Predigten, Andachten und weitere Texte

GESPRÄCH MIT MEINER MUTTER


Tagblatt –Gespräch mit meiner Mutter

 

«Meinst Du, es ist wirklich so gefährlich?» Meine Mutter sass auf dem Sofa und schaute besorgt in meine Richtung.  Meine Mutter ist über 80jährig und wohnt seit mehr als 60 Jahren im Emmental. Auch wenn ihr das Gehen Mühe bereitet und sie einen Gehstock als Hilfe benötigt, verliess sie bis vor kurzem jeden Tag das Haus für Einkäufe und Kaffeeklatschs. Ihren Lottoschein abgeben, Aquavit und Jassen standen auf dem wöchentlichen Programm. Wegen ihres hohen Alters und einer zurückliegenden Krebserkrankung gehört sie mehrfach zur Risikogruppe. Sie ahnte natürlich wie meine Antwort ausfallen würde.  «Ja, ist es. Wir müssen darauf achten, die Vorgaben strikte einzuhalten und auch die Empfehlungen ernst nehmen». Sie dachte einen kurzen Moment nach und sagte: «Ich musste schon oft schwierige Zeiten überstehen, dann müssen wir jetzt halt da durch». Sie ist 1939 in Deutschland geboren und verlor beim letzten Bombenangriff auf die Heimatstadt ihre Mutter. Sie weiss, was es bedeutet, in dunklen Kellern auszuharren und zu hoffen, dass es einem nicht trifft. «Immerhin» fuhr sie in ihren Äusserungen fort «dringt Licht durch mein Wohnzimmerfenster und ich kann mich jederzeit auf meinem Balkon aufhalten und die Sonne geniessen. Wir haben Glück in der Schweiz zu leben.»

 

Ich lächelte ihr aus Distanz zu und freute mich über ihre Worte, denn sie zeigten mir, dass sie die ernste Lage richtig einschätzte.  Ich besuchte sie an diesem Tag, weil ich ihre Einkäufe tätigte und musste meine erlebten Eindrücke erst einmal verdauen. Im Frischmarkt kam mir nämlich Frau S. entgegen, sie war wie meine Mutter über 80jährig. Ich fragte danach die Verkäuferin, ob es nicht möglich wäre, den älteren Menschen die Einkäufe nach Hause zu liefern, auch wegen der Gefahr einer möglichen totalen Ausgangssperre. Sie antwortete: «Wenn dies Leute wollen, liefern wir das selbstverständlich. Aber Frau S. isch zwäg, und wissen Sie, wir nehmen hier alles ein wenig gemächlicher und mit Humor». So dachten am Anfang viele, aber ich bin überzeugt, sie und all die anderen haben

 

 

 

 

ihre Meinung inzwischen aufgrund der Zahlen von den Erkrankten geändert und nehmen es nicht mehr so locker. Inzwischen sind alle gefordert, nicht nur die ältere Generation und die Risikogruppen. Die ganze Arbeitswelt steht Kopf und auch Kinder und Jugendliche, die seit Tagen und auch noch für Wochen daheim bleiben müssen, ohne Schule und Freunde zu treffen, sind eingeschränkt. 

 

Da ich nicht in der Nähe von meiner Mutter wohne, werden meine Schwester und ihre Kinder sich um sie und ihre Einkäufe kümmern. Bevor ich meine Mutter verabschiede sagte sie etwas nachdenklich: «Weisst Du, ich wurde als Kind von heute auf morgen aufs Land gebracht, wegen der Kinderlähmung in unserer Stadt. Es war hart meine gewohnte Umgebung zu verlassen. Ich fühlte mich einsam und ausgeschlossen, war wütend und traurig gleichzeitig. Aber ich hatte im Gegensatz zu einigen von meinen Freundinnen Glück und blieb gesund. Ich glaube, es ist vorherbestimmt, wann wir gehen müssen. Alles hat seine Zeit. Und jetzt ist für mich die Zeit, daheim zu bleiben und mir helfen zu lassen». Bewegt und beruhigt trat ich meinen Heimweg an. Ich wusste nun, meine Mutter besass die Kraft und die Ressourcen einer Generation, die schon viele schwere Zeiten durchstehen musste und sich im richtigen Moment auch wieder daran erinnert. Sie machte mir Mut ich weiss jetzt, dass sie durch ihre Haltung diese aussergewöhnliche Zeit gut überstehen wird.  Ich habe von meiner Mutter einmal mehr gelernt, dass alles seine Zeit hat und dass es jetzt Zeit ist, daheim zu bleiben. Und auch, dass es immer Zeit ist zu vertrauen, dass wir Zeiten der Herausforderungen gehalten und getragen werden von einer göttlichen Kraft, die uns schützt aber auch schwere Zeiten zumutet.

 

Es ist Zeit, sich einzuschränken und über vieles Nachzudenken; so wie wir im Buch der Sprüche aufgefordert werden: 

 

10 Weisheit wird in dein Herz einziehen, und das Wissen wird deiner Seele wohltun. 
11 Die Umsicht wird über dir wachen,  die Einsicht wird dich beschützen.     

Sprüche 2,10

 

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Aktuell

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«Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt», sagte Jesus zu seinen Jüngern. An unserem Videogottesdienst in der Kirche Leimbach fragen die Pfarrerinnen Gudrun Schlenk und Angelika Steiner: Bist du reich?

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WENN ICH STERBE IST DIE KIRCHE LEER...


Blog-Beitrag vom 29. April 2020
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In der Nacht  auf den Ostersonntag werden die Kirchtürme im Kirchenkreis zwei ausgeleuchtet und strahlen die Botschaft der Hoffnung aus! Ein Text von Pfr. Jürg Baumgartner

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Die Broschüre der Predigtreihe zu den Glasfenstern von Max Hunziker in der Alten Kirche Wollishofen findet sich online hier.1692