PESSACH SCHENI: DIE ZWEITE CHANCE


Die Kirch­gemeinde Zürich feierte in Koope­ration mit der Libe­ralen Jüdischen Gemeinde Zürich und dem musli­mischen Haus des Friedens einen inter­kulturellen Seder. Anlass dafür war der jüdische Feier­tag Pessach Scheni – das zweite Pessach­fest. Dieses steht im Zeichen einer zweiten Chance.

Rund 90 Juden, Muslimas und Christen kamen am interkulturellen Seder miteinander ins Gespräch. © Textbüro Konrad Die Sederplatte, bestückt mit Speisen voller Symbolgehalt. © Textbüro Konrad Imam Fahredin las die Geschichte über Prophet Moses aus dem Koran. © Textbüro Konrad Pfarrer Jiri Dvoracek erinnerte an die immense Bedeutung einer zweiten Chance. © Textbüro Konrad

Die Fragen sind an Pessach zentral. Warum essen wir Mazza? Warum essen wir Maror? Dem jüngsten Kind der Familie kommt die Auf­gabe zu, diese Fragen vor der versam­melten Tisch­gemein­schaft laut vorzu­lesen und dabei zu singen. «Die älteren Kinder sind sehr froh, verschont zu werden», sagt Nurit Blatman und lacht. Die jüdische Dokto­randin enga­giert sich seit vielen Jahren im Projekt «Respect» für die Organi­sation National Coalition Building Institute (NCBI), die sich unter anderem gegen Rassis­mus und Diskri­minierung stark macht. Am inter­kulturellen Seder im Kirchg­emeinde­haus Schwamen­dingen führte Nurit Blatman die rund 90 Gäste durch den Abend.

Eines der bedeutendsten Feste

Ein Seder ist eine zeremo­nielle Mahl­zeit zum Auf­takt des jüdischen Pessach­festes. Das Abend­essen folgt einem genau fest­gelegten Ablauf. Der Ritus erinnert an den Aus­zug aus Ägypten und feiert die Eigen­ständig­keit des jüdischen Volkes. Das macht Pessach zu einem der bedeu­tendsten Feste im Juden­tum. Doch was genau ist dann Pessach Scheni? Der Feier­tag findet einen Monat nach Pessach statt und bietet die Chance, einen weiteren Seder zu feiern. Er ist gewisser­massen fakul­tativ und erlaubt es jenen, die den Seder an Pessach versäumt haben, die wichtige rituelle Hand­lung nach­zuholen. Den inter­kulturellen Seder auf Pessach Scheni zu legen, bot sich dieses Jahr besonders an, weil Pessach mit Ostern zusammen­fiel und beides während des musli­mischen Fasten­monats Ramadan stattfand. Um fastende Muslime nicht auszu­schliessen, legte man den Seder auf das Datum des Pessach Scheni. Neben dem NCBI wurde der Anlass von der Jüdischen Liberalen Gemeinde Zürich, dem musli­mischen Haus des Friedens sowie der refor­mierten Kirch­gemeinde Zürich getragen.

Erin­nerung an die Zeit der Verskla­vung
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Am Seder erzählt man sich die Geschichte, wie sich die Israe­liten aus der Ver­sklavung des ägyp­tischen Pharaos befreiten und Moses folgten. Dieser teilte das Rote Meer und führte sein Volk ins Gelobte Land. Die darge­reichten Speisen auf der Seder­platte haben einen starken Symbol­gehalt: So erin­nert zum Beispiel die kleb­rige Paste namens Charrosset an den Mörtel, mit dem die israeli­tischen Sklaven Gebäude für den Pharao errichten mussten. Die in Salz­wasser getauchten Radieschen stehen für die geweinten Tränen.

Genutzte Chance für ein Mit­einander

An den 16 Tisch­gemeinschaften am inter­kulturellen Seder in Schwamen­dingen kamen Muslimas, Christen und Jüdinnen über dem Kosten der Speisen mit­einander ins Gespräch. Imam Fahredin Bunjaku vom Haus des Friedens erin­nerte daran, dass Prophet Moses auch im Koran sehr wichtig ist: Er wird 137-mal erwähnt – öfter als jede andere Figur. Als der Imam die Geschichte vom Aus­zug aus Ägypten vorlas, wurde klar, wie sehr sich die beiden Narrative aus Islam und Juden­tum ähneln; einer der vielen Hühner­haut­momente des Abends. Ein anderer war jener, als die aus dem Irak geflüchtete Kurdin Jawahra erzählte, wie sie sich trotz gelungener Inte­gration in der Schweiz immer wieder fremd fühlt. Sie sprach von der Angst, die sie täg­lich empfindet. Die Angst, etwas Falsches zu tun oder zu sagen, weil sie als anders betrachtet wird. Ihr Beitrag machte deutlich, wie viele Menschen auf der ganzen Welt auch heute noch unter Terror­herr­schaften leiden und zur Flucht gezwungen werden.

Sich aus der Knecht­schaft zu befreien, ist schwer. Doch als die Israeliten das Gelobte Land erreichten, feierten sie ihre Frei­heit, tanzten und sangen. Pessach Scheni ist das Fest der genutzten Chancen. Die Chance, einander mit Respekt zu begegnen und zu ver­stehen, haben viele der Gäste am inter­kulturellen Seder aktiv genutzt – und es war eine so inspi­rierende wie warm­herzige Feier.

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