VERSCHNAUFPAUSE VOM KRIEG


Pfarrerin Stefanie Porš und ihre Familie haben für acht Wochen eine ukrainische Mutter mit ihren beiden Söhnen aufgenommen. Eine intensive Zeit, sagt sie rückblickend, in der sie viel über die innere Zerrissenheit von Geflüchteten gelernt hat.

Ukrainische_Familie_©Stefanie_Pors

«Gehen oder bleiben?», diese Frage bekommt im Krieg eine ganz neue Dimension. Die 42-jährige Marina hat sich Mitte April entschieden, die Stadt Dnipro in der zentralöstlichen Ukraine zu verlassen und ihre Söhne und sich selbst in der Schweiz in Sicherheit zu bringen. Dass die Wahl auf die Schweiz fiel, war kein Zufall: Ihre Eltern sowie ihr Bruder waren bereits kurz nach Kriegsbeginn in die Schweiz geflüchtet und wohnen seither im Kirchenkreis sieben acht. So kam auch der Kontakt mit Pfarrerin Stefanie Porš und ihrer Familie zustande. Gemeinsam mit ihrem Mann, dem fünfjährigen Sohn und der eineinhalbjährigen Tochter hatte die Pfarrerin bereits zuvor entschieden, Geflüchtete als Gäste aufzunehmen. «Wir wohnen in der Nähe von Kindergarten und Schule – eine Familie schien uns deshalb ideal.» Marina und die beiden Söhne kamen am Freitag nach Ostern gegen Mitternacht mit dem Zug in Zürich an. Für Stefanie Porš war es selbstverständlich, ihre Gäste am Bahnhof willkommen zu heissen. Auf Englisch hätte man sich am nächsten Tag auf die wichtigsten Regeln des Zusammenlebens geeinigt.

«Es waren so liebe Leute», so Stefanie Porš, «wir haben uns da wirklich gefunden.» Auch die Kinder der beiden Familien verstanden sich gut. Der ältere Sohn ging schon bald in eine ukrainische Aufnahmeklasse und freundete sich dort mit einem Jungen aus seiner alten Heimat an. Auch der jüngere Sohn fühlte sich im Kindergarten wohl.

Fluchtferien in der Schweiz

Das Verhalten von Mutter Marina kam Stefanie Porš jedoch zunehmend merkwürdig vor: Sie war selten zu Hause und liess ihre Söhne von den Grosseltern betreuen, einmal fuhr sie gar für ein Wochenende nach Italien. Weil sie wie alle Ukrainer:innen zu dieser Zeit gratis telefonieren und sich aus dem Kühlschrank bedienen konnte, reichte das Geld der Nothilfe gut für Kleider und Ausflüge. «Irgendwann musste ich dann sagen: Wir sind doch kein Motel», erzählt Stefanie Porš. Bei einem klärenden Gespräch stellte sich heraus, dass sich Marina ihrer Psyche zuliebe verhielt, als wäre dies ein Ferienaufenthalt – und sie nicht auf der Flucht waren. «Ihr Mann drängte darauf, dass sie mit den Söhnen in die Ukraine zurückkehrte – und drohte mit der Trennung.» Wie viele andere Männer darf auch Marinas Mann das Land nicht verlassen. «Zusätzlichen Druck ging vom Arbeitgeber aus, der ihr mit der Kündigung drohte», so die Pfarrerin weiter.

Familiäres Aufgehobensein versus Sicherheit

Ausserdem stellte sich heraus, dass Marina eigentlich gar nie vorgehabt hatte, längerfristig Zuflucht in der Schweiz zu suchen – was jedoch nie so kommuniziert worden war. Nach acht Wochen kehrte Marina mit ihren Söhnen ins kriegsversehrte Dnipro zurück. «Eltern und Bruder warnten sie zwar vor den Gefahren im Kriegsgebiet. Dies führte sogar noch zu einem Familienkrach», so Stefanie Porš. Die Pfarrerin betont, dass es im Zusammenleben mit Marina und ihren Söhnen keine Schwierigkeiten gegeben habe. Die beiden Familien unternahmen gemeinsame Ausflüge oder beteiligten sich an kirchlichen Aktivitäten. «Im Alltag fanden wir einen Weg. Doch es hat mich sehr beschäftigt, mitzuerleben, wie eine Familie auseinandergerissen wird. Dass man sich – selbst zwar in Sicherheit – ständig Sorgen macht um die Zurückgelassenen.»

Am Tag der Abreise verabschiedeten sich die beiden Familien unter Tränen. Familie Porš versprach Marina und den Kindern, sie nach dem Krieg in Dnipro zu besuchen. «Das ist doch ein hoffnungsvolles Bild: Dass der Krieg irgendwann vorbei sein wird», so Stefanie Porš. Eine geflüchtete Person oder mehrere würde sie jederzeit wieder aufnehmen. Das sei auch lehrreich für die Kinder, die in der Schweiz ja so behütet aufwachsen würden. Auch für die Integration sei es doch besser, wenn Geflüchtete bei Privatpersonen untergebracht werden statt in einem Durchgangszentrum. «Heute würden wir jedoch sicher genauer abklären, ob diese Person wirklich vorhat, längerfristig in der Schweiz zu bleiben.»


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