Über den Tellerrand...

«KAIN UND ABEL»


Folgende Predigt wurde von Prof. Konrad Schmid am 8. März 2020 in der Kirche St. Peter gehalten. Prof Konrad Schmid ist Professor für alttestamentliche Wissenschaft und frühjüdische Religionsgeschichte an der UZH. Weitere Informationen zur Person finden Sie hier.

 

Schriftlesung  Gen 4:1-5.8                                                        

 

Und der Mensch erkannte Eva, seine Frau, und sie wurde schwanger und gebar Kain, und sie sprach: Ich habe einen Sohn bekommen mit Hilfe des HERRN.

Und sie gebar wieder, Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt, und Kain wurde Ackerbauer.

Nach geraumer Zeit aber brachte Kain dem HERRN von den Früchten des Ackers ein Opfer dar.

Und auch Abel brachte ein Opfer dar von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem Fett. Und der HERR sah auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer sah er nicht. Da wurde Kain sehr zornig, und sein Blick senkte sich.

Darauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns auf das Feld gehen. Und als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

 

Liebe Gemeinde,

 

was für ein schöner Sonntag, und ich lese Ihnen eine der dunkelsten Geschichten der Bibel vor. Die Geschichte vom Brudermord von Kain an Abel steht ganz zu Beginn der Bibel, man muss nur vier Kapitel weit lesen, um auf sie zu stossen.

 

Weshalb haben die biblischen Autoren diese Geschichte geschrieben? Ist ihnen nichts Besseres eingefallen?

 

Nun, es ist ein Fakt, dass sie diese Geschichte erzählt haben, und wohl kaum deshalb, weil sie sich schaudernd an diesem Vorgang des Brudermordes ergötzen wollten, sondern weil sie offenbar der Auffassung waren, dass diese Geschichte etwas Grundlegendes zum Ausdruck bringt.

 

Es mag Psychologen faszinieren, wenn in solchen mythischen Erzählungen Brüder einander umbringen, Söhne ihre Väter töten und ihre Mütter heiraten, doch was sucht diese Geschichte von Kains Brudermord in der Bibel? Und was sucht sie ganz am Anfang der Bibel, dort wo die grundlegendsten Geschichte, die Urgeschichten der Menschheit stehen? Will sie uns etwa unterstellen, wir seien alle so etwas wie verkappte Brudermörder, nur können wir es durch unsere zivilisatorischen Errungenschaften mittlerweile besser verstecken?

 

Nun, ich denke, dass sich die Geschichte gar nicht so sehr um den Brudermord dreht, als vielmehr um und die Unverfügbarkeit menschlichen Handelns und letztlich um die Unverfügbarkeit Gottes.

 

Das klingt etwas kompliziert, aber lassen Sie mich erklären.

 

Da sind also Adam und Eva und sie bekommen nach der Vertreibung aus dem Paradies zwei Kinder, Kain und Abel. Diese beiden Kinder wachsen heran, Kain wird Ackerbauer und Abel wird Schafhirt.

 

Wir lernen Kain und Abel nicht näher kennen. Es heisst von ihnen nur, dass sie nach einiger Zeit Gott Opfer darbrachten, Kain bringt entsprechend seinem Beruf als Ackerbauer ein Opfer von den Früchten des Ackers, Abel von den Erstlingen seiner Schafe und von ihrem Fett.

 

Zwei Brüder, zwei Opfer. Und was macht Gott? Die Bibel formuliert es so: „Und der HERR sah auf Abel und sein Opfer, aber auf Kain und sein Opfer sah er nicht.“

 

Nun haben die Ausleger immer wieder überlegt, weshalb denn Gott auf Abels Opfer sah, d.h. weshalb er es annahm, und weshalb nicht auch auf Kains. Beide wollten doch offenbar ihre Dankbarkeit für das, was sie vom Acker und den Schafen erhalten haben, durch ein Opfer bezeugen. Ein gerechter, guter Gott hat keinen Anlass, hier auszuwählen. Aber der Gott der Bibel nimmt nur eines der Opfer an an, das andere nicht.

 

Aber es muss doch einen Grund geben, weshalb Gott auswählt! Man kann bei manchen Auslegern lesen, dass Abels Opfer offenbar mehr wert ist als dasjenige Kains, denn es ist ein Tieropfer, während Kain nur ein vegetabiles Opfer darbringt.

 

Doch dieser Erklärungsversuch ist wenig überzeugend. Denn zum einen wissen wir aus den Opfergesetzen im Leviticusbuch, dem dritten Buch Mose, dass vegetabile Opfer genau dieselbe Funktion ausüben können wie tierische Opfer, und zum anderen, das ist noch wichtiger, muss man berücksichtigen, dass unsere Geschichte ganz klar schweigt zu diesem Punkt, weshalb denn Gott nur Abels Opfer annimmt. Es ist nachgerade der Clou dieser Erzählung, dass sie sagt: Gott ist Gott. Gott ist frei. Mit Gott kann man nicht handeln. Gott kann sich auch so verhalten, wie wie wir es nicht erwarten, so, wie wir es auch nicht  billigen.

 

Genau das scheint unsere Erzählung sagen zu wollen mit ihrem Schweigen zur Frage, weshalb Abels Opfer angenommen wird und Kains nicht. Es ist nun einmal so. Gott nimmt das eine an, das andere nicht. Punkt.

 

Ein willkürlicher, ein unberechenbarer Gott? Vielleicht. Aber es ist vor allem ein unverfügbarer Gott, ein freier Gott.

 

Was geschieht aber nun mit Kain unnd Abel? Die Geschichte erzählt es so: „Da wurde Kain sehr zornig, und sein Blick senkte sich.“

 

Diese Darstellung der Reaktion Kains ist sehr wichtig im Ablauf der Erzählung: Wenn man den Text ganz wörtlich übersetzt, würde er etwa wie folgt lauten:

„Da wurde es dem Kain ganz heiss und sein Gesicht fiel herunter.“

 

Weshalb ist diese Übersetzungsfeinheit wichtig? Nun, es ist erkennbar, dass Kain nicht so dargestellt wird, dass er sich angesichts der Zurückweisung seines Opfers überlegt, was er tun soll, sondern es geschieht etwas mit ihm, worüber er keinerlei Kontrolle hat: Es wird ihm heiss und sein Gesicht fällt herunter. Auch wenn es diesen Ausdruck auf deutsch nicht gibt, kann man sich doch plastisch vorstellen, was er bedeutet. Kains Gesicht fällt herunter, er ist nicht mehr in der Lage, seinen Ausdruck zu kontrollieren, er kann nicht gute Miene zum bösen Spiel machen, sondern er verliert in gewissem Sinn sein Gesicht. Und das ist nur die äussere Erscheinung dessen, was in seinem Inneren geschieht. Wir können es nur erahnen, was sich in Kains Herz abspielt, wenn sein Gesicht herunterfällt, aber eines ist deutlich: Der opfernde Kain, dessen Opfer nicht angenommen wird, wird Opfer seiner selbst.

 

Aber wer sollte es ihm verübeln? Immerhin bringen er und Abel die ersten Opfer in der Geschichte der Menschheit dar und schon hier zeigt sich Gott wählerisch, setzt Kain hintenan und liefert ihn seiner eigenen Reaktion aus, über die er nicht Herr ist.

 

Was nun folgt in der Erzählung, ist die prosaische Schilderung des Brudermords:

„Darauf sagte Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns auf das Feld gehen. Und als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.“

Was soll diese Geschichte sagen? Du sollst deinen Bruder nicht umbringen? Das wussten die Alten auch schon ohne diese Geschichte. Und zudem gibt es keine Ermahnungen in dieser Erzählung an die Leser. In ihr kommt kein „Du sollst“ oder „Du sollst nicht“ vor.

 

Es muss etwas anderes sein, was die Autoren dieser Geschichte bewegt hat. Offenbar waren sie von zwei grundlegenden Erfahrungen geprägt.

 

Zum einen: Gott ist über menschliche Kontaktaufnahmen zu ihm nicht steuerbar. Gott ist kein Mechanismus, der so oder anders reagiert auf dasjenige, was ihm angetragen wird. Sondern Gott ist Gott. Er ist frei und diese Freiheit ist manchmal unverständlich, manchmal uneinsichtig, manchmal ungerecht. Nicht, dass Gott auch verständlich, einsichtig und gerecht erscheinen mag, aber darin geht er nicht auf.           

 

Die andere Erfahrung ist diejenige, dass der Mensch, wie Sigmund Freud es einmal formuliert hat, nicht Herr im eigenen Haus ist. Sie erinnern sich: Kain wird es heiss, und sein Gesicht fällt herunter. Diese Erkenntnis, dass der Mensch sich weder durchgängig noch vollständig im Griff hat, ist auf der einen Seite so grundlegend, dass sie im Verlauf der menschlichen Geistesgeschichte immer wieder gemacht worden ist. Paulus, Augustin, Luther, Freud, auch die neuere Neuropsychologie, alle machen auf ihre Art und Weise auf die Unfreiheit des menschlichen Willens aufmerksam. Auf der anderen Seite ist genau diese Erkenntnis aber offenbar so unbequem, dass sie immer wieder verdrängt worden ist und gerade deshalb immer wieder neu entdeckt werden musste.

 

Beide Erfahrungen scheinen auf den ersten Blick problematisch zu sein und man würde sich vielleicht wünschen, dass es anders ist. Gott soll doch verlässlich und berechenbar sein, und der Mensch soll doch Herr seiner selbst sein.

 

Nun, man mag solche Wünsche hegen oder nicht, sie sind insofern sinnlos, weil sie an der Wirklichkeit nichts ändern.

 

Wie und wer Gott ist, werden wir nie wirklich wissen. Sicher wissen können wir aber, dass er nicht die Extrapolation unserer Wünsche ist. Und genau davon will die Geschichte von Kain und Abel berichten: Menschliche Erfahrung lässt sich im Horizont Gottes nicht so interpretieren, dass überall dort, wo wir nicht weiterkommen, wo wir mit Absurditäten, mit Ungerechtigkeiten konfrontiert sind, nun einen Gott in unser Leben einspielen können, der nichts anderes macht, als unseren Erwartungen, Wünschen und Bedürfnissen zu entsprechen. Das Verhältnis von Mensch und Gott, so betont es zumindest unsere Erzählung, ist nicht dasjenige eines Kindes zu seiner Mutter oder seinem Vater, das alle Wünsche erfüllt bekommt. Sondern Gott stellt die Menschen in eine Welt, die komplexer ist, als dass sie durch Handelsrelationen zwischen ihren Akteuren beschreibbar wäre. Wir sind keine Kinder und Gott ist kein Übervater und wir treiben kein Handelsgeschäft miteinander. Wir sind erwachsene Menschen und Gott ist Gott. Und zwischen diesen beiden Aussagen besteht ein inneres logisches Verhältnis: Gerade dadurch, dass wir Gott Gott sein lassen, sind wir erwachsene Menschen.

 

Was nun unsere mangelhafte Herrschaft über uns selbst betrifft, so mögen wir uns noch so sehr danach sehnen, unsere eigenen Gefühle und Gedanken im Griff haben zu können. Dies wird aber nichts daran ändern, dass dies nie der Fall sein wird. Unsere Emotionen haben eine eigene Dynamik und sie bestimmen uns, nicht wir sie.

 

Sigmund Freud hat einmal von den drei Kränkungen gesprochen, die die Menschheit in der Neuzeit durchleben musste. Die erste erfolgte durch Kopernikus, als die Menschen lernen mussten, dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums ist, die zweite brachte Darwin der Menschheit bei, indem er nachwies, dass der Mensch nicht eine Schöpfung sui generis sondern – zumindest in entwicklungsbiologischer Hinsicht - eine Fortentwicklung aus dem Tierreich ist, und die dritte Kränkung ist nun eben diejenige, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist.

 

Die Geschichte von Kain und Abel ist ein frühes Zeugnis dafür, das jedenfalls die dritte dieser Kränkungen nicht erst in der Neuzeit erfunden worden ist.

 

Im Gegenteil: Die Bibel versetzt die Geschichte von Kain und Abel ganz an den Beginn der Menschheit. Schon der dritte Mensch auf der Welt, Kain, musste bitter erfahren, dass er zum einen von Kontingenzen abhängt und zum anderen auf diese Kontingenzen nicht so reagieren kann, wie er will.

 

Das ist es, was die Bibel erzählt. Sie erzählt von Kains Not, nicht von Kains Bosheit. Natürlich ist Brudermord ein Verbrechen, aber in diesem Fall handelt es sich eher um einen Totschlag im Affekt.

 

Die Bibel schreckt sogar nicht davor zurück, die Affekthandlung Kains im Verhalten Gottes selbst zu begründen. Gott selbst ist ja letztlich der Urheber dieser verhängnisvollen Handlungskette, die zum Tod Abels führt. Er nahm das Opfer Abels an, dasjenige Kains nicht, weiss Gott warum.

 

Und es ist derselbe Gott, der Kain dann zwar verflucht, aber ihn mit dem Kainszeichen ausstattet, so dass niemand ihn erschlagen kann und darf.

 

Gott ist also derjenige, der tötet und lebendig macht,
er führt hinab ins Totenreich und führt wieder hinauf.
Gott macht arm, und er macht reich.
Er erniedrigt, aber er erhöht auch.

 

Weshalb macht er das alles? Weshalb macht er nicht einfach lebendig, führt hinaus, macht reich und erhöht?

 

Nun, weil Gott Gott ist, weil Gott in allem Gott ist, weil es nichts gibt, wovon Gott fern ist.

 

Der Gott, der tötet, der Gott der ins Totenreich hinabführt, der Gott der arm macht, der niedrige Gott, das ist ein Gott, den wir aus dem christlichen Glauben gut kennen. Das Christentum hat sich stets geweigert, Gott nur als den gloriosen Weltenherrscher zu denken. Es hat Gott gerade auch in den Widrigkeiten, in den Niedrigkeiten, in den Feindseligkeiten des Lebens erkennen wollen. Und nicht zuletzt deshalb hat das Christentum wohl auch die letzten 2000 Jahre überlebt. Es ist ihm gelungen, Gott anders, Gott neu zu denken, als eine Grösse jenseits unserer Wünsche, als eine Macht, die unser Verstehen überschreitet, als eine Macht, die sich auch in ihrem Gegenteil zeigen kann.

 

Kennen wir diesen Gott wirklich? Sind wir wirklich bereit, Gott in allem zu erkennen, auch dort, wo er tötet und erniedrigt? Kain musste es schmerzvoll lernen. Die Geschichte von Kain mutet aber noch heute jedem Leserin und jedem Leser zu, sich fragen zu lassen, ob sie oder er bereits ist, Gott Gott sein zu lassen und sich selber als blossen Mensch wahrzunehmen, der weder in der Mitte des Universums lebt, noch sich wirklich absolut grundlegend vom Tier unterscheidet, und noch nicht einmal Herr in seinem eigenen Haus ist. Wer wirklich der Herr im eigenen Haus ist, lässt sich oft nicht klar erkennen. Vielleicht aber lassen Sie es einmal darauf ankommen, gar nicht Herr im eigenen Haus sein zu wollen. Dann erst ermöglichen Sie sich eine Erfahrung, dass sich das Leben seine eigenen Erfolge schafft. Sie müssen ja nicht immer unbedingt aus Glück und Wohlstand bestehen, aber sie bringen Einsicht und Frieden, dem Herrn sei Dank.

 

Amen

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