Urban und vielfältig: Kirchenkreis vier fünf

POLITISCHE MUSIK


Was gibt es Schöneres, als sich nach einem langen Arbeitstag gemütlich auf dem Sofa liegend eine Aufnahme von Mozarts Requiem anzuhören? Der gestresste Geist kann sich erholen, und das Glückshormon Serotonin wird grosszügig ausgeschüttet. Für viele Menschen ist die Musik ein idealisierter Zufluchtsort. Diese Sichtweise blendet jedoch eine wichtige Komponente aus: die politische.

Der Zeitgeist, die politische Situation und die individuelle Lebensgeschichte von Komponistinnen und Komponisten haben einen prägenden Einfluss auf jedes einzelne Werk. Im Alltag werden diese Komponenten jedoch meist ausgeblendet. Wie oft hört man in Konzerten eine blosse Aneinanderreihung von vermeintlich «schönen» Kompositionen? Es wird auf das Werk fokussiert, der Kontext von Entstehung und Biografie bleibt dabei aussen vor. Musik ist jedoch mehr als blosses Entertainment. Sie hat Revolutionen und Streiks begleitet, sie hat geholfen, den Verlust geliebter Menschen zu verarbeiten oder persönliche Konflikte auszutragen. Rebecca Clarke war eine der ersten professionellen Orchestermusikerinnen Englands. An einem renommierten Wettbewerb erhielt sie den zweiten Preis. Es entstand das Gerücht, dass dieses Stück unmöglich von ihr stammen könne. Eine Zeitung behauptete, dass wohl eher ein männlicher Komponist dahinterstecken müsse. Von ihrem Mann wurde Clarke unterstützt, trotzdem hörte sie aufgrund des immer wieder ungläubigen Umfelds fast gänzlich mit dem Komponieren auf. Wenn wir heute eines ihrer Stücke anhören, ist diese Information mehr als eine unterhaltsame Anekdote. Sie hilft uns, die Stellung der Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts einzuordnen. Sie hilft uns, zu verstehen, mit welchen Widrigkeiten eine junge Komponistin vor nicht einmal 100 Jahren zu kämpfen hatte. Sie hilft uns, musikalische Motive vielschichtiger zu deuten. Und sie hilft uns, die Musik mit unserer eigenen Geschichte zu verweben.

Musik wurde jedoch auch immer wieder für politische Zwecke missbraucht. Im Dritten Reich galten Beethoven, Bruckner und Wagner als ideale Komponisten, und ihre Werke wurden für propagandistische Zwecke genutzt. Werke von Komponisten mit jüdischen Wurzeln wie Schönberg und Mendelssohn galten hingegen als «entartete» Kunst.

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«Wie oft hört man in Konzerten eine blosse Aneinanderreihung von vermeintlich schönen Kompositionen? Es wird auf das Werk fokussiert, der Kontext von Entstehung und Biografie bleibt dabei aussen vor.»

Marco Amherd, Kantor Johanneskirche




Dmitri Shostakovich nimmt in dieser Geschichte eine Doppelrolle ein. Zum einen komponierte er Hymnen für Stalin, auf der anderen Seite lebte er in ständiger Angst vor Repression, und seine Werke wurden nicht selten als Staatsmusik gefeiert, kurz bevor sie wieder auf dem Index landeten. In vielen seiner Kompositionen ist diese innere Zerrissenheit deutlich hörbar.

Wenn Konzertveranstalter*innen, Kirchen und das Publikum sensibler auf die Geschichte hinter einer Komposition eingehen, kann Musik auch wieder dringlicher für uns alle werden. Auch im Gottesdienst. Weniger Berieselung, dafür mehr Relevanz. Dann werden die Konzertsäle und Kirchen auch nach Corona wieder voll neugieriger Menschen sein.

 

Aktuell

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Wöchentliche Dienstags­vesper in der Johannes­kirche
Di, 30. November, 18.30 Uhr

«Zeichen» Orgel-Vesper mit Musik von Schweizer Komponisten, Tobias Willi, Orgel
Pfrn. Liv Zumstein, Liturgie

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So, 5. Dezember, mit Tobias Willi   |  In der Orgel­konzert­reihe der Johannes­kirche sind international tätige Gast-Solist*innen zu hören, deren Programme die Orgeln in ihrer ganzen Klang­pracht erklingen lassen.

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Diakonie kümmert sich um tragende soziale Kontakte und vermittelt Sinn und Würde. Durch gemeinschafts­fördernde Angebote stärken wir die Beziehungen im Quartier.

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Entdecken Sie hier unsere Angebote für Kinder und Jugendliche zwischen 1 und 16 Jahren.

171715.09.2021