EIN NACHFAHRE BULLINGERS IN ZÜRICH



Philipp Bollinger

Von Angesicht zu Angesicht, Philipp Bollinger neben Heinrich Bulligers Bild © Martin Rüsch

Phillip Bollinger, Sie sind kürzlich in die Schweiz gereist, um den Ort zu besuchen, an dem Ihre Vorfahren gelebt und gearbeitet haben: Zürich. Was hat Sie am meisten beeindruckt?

Zum ersten Mal in meinem Leben führte mich eine Reise in der Schweiz. Ich war begeistert von der Architektur, der reichen Geschichte und der Kultur, die ich in Zürich vorfand.
Beeindruckt haben mich die alten Gebäude, die teilweise doppelt so alt sind wie mein eigenes Land.

Mit welcher Absicht sind Sie in die Schweiz gereist?
Mein einziges Ziel war es, das Grossmünster zu besuchen und so viel wie möglich über Heinrich Bullinger zu erfahren. Dabei wurden meine Erwartungen weit übertroffen.

Dass Sie sich in dieser Weise für Heinrich Bullinger interessieren, hat ja einen Grund: Sie sind einer der Nachfahren des Schweizer Reformators. In welchem Verwandtschaftsgrad stehen Heinrich und Anna Bullinger zu Ihnen?
 Es sind 14 Generationen von Heinrich und Anna Bullinger bis zu mir.
 Sie sind meine Ur(x12)grosseltern.

Wann und aus welchem Grund haben Sie begonnen, Ihren Stammbaum zurückzuverfolgen?
Im Jahr 2018 besuchte ich Deutschland und traf einen Freund, der mich nach der Herkunft meines Nachnamens frage. Er meinte, „Bollinger“ klinge deutsch. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nicht viel über meinen Namen nachgedacht; mir war allerdings klar, dass er nicht unbedingt amerikanisch klingt.
Nun begann ich aber, Nachforschungen über die Herkunft meines Namens anzustellen. Mein Vater nahm dies zum Anlass, mir ein Paket mit Informationen vorzulegen, die sein Cousin über die Jahre gesammelt hatte. Es enthielt Angaben über Heinrich Bullinger.

Sie haben dann festgestellt, dass Sie in direkter Linie verwandt sind mit Heinrich und Anna Bullinger. Welche Bedeutung hat das für Sie?
Die Entdeckung meiner Verbindung zu Heinrich Bullinger war einer der Höhepunkte in meinem Leben. Es ist eine grosse Ehre, aus einer so einflussreichen Familienlinie zu stammen. Von diesem Vermächtnis zu erfahren, hat mir ein neues Gefühl von Identität und Bestimmung gegeben.
Übrigens: Mein 5. Urgrossvater, Heinrich Matthias Bullinger, änderte 1738 seinen Namen in Henry Bollinger, als er von der Schweiz nach Amerika übersiedelte.



Portrait_Anna_Bullinger-Adlischwyler

Portrait Anna Bullinger-Adlischwyler © Jeannette Röthlisberger
Ein Vermächtnis für Sie persönlich, aber auch für die Reformierte Kirche. Wie kann dieses Vermächtnis Bullingers Ihrer Meinung nach in der heutigen Welt fortbestehen?
Wir sind eingeladen, uns ein Beispiel an Heinrich Bullinger zu nehmen, indem wir gewissenhaft nach der Wahrheit suchen und dabei wagen, auch einmal die Überzeugungen und Annahmen unseres Umfelds, ja sogar der eigenen Familie in Frage zu stellen. Kein von Menschen geschaffenes System, auch nicht ein religiöses, ist unfehlbar. Man sollte sich immer vom Geist Gottes und dem Wort Gottes leiten lassen und mutig genug sein, für diesen Glauben einzutreten; selbst dann, wenn man auf Widerstand trifft.

Welches ist Ihr persönlicher Bezug zur Geschichte der Reformation?
Bevor ich von meiner familiären Verbindung zu Bullinger erfuhr, bestand mein einziger persönlicher Bezug zu Reformations-Geschichte darin, Teil der evangelischen Kirche zu sein; im Bewusstsein darum, dass die Reformation Voraussetzung dafür ist.

Wie hat Ihre Familiengeschichte und Ihre Verbindung zu Heinrich Bullinger Ihren eigenen spirituellen Weg beeinflusst?
Dieses familiäre Erbe und das Wissen darum, Teil einer Familie zu sein, deren Vorfahren bereits tiefgläubige Menschen waren, ist für mich mehr als alles andere eine Bestätigung und Ermutigung. Und es vermittelt mir ein überwältigendes Gefühl von persönlicher Identität.


Wird die bedeutende Familiengeschichte an die Kinder in Ihrer Familie weitergegeben?

Leider habe ich selbst noch keine Kinder und bin der einzige männliche Erbe in meiner Familienlinie. Sollte ich doch noch Vater werden, wird es eine grosse Ehre für mich sein, meine Kinder über ihr Erbe zu unterrichten und mit ihnen in die Schweiz und zu ihren Wurzeln zu reisen.

Sie haben erwähnt, dass Ihre Erwartungen in Zürich übertroffen wurden. Welche besondere Erinnerung haben Sie mit nach Hause genommen?
Im Rahmen meiner Reise habe ich eine besondere geistliche Führung erlebt. An meinem letzten Tag in Zürich besuchte ich das Grossmünster ein letztes Mal, sass etwa eine Stunde lang in der Kirchenbank und liess alles auf mich wirken. Als ich aufbrach, ging ich um das Gebäude herum. Da kam ein Mann auf mich zu. Ich erkannte, dass es Martin Rüsch war, einer der beiden heutigen Grossmünster-Pfarrer. Ich stellte mich ihm vor und erzählte ihm meine Geschichte. Martin Rüsch war sehr erfreut und berichtete mir, dass er in demselben Haus wohnt, in dem Heinrich Bullinger vor 500 Jahren gelebt hat. Er bot mir freundlicherweise an, mir das Haus zu zeigen und machte sogar ein Foto von mir neben einem Bild von Heinrich Bullinger! Das war wirklich ein erstaunlicher Moment, den ich sicher verpasst hätte, wenn ich auch nur eine Minute früher oder später gegangen wäre. Diese göttliche Führung hat mich überwältigt.

Interview: Patricia Andrighetto

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