der Gedenktag gegen Gewalt an Frauen am 25. November zugrunde?

Barbara Bühlmann (BB): Seit 1981 organisieren Menschenrechtsorganisationen wie z. B. Terre des Femmes jedes Jahr zum 25. November Veranstaltungen, bei denen die Einhaltung der Menschenrechte gegenüber Frauen und Mädchen thematisiert wird. Hintergrund für die Initiierung des Aktionstages war der Fall Mirabal. Die Schwestern Mirabal, Mitglieder der Movimiento Revolucionario 14 de Junio, wurden 1960 nach mehreren vorangegangenen Verhaftungen in der Dominikanischen Republik von Militärangehörigen des Diktators Rafael Trujillo verschleppt und dann ermordet. 1981 wurde bei einem Treffen lateinamerikanischer und karibischer Feministinnen der 25. November zum Gedenktag der Opfer von Gewalt an Frauen ausgerufen und 1999 offiziell durch die Vereinten Nationen (Resolution 54/134) aufgegriffen.

In diesem Jahr findet in der Wasserkirche eine Veranstaltung zu diesem denkwürdigen Gedenktag statt, organisiert durch den Zonta Club Zürich und in Zusammenarbeit mit den Zürcher Altstadtkirchen. Vor welchem Hintergrund engagiert sich der Zonta Clubs auf diese Weise?

BB: Mit «Zonta Says NO» setzt sich Zonta International seit 2012 dafür ein, ein Zeichen zu setzen, um am 25. November auf die Gewalt gegen Frauen aufmerksam zu machen. Unter dem Motto «Orange The World» setzen die Zonta Clubs weltweit Leuchtzeichen. Dabei steht die Sensibilisierung auf das Thema «STOPP – Keine Gewalt an Frauen» im Vordergrund. Kurz innehalten und verstehen: häusliche Gewalt ist auch in der Schweiz, in unserer Nachbarschaft ein wichtiges Thema.

Welches Programm erwartet die Besucherinnen und Besucher am 25. November in der Wasserkirche?

BB: Ab dem Vormittag werden wir gemeinsam mit Vertreterinnen des Mädchenhauses Zürich sowie den drei Frauenberatungsstellen in Zürich und Winterthur (Beratungsstelle für Frauen (BIF), das Frauen-Nottelefon und die Frauenberatung) vor Ort sein.

Wir runden unsere Kampagne ab mit einer Veranstaltung, die um 15.30 Uhr beginnt. Nach einer Einleitung von Cornelia Camichel Bromeis, Pfarrerin an der Kirche St. Peter, hören wir einen Vortrag der Geschäftsführerin des Mädchenhauses Zürich «Dumm, ungewollt, wertlos» - Passiert das nur in meinem Kopf?
Anschliessend singt der engagierte Frauenchor «die vogelfreien», der mit seinen Liedern den Fokus auf Kompositionen von Frauen richtet. Es sind alle eingeladen. Der Eintritt ist frei.

Welche Aspekte sind im Hinblick auf den diesjährigen Aktionstag von tragender Bedeutung?

BB: Der Zonta Club Zürich als Organisatorin der Veranstaltung macht vor allem auf die Femizide aufmerksam. Die Fakten und Zahlen der letzten Jahre zum Thema Femizid in der Schweiz sind erschreckend: 16 Femizide im Jahr 2022, bereits 13 bis Anfang Oktober in diesem Jahr. Jedem Femizid von 2022 und 2023 gedenken wir mit einem Trauerblatt, einer Grabkerze und ein paar orange eingefärbten Schuhen. Das Mädchenhaus und die Frauenberatungen geben Informationen zu dem diesjährigen Schwerpunktthema «Psychische Gewalt».

Sprechen wir noch kurz über den Zonta Club. Wer ist Zonta, in welcher Weise engagiert sich die Vereinigung und welchen Auftrag verfolgt sie?

BB: Zonta International (ZI) ist ein weltweiter Zusammenschluss berufstätiger Frauen in verantwortungsvollen Positionen. Ihr gemeinsames Ziel: die Lebenssituation von Frauen im rechtlichen, politischen, wirtschaftlichen und beruflichen Bereich zu verbessern. In der Schweiz gibt es 23 Zonta-Clubs. Jede, die sich für die Belange benachteiligter Frauen und deren Verbesserung einsetzen möchte, ist bei uns willkommen. Alle Informationen finden sich auf der Webseite www.zonta.ch.

Zonta International ist überparteilich, überkonfessionell und weltanschaulich neutral.
Pflege von Freundschaft und gegenseitige Hilfe ist ein wesentliches Element unseres Zusammenseins. Dafür steht das Motto «Zonta ist Begegnung – weltweit».

Gegründet wurde die «Confederation of Zonta Clubs» am 8. November 1919 in Buffalo/New York. Der Name «Zonta» stammt aus dem Lakota, einer Sprache der Sioux-Familie und bedeutet «ehrenhaft», «integer» und «vertrauenswürdig».

Zonta ist ja, wie von Ihnen erwähnt, eine internationale Vereinigung, die sich nachhaltig und seit Jahrzehnten für die Rechte der Frauen engagiert (UN, Europarat und Mitarbeit bei internationalen Organisationen). Was konnte diesbezüglich bis heute bewirkt und erreicht werden?

BB: In Kooperation mit internationalen Hilfsorganisationen wie UN women, UNICEF oder UNFPA und anderen internationalen NGOs (z.B. CARE) stellt Zonta International jedes Jahr über zwei Millionen US-Dollar für Projekte zur Verfügung. Die Projekte zielen darauf, die Autonomie und Selbstversorgung der Frauen sicherzustellen. Dazu gehören zum Beispiel Massnahmen, die Zugang zu Bildung und Trainingsprogrammen ermöglichen, um höhere Einkommen und damit eine grössere wirtschaftliche Unabhängigkeit zu erreichen.

Andere Projekte haben eine verbesserte und bezahlbare gesundheitliche Versorgung in unterentwickelten Gebieten zum Ziel oder unterstützen Frauen beim Wiederaufbau nach Kriegs- und Krisensituationen. Selbstverständlich gehören auch gezielte Massnahmen gegen institutionalisierte Gewalt an Frauen zu unseren Projekten.  

Welche Projekte fördert der Zonta Club Zürich lokal?

BB: Wir haben zwei Schwerpunkte:  Mit unserem jährlichen Benefizanlass unterstützen wir die Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft. Seit nunmehr acht Jahren legen wir einen Adventskalender auf. Der gesamte Erlös geht an das Mädchenhaus, jährlich zwischen 17'000 und 20'000 Franken (siehe dazu auch den Kastentext).

 

Eine Frau streckt die Hände schützend vor ihr Gesicht

Gewalt gegen Frauen und was die Schweiz dagegen tut

Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt sind in der Schweiz weitverbreitet und verursachen grosses Leid. Im Durchschnitt stirbt alle zweieinhalb Wochen eine Frau an den Folgen eines solchen Übergriffs. Schätzungsweise 27’000 Kinder sind jedes Jahr von häuslicher Gewalt mitbetroffen. Seit Jahren gibt es einen Trend zur leichten Zunahme. Seit 2020 werden jährlich ca. 20'000 polizeilich registrierte Gewalt-Straftaten im Bereich der häuslichen Gewalt begangen, davon in 2022 384 sexuelle Handlungen mit Kindern und 307 Vergewaltigungen.

Mit der Ratifizierung des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention) hat sich die Schweiz per 1. April 2018 verpflichtet, die Prävention, den Opferschutz und die Strafverfolgung dieser Gewaltformen konsequent voranzutreiben.
 

 

Adventskalender des Zonta Club Zürich

Seit acht Jahren legt der Zonta Club Zürich einen Adventskalender auf. Der gesamte Erlös geht an das Mädchenhaus in Zürich. Das Besondere an diesem Adventskalender ist, dass er eine Gewinnnummer trägt. Unter den Türchen verstecken sich über 200 Gewinne, gespendet von 60 Geschäften.

Den Kalender kann man direkt bei Zonta unter kalender.zuerich@zonta.ch bestellen. Mit 10 Franken plus Porto kann man sich und anderen eine Freude bereiten und mit etwas Glück sogar etwas gewinnen. In jedem Fall aber wird damit das Mädchenhaus in Zürich unterstützt.

 

 

Maria Mondaca, Barbara Bühlmann hat es bereits erwähnt: Sie werden als Geschäftsführerin des Mädchenhauses Zürich am 25. November einen Vortrag zum diesjährigen Schwerpunktthema «Psychische Gewalt» halten. Was bedeutet diese unsichtbare Form der Gewalt für Betroffene und ab wann spricht man von psychischer Gewalt?

Maria Mondaca (MM): Psychische Gewalt ist die häufigste Form der Gewalt laut Statistik. Psychische Gewalt ist oft sehr subtil, eben unsichtbar und nicht sofort als Form von Gewalt erkennbar. Ein weiteres Merkmal wie auch bei anderen Formen von Gewalt ist der Glaube, dass das Opfer selbst schuld sei. Psychische Gewalt wird oft durch Drohungen, Beschimpfungen, Entwertungen, Kontrolle, Eifersucht und Stalking ausgeübt. Das Opfer zweifelt an sich, der Selbstwert sinkt massiv und im Laufe der Zeit kommen Einsamkeit, Depressionen und Verzweiflung dazu.

Beim Mädchenhaus Zürich handelt es sich um die einzige Zufluchtsstelle seiner Art in der Schweiz. Entspricht das Mädchenhaus einem Bedürfnis, das aus Ihrer Sicht ausgebaut werden sollte?

MM: Das Mädchenhaus wurde im Jahr 1994 gegründet und ist bis jetzt tatsächlich das Einzige in der Schweiz. Der Bedarf an einem Schutzraum für Mädchen und junge Frauen ist mittlerweile auf Bundesebene anerkannt und wurde durch eine Studie – aufgrund des Postulats von Flavia Wasserfallen aus dem Jahr 2019 – festgehalten.

Die Gewalt an Mädchen und jungen Frauen seitens Eltern, Pflegeeltern oder Partner:innen hat in den letzten 10 Jahren massiv zugenommen; gemäss Bundesamt für Statistik von 2012 bis 2020 um rund 64%.

Wie hoch ist dabei der Anteil jener jungen Frauen, die aufgrund psychischer Gewalt im Mädchenhaus aufgenommen wurden?

MM: Das Mädchenhaus hatte im vergangenen Jahr 52 Mädchen und junge Frauen aufgenommen und betreut. Psychische Gewalt war dabei der häufigste Grund, weshalb sie ihr Zuhause verliessen. Die meisten Mädchen kamen aus dem Kanton Zürich und waren zwischen 14 und 15 Jahre alt.

Wie ist das Mädchenhaus personell aufgestellt?

MM: Das Team des Mädchenhauses besteht aus sechs motivierten Powerfrauen, Teilzeitmitarbeiterinnen und ein Teil Springerinnen. Sie betreuen die Mädchen und jungen Frauen 24/7 mit viel Flexibilität und Empathie. Alle Teammitglieder haben eine Ausbildung in Sozialer Arbeit.

Neben der täglichen Betreuung leistet das Mädchenhaus auch viel Beratungsarbeit und bietet Workshops für Fachpersonen, zum Beispiel in Schulen oder Jugendtreffs an.

Cornelia Camichel, Sie sind Pfarrerin an der Kirche St. Peter und werden das Programm am 25. November mit einer Begrüssung eröffnen. Welche Botschaft werden Sie in diesem Rahmen vermitteln?

Pfrn. Cornelia Camichel (CC): Ich bringe die Frage nach der Gewalt aus der kirchlichen und christlichen Perspektive ein. Die christliche Botschaft gilt allen Menschen. Und sie lautet, schwächere Glieder einer Gesellschaft zu stärken. Das ist die Erwartung an die Kirchen. Umso schockierender ist es, wenn systematisch Gewalt in den Kirchen geschieht – und gedeckt wird. Gerade in heutiger Zeit, in der Missbrauchsgeschichten besonders auch in der röm.-kath. Kirche aufgedeckt werden, gilt es zu fragen, was kirchliche Machtstrukturen dazu beigetragen haben, dass solche Gewalt überhaupt möglich geworden ist.

Weshalb ist dieser Aktions- und Gedenktag am 25. November aus Ihrer Sicht gesellschaftlich wichtig?

Pfrn. CC: Den Ursprung der Gewalt zu erkennen ist wichtig, damit etwas dagegen unternommen werden kann. Gewalt hat viele Facetten, da gilt es Anzeichen früh zu erkennen. Alle leiden wir unter Gewalt. Opfer können sich oft nicht (mehr) wehren. Umso wichtiger ist es, sich zu solidarisieren. Die Gewalt an Frauen und Kindern hat eine eigene Struktur.

Welche Möglichkeiten hat die Kirche, um sich für Frauen und Mädchen, die Gewalt erfahren haben, einzusetzen? Und: nimmt sie dieses Engagement in ausreichendem Masse wahr?

Pfrn. CC: Wir müssen uns fragen: Begünstigt eine gewisse Theologie Missbrauch? Und welche Theologie macht Menschen stark, sich dagegen zu wehren? Wir müssen unsere Haltung zur Macht reflektieren. Das geschieht, indem wir uns weiterbilden in Bezug auf Grenzverletzungen. Wie wirken wir präventiv als Mitarbeitende? Wir signalisieren mit der Zusammenarbeit an Aktionen wie am internationalen Tag der Gewalt gegen Frauen und Kinder, dass wir an den Veränderungen aktiv mitwirken. Und wollen so das Vertrauen aufbauen, dass Betroffene sich an uns wenden können, gehört und ernst genommen werden.

Interview: Patricia Andrighetto



 

 

 

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